SMS des Vaters

07. Februar 2011 14:26; Akt: 04.03.2011 12:55 Print

«Ich bringe die Zwillinge nicht zurück»

Alessia und Livia bleiben verschwunden. Statt einer neuen Spur tauchen Zweifel an den bisherigen Hinweisen auf. Eine SMS erklärt immerhin den schnellen Alarm.

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Seit dem 30. Januar 2011 werden die Zwillinge Livia und Alessia vermisst. Ihr Vater Matthias S. hatte die beiden von zuhause mitgenommen. Am 3. Februar nahm er sich das Leben. Die Zwillinge sind seither nicht aufzufinden. Laut einem Zeugen sollen die beiden anfangs Juli am Strand von Termoli in Zentralitalien gesehen worden sein. Sie sind sechs Jahre alt. (Auf diesem Bild: Livia) Die Eltern hatten sich wenige Monate vor ihrem Verschwinden getrennt. (Auf diesem Bild: Alessia) Der letzte Grosseinsatz der Waadtländer Polizei auf der Suche nach den Mädchen: Am 14. und 15. April wurde die Gegend zwischen Morges und Saint Prex VD abgesucht. Gesucht wurde auch auf und im Genfersee. Rund 140 Polizisten, Zivilschützer und Spürhunde durchkämmten die Gegend. Darunter waren auch Beamte mit Spürhunden aus Frankreich und Österreich. Die Gegend wurde minutiös durchsucht. Ein Zeuge hatte in dem Gebiet am 30. Januar, dem Tag des Verschwindens von Alessia und Livia, einen Mann mit einem Koffer gesehen. Doch die grossangelegte Suche blieb ohne Ergebnis. Die Suche nach den Zwillingen dauert schon lange. Die Mutter Irina L. lässt nichts unversucht, um die Mädchen zu finden. Am 13. Februar trat sie in Korsika vor die Medien und bat die Bevölkerung um Mithilfe. Unzählige Spuren werden seit der Vermisstmeldung ausgewertet. So bestätigt etwa ein Bild von Matthias S. an der Autobahnzahlstelle von Nizza vom 2. Februar, dass die Mädchen zu jenem Zeitpunkt nicht mehr im Auto waren. Die Bank auf dem Rücksitz ist leer. In der italienischen Sendung «Chi l'ha visto» vom 23. Februar 2011 werden Zeichnungen von den dreckigen Stiefeln von Matthias S. gezeigt. Die Stiefel soll er am Sonntag, 30. Januar getragen haben - am Tag, an dem Livia und Alessia verschwanden. Schlammspuren fanden sich auch am schwarzen Audi, den Matthias S. am 3. Februar in Cerignola I auf einem Parkplatz abgestellt hatte. Danach warf er sich vor einen Zug. In der Villa von Matthias S. gibt es weitere Spuren: Es fehlen zwei Koffer. Ein grosser schwarzer Rollkoffer und ein mittelgrosser dunkelblauer. Im Badezimmer der Villa fanden die Ermittler zudem zwei abgetrennte Gepäckkleber und die zwei Zahnbürsten der Mädchen - alles lag zuoberst in einem Abfalleimer. Bilder einer von Überwachungskameras aus Marseille zeigen den Vater der Zwillinge, wie er an Bankomaten Geld abhebt. Auf den Bildern, die vom 31. Januar stammen, ist der Vater ohne die beiden Zwillinge unterwegs. Die Polizei in Marseille hat weitere Fotos veröffentlicht, mit denen nach den beiden Zwillingen gesucht werden soll. Will die Zwillinge auf Korsika gesehen haben: Olga Orneck. Weitere Fotos der vermissten Zwillinge Alessia (links) und Livia. Livia und Alessia. Die beiden sind zweieiige Zwillingsschwestern. Der Fluchtweg von Matthias S. und den beiden entführten Mädchen Alessia und Livia zeichnet sich immer deutlicher ab: Gesichert ist, dass der Vater die Fähre von Marseille nach Korsika nahm. Ob die Kinder dabei waren ist bereits hier ungewiss. Sicher ist: Matthias S. kehrte alleine wieder aufs französische Festland zurück und reiste mit seinem Auto vermutlich Richtung Süden weiter. In Vietri sul Mare, südlich von Neapel, wurde er in einer Pizzeria gesichtet. Am gleichen Abend nahm sich Matthias S. im süditalienischen Cerignola das Leben. Jean-Christophe Sauterel von der Kapo Waadt erklärt den Medienvertretern die Route von Matthias S. Die Mutter, begleitet von ihrem Bruder, hat am 9. Februar im italienischen Staatsfernsehen einen verzweifelten Aufruf gemacht. Valerio Lucidi, der Onkel der Zwillinge, gibt in St-Sulpice den Medien Auskunft über die Ermittlungen. Das Medieninteresse ist gewaltig. Mit diesen Bildern hat die Polizei zu Beginn gefahndet. Ihr Vater Matthias fuhr vermutlich am Sonntagabend mit den Kindern nach Frankreich. Spuren gibt es aus den Städten Annecy, Toulon und Marseille - allerdings nur vom Vater. Er lebt seit September 2010 getrennt von seiner Frau. Sie reichte die Scheidung ein, er wollte offenbar das gemeinsame Sorgerecht. Eine Fähre läuft im Hafen von Marseille Richtung Korsika aus. In der südfranzösischen Stadt kaufte der Vater am Montag, 31. Januar, drei Tickets für die Schifffahrt nach Korsika. Mindestens drei Zeugen wollen Alessia, Livia und Matthias S. auf der Überfahrt gesehen haben. In dieser Kabine sollen sie übernachtet haben. Spuren wurden aber keine gefunden. Am Donnerstagabend, 3. Februar, um ca. 23 Uhr setzte der Vater seinem Leben ein Ende. Er warf sich beim Bahnhof von Cerignola in der Nähe von Bari vor einen Zug. Von den Kindern fehlt jede Spur. Das Auto des Vaters wurde am Bahnhof von Cerignola abgeschlossen aufgefunden. Einen Hinweis über den Verbleib der Töchter fanden die Ermittler nicht. Der Wagen gehört eigentlich der Mutter der Zwillinge. Suchtrupps mit Spürhunden suchten in der Umgebung von Foggia nach Spuren der vermissten Zwillinge. Die Polizei suchte am Wohnort der Zwillinge nach Hinweisen über den Verbleib der Kinder. Gefunden hat sie dort das Testament des Vaters. Als Erben sind seine Töchter aufgeführt: Seine von ihm getrennte Frau sollte nur den Pflichtteil erhalten. Am 5. Februar 2011 versammelten sich dutzende Personen in Saint-Sulpice (VD) zu einem Solidaritätsmarsch. Mit dem Marsch wollten die Teilnehmer der Familie der verschwundenen Zwillinge Trost und Unterstützung signalisieren.

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Noch immer fehlt jede Spur von Alessia und Livia. Die Polizei fahndet seit acht Tagen mit Hochdruck nach den sechsjährigen Zwillingsmädchen. Ihre Bilanz ist ernüchternd: Entgegen bisherigen Meldungen verliert sich die Fährte der Zwillinge nicht in Marseille, sondern bereits nach ihrer Abfahrt im waadtländischen St-Sulpice. Wie die Kantonspolizei Waadt in einer Medienmitteilung schreibt, haben sich die Hinweise aus Marseille in Luft aufgelöst.

«Die Anwesenheit der beiden Mädchen im Reisebüro in Marseille ist entgegen unseren bisherigen Berichten nicht gesichert», sagt Sprecher Jean-Christophe Sauterel. Das Fähr-Unternehmen «Méridionale de navigation» bestätigte den Ermittlern, dass der Vater drei Tickets gekauft habe, es sei aber nicht bestätigt, dass die Mädchen oder der Vater die Fähre überhaupt bestiegen hätten. «Das Ticket ist am Pier gescannt worden», sagt der stellvertretende Staatsanwalt von Marseille, Christophe Barret, gegenüber der Nachrichtenagentur SDA, «aber das genügt nicht, um sicher zu sein, dass der Vater und die Mädchen wirklich an Bord waren.»

Letzte SMS an Mutter

Der Polizei verrinnen damit die Hinweise aus Frankreich und auch aus Italien wie Wasser zwischen den Fingern. Im Prinzip beginnt sie bei null. Gemäss der aktuellen Medienmitteilung gibt es keine Belege mehr dafür, dass die Zwillinge die Schweiz überhaupt verlassen haben. Zum letzten Mal gesehen wurden Alessia und Livia am Sonntag, 30. Januar um 13 Uhr in St-Sulpice – und «seither nicht mehr», wie die Polizei explizit schreibt.

Wieso die Polizei so schnell die Fahndung auslöste, blieb bisher unklar. Nun scheint die Frage gelöst: Die Mutter hatte eine SMS von Matthias S. erhalten. «Ich bringe die Mädchen nicht mehr nach Hause zurück», soll der Vater darin geschrieben haben, sagt Roberto Mestichelli gegenüber «La Republicca». Der Rechtsanwalt ist gemäss dem Zeitungsbericht der Cousin der Mutter von Alessia und Livia. «Sie [die Mutter] hat nach dieser SMS gewusst, dass etwas nicht stimmt, und sofort Alarm geschlagen», so Mestichelli weiter. Doch was bedeutet die SMS? Wollte Matthias S. ursprünglich einfach mit den Mädchen nach Italien flüchten oder hat er geplant, sie verschwinden zu lassen? Die Frage bleibt offen. Dass der Vater nach Korsika gefahren sei mit den Mädchen, glaubt Mestichelli jedenfalls nicht. «Sie haben keine Bekannte auf der Insel», sagt Mestichelli. Es sei für ihn sehr mysteriös, «aber in diesem Fall ist vieles mysteriös», so der Cousin der Mutter.

Die Schweizer Polizei glaubt offenbar auch, dass die Mädchen noch immer in der Schweiz sein könnten: Sie hat die Suche nach den Zwillingen in St-Sulpice ausgeweitet. Beamte durchsuchten bisher dreimal die Häuser von Verwandten. Zudem wurde auch die Nachbarschaft durchkämmt und rund 80 Haushalte aufgesucht. Im Hafen von Morges und Vidy wurden weiter vier Boote des Arbeitgebers von Matthias S. «gründlich durchsucht», wie es in der Medienmitteilung heisst. Auch weitere Häfen in der Region wurden besucht. Am Montag kreiste zudem ein Helikopter über dem See. Die Polizei suchte auch alle Tankstellen zwischen St-Sulpice und Genf auf und befragte die Angestellten in der Hoffnung, dass der Vater oder die Zwillinge gesehen worden waren.

Vater hat Auto gestohlen

Matthias S. war mit dem Auto seiner Ehefrau unterwegs. Er hatte ihr den Audi gestohlen. Das Auto wurde zur Fahndung ausgeschrieben und die Polizei überprüfte auch allfällige Geschwindigkeitsübertretungen, um Rückschlüsse auf die Fluchtroute machen zu können - allerdings erfolglos. Die Beamten liessen auch im privaten Umfeld von Matthias S. keinen Stein auf dem anderen: Sein Mobiltelefon, seine Bankauszüge und auch sein Arbeitsplatz sind untersucht worden. Bisher ohne Erfolg, wie die Polizei schreibt.

Die Behörden geben die Zwillinge aber nicht auf: Allein in der Schweiz sind 40 Beamte mit dem Fall betraut. Die Polizei in Marseille hat ihn zu ihrem prioritären Fall erklärt und auch in Italien wird mit Hochdruck gesucht. Vor allem um Neapel, wo der Vater zuletzt lebend gesehen wurde und in Cerignola, wo er sich vor den Zug warf.

(fum/amc)