Schenkkreis-Morde

08. Mai 2012 17:53; Akt: 08.05.2012 17:54 Print

Die drei Angeklagten sagen «Sorry»

In den Schenkkreis-Morden von Grenchen schieben sich die drei Angeklagten gegenseitig die Schuld zu. Mit einer Ausnahme: Alle drei entschuldigten sich bei den Angehörigen der Opfer.

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27. Januar 2014: Das Solothurner Obergericht bestätigt das Urteil gegen die drei Schenkkreis-Mörder. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die Täter skrupellos und geldgierig die Morde geplant hatten. Am 25. Mai 2012 wurde R.S. noch im Gerichtssaal verhaftet. Sie hatte den beiden Haupttätern wichtige Informationen zukommen lassen und die Tat mit geplant. Der zu lebenslanger Haft verurteilte ehemalige Spitzensportler Patric S. wird von der Polizei zur Verhandlung vor das Obergericht Solothurn geführt. Der zu lebenslanger Haft verurteilte Guido S. wird von der Polizei zur Verhandlung vor das Obergericht Solothurn geführt. Das Solothurner Obergericht beurteilt als zweite Instanz den Schenkkreis-Mord in Grenchen vom Juni 2009 mit drei Toten. Auf dem Weg zum Gericht: Der 35-jährige ehemalige Spitzensportler Patric S. wird am 30. April 2012 von der Polizei zur Verhandlung geführt. Ebenso der 27-jährige ehemalige Güggeli-Verkäufer Guido S. Vom 30. April bis 4. Mai 2012 müssen sich drei Angeklagte vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern wegen mehrfachen Mordes verantworten. Die drei sollen am Abend des 5. Juni 2009 drei Menschen in Grenchen umgebracht oder dazu angestiftet und deren Tötung vorgängig geplant haben. Die Verhandlung, die im Solothurner Obergerichtssaal im 2. Stock stattfindet, ist öffentlich. Die Tat, die den drei Schweizern angelastet wird, sorgte im Frühling 2009 für grosses Aufsehen: Am Morgen des 6. Juni fand die Polizei an der Kirchstrasse 72 in Grenchen den 60-jährigen Pierre-André Dubey, seine 55-jährige Frau Margrit und die 34-jährige Tochter Dania tot in der Wohnung auf. Die Mutter lag gefesselt im Erdgeschoss, dem Büro der Familie. Ihr war ein Plastiksack über den Kopf gestülpt worden. Trotz heftiger Gegenwehr erstickte sie. In der Attika-Wohnung fanden die Ermittler den Ehemann und die Tochter. Dem 60-Jährigen waren mehrere Rippen gebrochen und ein Kissen ins Gesicht gedrückt worden. Am Schluss wurde er mit einem Kopfschuss hingerichtet. Die Tochter wurde gewürgt und danach ebenfalls mit einem Plastiksack erstickt. Bald stellte sich heraus, dass die Familie bei einem Schneeballsystem mitmischte: Margrit Dubey war leitendes Mitglied eines illegalen Schenkkreises, einer Organisation namens «dr Club». Daneben vertrieb sie Bios-Life-Produkte, organisierte auch Reiki-Veranstaltungen und übte mit ihrem Mann das Hauswartsamt aus. Die Täter hatten sämtliche Räumlichkeiten der Familie (auf dem Bild die Attika-Wohnung mit den blauen Storen) durchsucht und verwüstet. Sie waren offenbar auf der Suche nach Geld gewesen, das sie bei der Familie Dubey aufgrund ihrer Schenkkreisverbindungen vermuteten. Täter und Opfer hatten sich darum vermutlich gekannt. Dennoch schien es zwei Wochen lang von den Tätern keine Spur zu geben. Am 23. Juni 2009 dann der Durchbruch: Die Polizei gibt die Verhaftung von vier Personen bekannt. Es handelt sich um eine Schweizerin (48) und zwei Schweizer (24, 32) aus dem Kanton Aargau sowie einen Deutschen (36) aus dem Kanton Luzern. Der damals 32-Jährige ist überraschenderweise eine Persönlichkeit aus der Sportwelt: Der bekannte Hammerwerfer Patric S. Der ehemalige Spitzensportler ist mehrfacher Schweizermeister und Schweizer Rekordhalter im Hammerwerfen. 2004 hat er die Schweiz an den Olympischen Spielen in Athen vertreten. Der Sportler wurde am 19. Juni in seinem Haus verhaftet. Zur Tatzeit wohnte der ehemalige Winterthurer im aargauischen Seetal. Für sein Acht-Zimmer-Einfamilienhaus zahlte er angeblich 2500 Franken Miete pro Monat. Die Nachbarn fragten sich bereits, woher er das viele Geld für das Haus nahm, da er angeblich nur bei einer Firma als Security arbeitete. Am 5. August gestand Patric S. eine Mittäterschaft. Er hatte, genau wie das Opfer Margrit Dubey, mit Bios-Life-Produkten gehandelt, war Mitglied eines Schenkkreises und kannte die Familie darum. Mit Guido S. war er am 5. Juni nach Grenchen gefahren, um die Familie auszurauben. Doch offenbar erkannte Margrit Dubey, wer vor ihr stand. Darauf erstickte Patric S. zusammen mit Guido S. Margrit und Dania Dubey. Ausserdem schoss er Pierre-André Dubey in den Kopf, nachdem Guido S. ihm die Beretta gereicht hatte. Zuvor hatten die beiden vergeblich versucht, die Eltern zur Herausgabe von Geld zu zwingen. Tatsächlich begingen die beiden die Tat, um an Bargeld zu kommen: Patric S., hier mit einem seiner Rottweilerhunde, und Guido S. (links), hatten Schulden bei Ruth S. Es ging um mehrere 10 000 Franken, die die Frau von den beiden zurückforderte. Ruth S. war bei der Tat in Grenchen nicht zugegen. Sie ist dennoch wie Patric S. und Guido S. wegen Mordes angeklagt. Gemäss Anklageschrift soll sie beim Aushecken der Tat die Drahtzieherin gewesen sein: Sie soll Patric und Guido geraten haben, die Familie Dubey auszurauben und den beiden bezüglich Vorgehen, Spurenbeseitigung und Alibi geholfen haben. Das Trio glaubte, die Familie verfüge wegen ihrer Schlüsselfunktion in einem Schenkkreis über viel Bargeld. Einen ersten Versuch starteten Patric und Guido am 14. Mai in Begleitung des ebenfalls verhafteten Deutschen Carsten S. Dieser Versuch misslang, weil die drei es nicht schafften, ins Gebäude einzudringen. Casten S. wurde wegen dieses Raubversuchs bereits 2010 zu 2,5 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Drei Wochen später, am 5. Juni, standen nur noch Patric S. und Guido S. vor der Wohnungstür und überfielen die Dubeys. Die Familie sei exekutiert worden, um «im Zusammenhang mit dem Raub als lästig empfundene Tatzeugen zu eliminieren», schreibt Staatsanwalt Jan Gutzwiller in der Anklageschrift. Die Täter seien «skrupellos» und «ausserordentlich verwerflich» vorgegangen, so Gutzwiller weiter. Welches Strafmass der Staatsanwalt für die Täter fordert, will er erst vor Gericht preisgeben. Für Mord sei bis zu lebenslänglich möglich, lässt er aber verlauten.

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Das Schlusswort der drei Angeklagten im Prozess um den Schenkkreis-Mord von Grenchen war eine absolute Ausnahme. Sie möchten sich bei den Angehörigen der Betroffenen entschuldigen, sagten sowohl die 51-jährige mutmassliche Drahtzieherin, der 35- jährige ehemalige Spitzensportler und der 27-jährige ungelernte Koch.

Es war einer der wenigen Momente im viereinhalbtägigen Prozess vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern, in dem sämtliche Angeklagte das gleiche zu Protokoll gaben. Ansonsten hielten sie an ihren Versionen zum grausamen Dreifachmord vom 5. Juni 2009 fest.

Familie ausgelöscht

Damals verabredeten sich die beiden angeklagten Männer mit einer in Schenkkreise verwickelten Frau. Beim Treffen erstickten sie die 55-Jährige mit Plastiksäcken in ihrem Büro im Kellergeschoss eines Wohnhauses in Grenchen SO.

Darauf gingen sie in die Wohnung der Familie der getöteten Frau, wo sie den 60-jährigen Ehemann mit einem Kopfschuss niedertreckten und die 35-jährige Tochter ebenfalls mit Plastiksäcken erstickten. Die Hoffnung auf fette Beute erfüllte sich nicht. Sie erbeuteten lediglich 5000 Franken und 600 Euro.

Das Delikt ist weitgehend aufgeklärt. Der ehemalige Spitzensportler hat gestanden, das Ehepaar ermordet zu haben. Der 27-Jährige hat den Mord an der Tochter gestanden. Unklar bleibt die Rolle der mutmasslichen Drahtzieherin.

Lebenslänglich für alle

Die 51-jährige bestritt die ihr vorgeworfene Rolle im Prozess vehement. Staatsanwalt Jan Gutzwiller glaubt ihr nicht. Er forderte für alle drei Angeklagten eine lebenslängliche Freiheitsstrafe. Von einer Verwahrung sah er ab.

Die zentralen Anklagepunkte lauten auf mehrfachen Mord, qualifizierten Raub und mehrfache strafbare Vorbereitungshandlungen zu Mord und Raub. Die beschuldigten Männer akzeptieren diese Vorwürfe.

Der Verteidiger des 27-jährigen forderte eine Freiheitsstrafe von 12 bis 16 Jahren für seinen Mandanten. Der Verteidiger des ehemaligen Spitzensportlers verzichtete hingegen vorerst auf einen Strafantrag.

Seiner Meinung nach kann erst ein Strafantrag gestellt werden, sobald ein Gutachten über den Einfluss von Drogen und Anabolika auf die Aggressivität des 35-jährigen Schweizers vorliegt.

Der Verteidiger der mutmasslichen Drahtzieherin verlangte einen Freispruch von den zentralen Anklagepunkten. Er hält eine bedingte oder teilbedingte Freiheitsstrafe für angemessen.

Welche Tatversion stimmt?

Das Amtsgericht Solothurn-Lebern eröffnet das Urteil voraussichtlich am 25. Mai. Die drei Richter müssen in den kommenden zweieinhalb Wochen entscheiden, welche Tatversion sie für glaubhaft halten.

So beschuldigten die beiden angeklagten Männer die 51-Jährige schwer, nannten sie «General» und sprachen beinahe von einem Auftragsmord. Der Staatsanwalt hält die Aussagen der Männer für glaubhafter, da diese geständig sind und ohnehin mit langen Gefängnisstrafen rechnen müssten.

Er führte zudem aus, dass die mutmassliche Drahtzieherin für den 27-Jährigen wie eine «Mutter», für den 35-Jährigen wie eine «Schwester» gewesen sei. Man liefere die «Mutter oder die «Schwester» nicht wider besseres Wissen ans Messer.

Ganz anders sieht dies der Verteidiger der 51-Jährigen. Er warf den Männern vor, die Frau als Anstifterin zu bezeichnen, um ihre eigene Schuld zu verringern. Vielmehr stellte er seine Mandantin als Opfer ihrer enormen Hilfsbereitschaft dar.

Die beiden Männer schieben sich auch untereinander die Schuld zu. So habe der 27-jährige «im Windschatten des Terminators» gestanden, sagte sein Verteidiger. Mit «Terminator» meinte er den ehemaligen Spitzensportler.

Der ehemalige Spitzensportler beteuerte jedoch stets, dass er die Tochter nicht habe töten wollen. Die verschiedenen Tatversionen erschweren die Arbeit des Gerichts. Hinzu kommen Zweifel am psychiatrischen Gutachter.

Verteidiger gegen Gutachter

Die Verteidiger der beiden Männer fuhren gegen den Forensiker Lutz-Peter Hiersemenzel schweres Geschütz auf. Der Verteidiger des 27-Jährigen hält den Gutachter für befangen und liess durchblicken, dass er ein Urteil, das sich auf sein Gutachten stützt, kaum akzeptieren werde.

Nach Ansicht des Verteidigers des 35-Jährigen ist der Prozess nicht reif für ein Urteil, bevor ein zusätzliches Gutachten zu Anabolika vorliegt. Ob das Amtsgericht dies bis zum 25. Mai noch einholen wird, ist offen.

Amtsgerichtspräsident François Scheidegger sagte zu den Vorwürfen, dass sich das Gericht während der Urteilsberatung intensiv mit den Fragen zum Gutachten auseinandersetzen werde.

(kub/sda)