Grüne Wirtschaft

20. September 2016 10:20; Akt: 20.09.2016 10:20 Print

«Das Ziel ‹eine Erde› ist ehrgeizig, aber machbar»

von P. Michel - ETH-Professor Philipp von Rohr ist überzeugt, dass die Initiative Grüne Wirtschaft umsetzbar ist. Trotzdem spricht er sich gegen die Vorlage aus.

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Herr Rudolf von Rohr, im Rahmen der Energiestrategie soll ihre Forschung dazu beitragen, den Energieverbrauch der Industrie um bis zu 40 Prozent zu senken. Ist das realistisch?
Die Herausforderung ist natürlich riesig. Aber die Industrie ist daran interessiert, Geld zu sparen, und sinkende Kosten sind auch der Haupttreiber, um den Energieverbrauch zu senken, besonders bei den energieintensiven Branchen wie der Pharma oder in der Landwirtschaft. Natürlich gibt es andernorts noch Aufholbedarf: Viele KMUs stehen aufgrund des starken Frankens dermassen unter Druck, dass sie kaum in energiesparende Prozesse investieren, die später die Kosten insgesamt reduzieren würden.

Umfrage
Glauben Sie, dass der technologische Fortschritt die Umweltbelastung auf eine Erde reduzieren kann?
38 %
23 %
39 %
Insgesamt 1793 Teilnehmer

Auch die Initiative Grüne Wirtschaft will unter anderem durch optimierte Prozessabläufe in der Industrie die Umweltbelastung reduzieren – auf «eine Erde». Ist das machbar?
Ich bin davon überzeugt, dass wir dieses Ziel erreichen können, auch wenn es extrem ehrgeizig ist. Gerade die Schweiz hat als reiches und innovatives Land die Möglichkeit, eine Vorbildfunktion einzunehmen und zu zeigen, dass es machbar ist. Dass es in die richtige Richtung geht, zeigen grosse Konzerne wie Novartis: Der Pharmariese will bis 2030 die Menge an Treibhausgasen um 50 Prozent zurückfahren.

Die Befürworter der Initiative argumentieren, dass es bis 2050 genügend Innovation gibt, um eine nachhaltige Wirtschaft möglich zu machen. Teilen Sie diese Einschätzung?
Es wird auf jeden Fall Neuerungen geben, die zu noch mehr Effizienz in den Produktionsprozessen der Industrie führen. Es gibt jedoch immer zwei Seiten: Als beispielsweise der Computer in vielen Prozessen Einzug hielt, führte die Technologie erstmal zu einer grossen Effizienzsteigerung. Es passierte aber noch etwas anderes: Der Energieverbrauch erhöhte sich massiv. Heute brauchen in der Schweiz alle Computer mehr Energie als der gesamte Flugverkehr. Das zeigt, dass Innovationen auch Nebeneffekte haben können. Darum müssen für das Ziel der einen Erde alle einen Beitrag leisten: Innovative Unternehmen, umweltbewusste Konsumenten und eine starke Forschung.

Obwohl Sie das Ziel der «einen Erde» für machbar halten, sprechen Sie sich gegen die Initiative aus. Warum?
Es ist zwar zu begrüssen, dass der Wirtschaft mit der Initiative ein Zeitrahmen für die Reduktionsziele vorgelegt wird. So kann sich die Wirtschaft an den Vorgaben orientieren und auch ihre Produkte darauf ausrichten. Was mich stört ist, dass dieses Ziel in der Verfassung festgeschrieben würde. Die Wirtschaft bewegt sich von selbst, auch ohne politischen Druck und mit dem freiwilligen Ziel, die Belastung bis 2050 auf eine Erde zu senken. Und auch wenn die Schweiz eine Vorbildfunktion einnehmen kann, stellt sich die Frage, wie viel die Anstrengungen eines kleinen Landes bewirken können.

Solange Umweltsünder wie etwa China und die USA nicht mitziehen, soll die Schweiz untätig bleiben?
Keinesfalls. Während es in der hochtechnologisierten Schweiz möglich sein wird, die Umweltbelastung auf eine Erde zu senken, macht dies nur beschränkt Sinn, wenn nicht gleichzeitig internationale Vereinbarungen getroffen werden.

Wir leben heute in der Schweiz mit einem ökologischen Fussabdruck von drei Erden. Betrachtet man diesen Wert, hat man nicht das Gefühl, die Wirtschaft habe den Ernst der Lage erkannt.
Hier möchte ich widersprechen: Die Wirtschaft macht bereits sehr viel, bei vielen Pharmakonzernen beispielsweise ist der Nachhaltigkeitsbericht bereits so dick wie der Forschungsbericht. Aber es ist klar, die Wirtschaft wird nur in Effizienz investieren, wenn sich diese auch rechnet. Ausser sie können die Mehrkosten auf die Verbraucher abwälzen. Im Moment sieht es jedoch nicht so aus, als ob ein Grossteil der Konsumenten bereit wäre, mehr für ökologischere Produkte zu bezahlen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Brunotti am 17.09.2016 22:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Komische Aussage

    Wenn wir Menschen längerfristig überleben wollen, ist dieses "Ziel" wohl unumgänglich... Oder verstehe ich da was falsch?

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  • MouseDriver am 17.09.2016 22:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Etwas macht mir Sorgen

    Fakt ist,wenn die Kosten meiner Produkte innert kurzer Zeit um 5 Prozent steigen, dann kann ich die Produktion hier nicht mehr halten. Etwas Sorge hab ich schon, viele Mitarbeiter kenne ich seit über 20 Jahren. Aber die Umwelt ist auch wichtig. Ich hoffe es geht ohne Zusatzkosten oder man entlastet uns woanders.

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  • CountryTec am 19.09.2016 21:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ökostrom

    Ich hoffe alle Kommentaristen die für die eine Erde sind haben auch brav bei ihrem Stromlieferanten den Ökostrom aus erneuerbarer Energie gebucht (kostet halt einen Zusatz-Obulus) und fahren ÖV und heizen im Winter auf max 18°

Die neusten Leser-Kommentare

  • ich am 19.09.2016 21:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es braucht zuerst Lösungen!

    Ach ja und dann kriegt jeder ein Velo in den Keller zum strampeln für Strom? ;-) Und wer zahlt uns eine neue Heizung? Und wie kann ich auf dem Balkon grillen ohne Gas ohne die Nachbaren zu verpesten? Wie gehe ich in die Ferien ohne Flugzeug? Etc... Bitte zuerst Lösungen finden...und dann solche Initiativen bringen!

  • CountryTec am 19.09.2016 21:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ökostrom

    Ich hoffe alle Kommentaristen die für die eine Erde sind haben auch brav bei ihrem Stromlieferanten den Ökostrom aus erneuerbarer Energie gebucht (kostet halt einen Zusatz-Obulus) und fahren ÖV und heizen im Winter auf max 18°

  • I.k am 19.09.2016 19:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vorbild

    An die, die sagen die Schweiz kann das nicht alleine schaffen. Dass ist und allen klar aber jemand muss eine Vorbild Rolle einnehmen. Denn wir wissen auch alle dass die grossen Industrienationen ganz bestimmt nicht den ersten Schritt machen werden.

  • Reto Diener am 19.09.2016 18:09 Report Diesen Beitrag melden

    Ziel und Datum kann man nicht trennen

    Es braucht die politischen Vorgaben. Das FCKW-Verbot führte zur Erholung der Ozonschicht. Der Katalysator wurde nur eingeführt, weil er zur Pflicht wurde. Es wären unzählige weitere Beispiel anzuführen. Ein Ziel ohne Datum, bis wann es erreicht werden soll ist wertlos. Nur dann werden die entsprechenden Innovationen auch vorangetrieben.

  • Amadeus Thiemann am 19.09.2016 17:35 Report Diesen Beitrag melden

    Dipl. Masch. Ing. ETH

    Die grossen Industrienationen sind uns voraus. Das Wachstum zum Beispiel bei Solar beträgt 300%. Die Schweizer Wirtschaft braucht die Initiative um 2050 noch Mehrwert, Wohlstand und Arbeitsplätze bieten zu können.