Entführte Zwillinge

01. März 2011 15:12; Akt: 04.03.2011 13:20 Print

Die offenen Fragen zu Alessia und Livia

von Antonio Fumagalli - Einen Monat ist es her, seit Matthias S. seine Mädchen verschleppt hat. Obwohl die Suche noch immer auf Hochtouren läuft, bleibt der Fall mysteriös.

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Seit dem 30. Januar 2011 werden die Zwillinge Livia und Alessia vermisst. Ihr Vater Matthias S. hatte die beiden von zuhause mitgenommen. Am 3. Februar nahm er sich das Leben. Die Zwillinge sind seither nicht aufzufinden. Laut einem Zeugen sollen die beiden anfangs Juli am Strand von Termoli in Zentralitalien gesehen worden sein. Sie sind sechs Jahre alt. (Auf diesem Bild: Livia) Die Eltern hatten sich wenige Monate vor ihrem Verschwinden getrennt. (Auf diesem Bild: Alessia) Der letzte Grosseinsatz der Waadtländer Polizei auf der Suche nach den Mädchen: Am 14. und 15. April wurde die Gegend zwischen Morges und Saint Prex VD abgesucht. Gesucht wurde auch auf und im Genfersee. Rund 140 Polizisten, Zivilschützer und Spürhunde durchkämmten die Gegend. Darunter waren auch Beamte mit Spürhunden aus Frankreich und Österreich. Die Gegend wurde minutiös durchsucht. Ein Zeuge hatte in dem Gebiet am 30. Januar, dem Tag des Verschwindens von Alessia und Livia, einen Mann mit einem Koffer gesehen. Doch die grossangelegte Suche blieb ohne Ergebnis. Die Suche nach den Zwillingen dauert schon lange. Die Mutter Irina L. lässt nichts unversucht, um die Mädchen zu finden. Am 13. Februar trat sie in Korsika vor die Medien und bat die Bevölkerung um Mithilfe. Unzählige Spuren werden seit der Vermisstmeldung ausgewertet. So bestätigt etwa ein Bild von Matthias S. an der Autobahnzahlstelle von Nizza vom 2. Februar, dass die Mädchen zu jenem Zeitpunkt nicht mehr im Auto waren. Die Bank auf dem Rücksitz ist leer. In der italienischen Sendung «Chi l'ha visto» vom 23. Februar 2011 werden Zeichnungen von den dreckigen Stiefeln von Matthias S. gezeigt. Die Stiefel soll er am Sonntag, 30. Januar getragen haben - am Tag, an dem Livia und Alessia verschwanden. Schlammspuren fanden sich auch am schwarzen Audi, den Matthias S. am 3. Februar in Cerignola I auf einem Parkplatz abgestellt hatte. Danach warf er sich vor einen Zug. In der Villa von Matthias S. gibt es weitere Spuren: Es fehlen zwei Koffer. Ein grosser schwarzer Rollkoffer und ein mittelgrosser dunkelblauer. Im Badezimmer der Villa fanden die Ermittler zudem zwei abgetrennte Gepäckkleber und die zwei Zahnbürsten der Mädchen - alles lag zuoberst in einem Abfalleimer. Bilder einer von Überwachungskameras aus Marseille zeigen den Vater der Zwillinge, wie er an Bankomaten Geld abhebt. Auf den Bildern, die vom 31. Januar stammen, ist der Vater ohne die beiden Zwillinge unterwegs. Die Polizei in Marseille hat weitere Fotos veröffentlicht, mit denen nach den beiden Zwillingen gesucht werden soll. Will die Zwillinge auf Korsika gesehen haben: Olga Orneck. Weitere Fotos der vermissten Zwillinge Alessia (links) und Livia. Livia und Alessia. Die beiden sind zweieiige Zwillingsschwestern. Der Fluchtweg von Matthias S. und den beiden entführten Mädchen Alessia und Livia zeichnet sich immer deutlicher ab: Gesichert ist, dass der Vater die Fähre von Marseille nach Korsika nahm. Ob die Kinder dabei waren ist bereits hier ungewiss. Sicher ist: Matthias S. kehrte alleine wieder aufs französische Festland zurück und reiste mit seinem Auto vermutlich Richtung Süden weiter. In Vietri sul Mare, südlich von Neapel, wurde er in einer Pizzeria gesichtet. Am gleichen Abend nahm sich Matthias S. im süditalienischen Cerignola das Leben. Jean-Christophe Sauterel von der Kapo Waadt erklärt den Medienvertretern die Route von Matthias S. Die Mutter, begleitet von ihrem Bruder, hat am 9. Februar im italienischen Staatsfernsehen einen verzweifelten Aufruf gemacht. Valerio Lucidi, der Onkel der Zwillinge, gibt in St-Sulpice den Medien Auskunft über die Ermittlungen. Das Medieninteresse ist gewaltig. Mit diesen Bildern hat die Polizei zu Beginn gefahndet. Ihr Vater Matthias fuhr vermutlich am Sonntagabend mit den Kindern nach Frankreich. Spuren gibt es aus den Städten Annecy, Toulon und Marseille - allerdings nur vom Vater. Er lebt seit September 2010 getrennt von seiner Frau. Sie reichte die Scheidung ein, er wollte offenbar das gemeinsame Sorgerecht. Eine Fähre läuft im Hafen von Marseille Richtung Korsika aus. In der südfranzösischen Stadt kaufte der Vater am Montag, 31. Januar, drei Tickets für die Schifffahrt nach Korsika. Mindestens drei Zeugen wollen Alessia, Livia und Matthias S. auf der Überfahrt gesehen haben. In dieser Kabine sollen sie übernachtet haben. Spuren wurden aber keine gefunden. Am Donnerstagabend, 3. Februar, um ca. 23 Uhr setzte der Vater seinem Leben ein Ende. Er warf sich beim Bahnhof von Cerignola in der Nähe von Bari vor einen Zug. Von den Kindern fehlt jede Spur. Das Auto des Vaters wurde am Bahnhof von Cerignola abgeschlossen aufgefunden. Einen Hinweis über den Verbleib der Töchter fanden die Ermittler nicht. Der Wagen gehört eigentlich der Mutter der Zwillinge. Suchtrupps mit Spürhunden suchten in der Umgebung von Foggia nach Spuren der vermissten Zwillinge. Die Polizei suchte am Wohnort der Zwillinge nach Hinweisen über den Verbleib der Kinder. Gefunden hat sie dort das Testament des Vaters. Als Erben sind seine Töchter aufgeführt: Seine von ihm getrennte Frau sollte nur den Pflichtteil erhalten. Am 5. Februar 2011 versammelten sich dutzende Personen in Saint-Sulpice (VD) zu einem Solidaritätsmarsch. Mit dem Marsch wollten die Teilnehmer der Familie der verschwundenen Zwillinge Trost und Unterstützung signalisieren.

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Vor dreissig Tagen wurden die Zwillinge Alessia und Livia von ihrem Vater Matthias S. im waadtländischen St-Sulpice verschleppt, seither bewegt ihr Schicksal die Öffentlichkeit. Ein Monat des Schreckens insbesondere für die Mutter der Zwillinge – auch wenn sie die Hoffnung, ihre einzigen Kinder wieder lebend in die Arme nehmen zu können, noch nicht aufgegeben hat (siehe Videoaufruf vom Samstag).

Die Polizeikorps in der Schweiz, Frankreich und Italien gehen seit Wochen unzähligen Hinweisen nach, Dutzende von Beamte kümmern sich ausschliesslich um das Schicksal der Zwillingsmädchen. Dennoch bleibt eine ganze Reihe von Fragen offen:

Der Verbleib der Zwillinge:

Gesichert ist einzig, dass Alessia und Livia am Morgen des 30. Januars mit Nachbarskindern in St-Sulpice spielten. Danach verliert sich ihre Spur. Hat sie Matthias S. auf seine irre Fahrt durch halb Europa mitgenommen? Mehrere Zeugen wollen die Zwillinge an verschiedenen Orten gesehen haben, Beweise dafür fehlen allerdings. Der Brief, den Matthias S. kurz vor seinem Tod an seine Frau schickte, scheint auf grausame Weise zielführender: Er schrieb, dass sie die Mädchen nicht mehr wiedersehen werde. Auch der zuständige französische Staatsanwalt Jacques Dallest glaubt kaum mehr an ein versöhnliches Ende der Geschichte, wie er gegenüber «24 Heures» sagte: «Meiner Ansicht nach wurden die Zwillinge auf der Fähre über Bord geworfen.»

Der Reiseweg des Vaters:

Matthias S. nahm sich am Abend des 3. Februars im süditalienischen Cerignola das Leben. Zuvor wurde er in Marseille, auf Korsika, in Toulon und südlich von Neapel gesichtet – immer ohne die Mädchen. Weshalb ging er ausgerechnet nach Apulien? Und wo fuhr er genau durch? Der Chip des Navigationsgeräts von Matthias S. könnte diesbezüglich wertvolle Hinweise liefern. Trotz einer grossangelegten Suche mit rund hundert Freiwilligen entlang der Bahnstrecke in Cerignola, wo Teile des GPS-Geräts gefunden wurden, bleibt der Chip bis heute verschollen. Hat Vater ihn absichtlich versteckt?

Die Zeitlücken:

Was machte Matthias S. am Morgen des 30. Januars während der rund drei Stunden, als die Mädchen in der Obhut eines Nachbars waren? Weshalb benötigte er mit seinem Auto mehrere Stunden für die 60 Kilometer bis zur französischen Grenze? Unklar bleibt auch, weshalb der Zwillingsvater über einen Tag brauchte, um von Toulon nach Süditalien zu gelangen.

Die fehlenden Beweisstücke:

Neben dem erwähnten GPS-Chip wirft auch der Verbleib des Diktaphons von Matthias S. Fragen auf: Jahrelang trug er es immer auf sich und verwendete es als eine Art Agenda. Wo hat er es vor seinem Tod deponiert? Hat er darauf Hinweise über das Schicksal der Mädchen aufgenommen? In seiner Villa in St-Sulpice fehlen zudem zwei Koffer, dafür wurden schlammige Stiefel entdeckt. Bezeichnend ist auch, dass es von der ganzen Irrfahrt keine Videobeweise von den Mädchen gibt, auf allen Überwachungsbildern ist der Vater alleine zu sehen.

Der mögliche Komplize:

Die Hoffnung der Mutter, ihre Kinder noch lebend zu sehen, beruhte seit Beginn auf einer Hypothese: Dass Matthias S. die Mädchen einer Drittperson übergeben hat, die sie seither versteckt hält. Begünstigt wurde der Hoffnungsschimmer durch die Tatsache, dass der Vater in Marseille fast 8000 Euro abhob, die er als Gegenleistung einem möglichen Komplizen hätte übergeben können. Als einige Tage später ein Grossteil der Summe per Post kommentarlos bei der Mutter eintraf, erlitt die These aber einen herben Dämpfer. Auch die mögliche Verbindung zu einer vermissten Frau im Kanton Freiburg scheint sich zerschlagen zu haben: Die Waadtländer Polizei geht von «keinem Zusammenhang» der beiden Fälle aus.

Das Motiv:

Letztlich bleibt die Frage nach dem Beweggrund des Vaters für seine mutmassliche Tat. Im letzten Sommer trennte sich seine Frau von ihm, kurz vor der Tat reichte sie die Scheidung ein. Dennoch konnte sie sich zumindest anfänglich nicht vorstellen, dass er Alessia und Livia Leid zugefügt hatte. War ihm der Tod der Kinder den Preis wert, um seiner Frau maximalen Schmerz zuzufügen? Denkbar – aber weshalb schickte er ihr dann das abgehobene Geld zurück?


Im Drama um Alessia und Livia bleiben auch einen Monat nach der Entführung mehr offene Fragen als Antworten. Sicher ist einzig, dass Matthias S. sein perfides Vorgehen peinlich genau geplant hatte. Der verzweifelten Mutter hilft dies alles herzlich wenig – sie will einzig Gewissheit über das Schicksal ihrer Töchter.