Energy Challenge

10. Mai 2019 16:32; Akt: 10.05.2019 16:32 Print

Ist veganes Essen wirklich umweltfreundlicher?

Pflanzliche Lebensmittel sind meist weniger schädlich für die Umwelt als Fleisch, Milch und Eier. Ist Veganismus die einzige Lösung für eine bessere Ökobilanz?

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Die Umwelt- und Energiebilanz von pflanzlichen Lebensmitteln ist in den meisten Fällen besser als diejenige von tierischen Produkten. Auch ohne kompletten Verzicht auf Fleisch, Eier und Milch kann man jedoch zum Umweltschutz beitragen. (Bild: Keystone/Rolex Dela Pena)

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«Go vegan und rette den Planeten», «Nur eine Umstellung auf vegane Ernährung kann den Klimawandel noch aufhalten», «Werde Veganer und mache die Erde zu einem besseren Ort»: Solche Aussagen hört man von Veganern regelmässig. Fleischfanatiker monieren hingegen, dass ihr Steak immerhin in der Schweiz produziert worden sei – was man von den Sojaburgern und Quinoa-Schnitzeln der Vegetarier nicht behaupten könne. Beide Argumente scheinen legitim, und zahlreiche Untersuchungen bestätigen die Richtigkeit einzelner Aussagen der zwei Lager.

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Gemäss einer Studie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen ist die Massentierhaltung für rund 15 Prozent aller Treibhausgasemissionen weltweit verantwortlich. Die Umwelt- und Energiebilanz von pflanzlichen Lebensmitteln ist in den meisten Fällen besser als diejenige von Fleisch, Milch und Eiern. Die graue Energie von Lebensmitteln ist die Energiemenge, die auf dem Lebensweg der Produkte benötigt wird. Sie steckt zum Beispiel im Wärme- und Strombedarf bei der Herstellung und Verarbeitung von Lebensmitteln, im verbrauchten Treibstoff für den Transport, in der Produkteverpackung sowie im Strom- und Wärmebedarf bei Lagerung, Verkauf und Zubereitung. Neben den Lebensmittelproduzenten tragen auch die Konsumenten zur Energiebilanz von Lebensmitteln bei, beispielsweise mit der Wahl des Verkehrsmittels für die Anreise zum Laden oder Markt, dem Einkaufsort und der Aufbewahrung sowie Verwertung der Produkte.

So setzt sich die graue Energie in Gemüse und Fleisch zusammen

Werden Früchte und Gemüse in beheizten Gewächshäusern produziert, macht die Heizenergie den grössten Teil der grauen Energie aus. Daher ist die Ökobewertung von pflanzlichen Lebensmitteln, die in der Schweiz ausserhalb der Hauptsaison in fossil beheizten Gewächshäusern produziert werden, schlechter als diejenige der gleichen Produkte aus Freilandanbau in Südeuropa. Der Transport mit Lastwagen fällt weniger ins Gewicht als die Beheizung der Gewächshäuser.

Bei Fleisch setzt sich die graue Energie zusammen aus der Gesamtenergiemenge für die Produktion der Futtermittel der Tiere, dem Treibstoffverbrauch beim LKW-Transport, dem Stromverbrauch für den Schlachthof und der Kühlung des Fleisches, der Lagerung, der Plastikproduktion für die Verpackung, dem Strombedarf für das Licht und die Kühlung beim Verkauf im Handel, der Herstellung der Holzkohle für den Grill und der Entsorgung von Verpackungen. Am meisten Energie wird dabei typischerweise beim Anbau des Futters für die Tiere eingesetzt. So werden beispielsweise fast zwei Tonnen Milch und Heu benötigt, um ein Kalb mit rund 200 Kilogramm Lebendgewicht aufzuziehen. Die Schweiz importiert pro Jahr über eine Million Tonnen Futtermittel. 300’000 Tonnen davon sind Soja, das grösstenteils aus Brasilien stammt.

Avocados und Superfoods mit äusserst schlechter Umweltbilanz

Sind die Alternativen zu tierischen Produkten immer umweltfreundlicher? Auch wenn viele Fleischersatzprodukte aus Soja bestehen, wird der Löwenanteil der Sojaproduktion nach wie vor als Futtermittel für Nutztiere verwendet und somit sind Fleischgerichte klar schlechter für die Umwelt als Sojaburger und dergleichen. Viele vegane Restaurants und Take-away-Stände bieten allerdings Menüs mit Avocado an, deren Nachhaltigkeitsbewertung ebenfalls äusserst schlecht ist. Im weltgrössten Anbauland Mexiko führt der Avocado-Hype zu illegaler Abholzung. Jedes Jahr werden laut «Huffington Post» 1500 bis 4000 Hektaren Wald gerodet, um Platz für Avocado-Felder zu schaffen. Ausserdem kommen künstliche Dünger sowie Pestizide zum Einsatz, und der Frischwasserverbrauch ist enorm hoch: Je nach Quelle, Grösse der Frucht, Standort und Produktionsweise werden für ein Kilo Avocado zwischen 500 und 1000 Liter Wasser benötigt. Der Transport von Nord- oder Mittelamerika nach Europa verschlechtert die Energiebilanz von Avocados umso mehr. Auch so genannte Superfoods wie Quinoa, Acai- oder Goji-Beeren sind für die Umwelt aufgrund grossflächiger Rodungen und langer Transportwege oftmals alles andere als super.

Jeder Konsument muss selbst entscheiden, welche Faktoren berücksichtigt werden

Es ist allerdings schwierig, die graue Energie oder die Ökobilanz von Lebensmitteln mit einer genauen Kennzahl anzugeben. Für die Berechnung von Umweltaspekten auf dem gesamten Lebensweg werden oft sehr viele Zahlen und Informationen benötigt, die nicht auf der Packung stehen und nur schwer zurückverfolgt werden können. Ausserdem unterscheiden sich die Produktionsweisen je nach Landwirt stark. Bei der Ernährung herrscht vorläufig also kein Konsens darüber, wie der Planet am besten geschützt werden kann. Sollen in erster Linie die CO2-Emissionen betrachtet werden? Geht es um den Wasserverbrauch? Wie steht es um Tierwohl und Artenvielfalt? Was ist mit Chemikalien und Pestiziden? Auf diese Fragen gibt es keine allgemein gültigen Antworten, und jeder Konsument muss diese Entscheidungen täglich für sich selbst treffen.

In gewissen Punkten sind sich die Experten jedoch einig und es gibt einige Richtlinien für eine nachhaltige Ernährung. Eine Faustregel ist, dass Fleisch und tierische Produkte bewusst konsumiert werden sollten und dass die Lebensmittel idealerweise von einem Bio-Bauernhof aus der Region stammen. Umweltbewusste Konsumenten kaufen zudem bevorzugt Nahrungsmittel aus Europa, da insbesondere der Flugtransport von Frischprodukten aus anderen Kontinenten sehr energieintensiv und somit klimaschädigend ist. Saisongemüse aus Freilandanbau hat eine deutlich bessere Ökobilanz als Gemüse aus beheizten Gewächshäusern. Zu guter Letzt gilt es, Essen wertzuschätzen und nur einzukaufen, was bald konsumiert wird, sowie Reste wiederzuverwerten. So gehen keine wertvollen Nahrungsmittel verloren.

(sts)