Dreifachmord von Grenchen

07. April 2014 11:54; Akt: 07.04.2014 15:58 Print

Mittäterin wehrt sich erfolglos gegen Haft

Die Drahtzieherin im Dreifachmord von Grenchen bleibt in Sicherheitshaft. Das hat das Bundesgericht heute entschieden. Grund: Die Wahrscheinlichkeit, dass sie untertaucht, sei gross.

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27. Januar 2014: Das Solothurner Obergericht bestätigt das Urteil gegen die drei Schenkkreis-Mörder. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die Täter skrupellos und geldgierig die Morde geplant hatten. Am 25. Mai 2012 wurde R.S. noch im Gerichtssaal verhaftet. Sie hatte den beiden Haupttätern wichtige Informationen zukommen lassen und die Tat mit geplant. Der zu lebenslanger Haft verurteilte ehemalige Spitzensportler Patric S. wird von der Polizei zur Verhandlung vor das Obergericht Solothurn geführt. Der zu lebenslanger Haft verurteilte Guido S. wird von der Polizei zur Verhandlung vor das Obergericht Solothurn geführt. Das Solothurner Obergericht beurteilt als zweite Instanz den Schenkkreis-Mord in Grenchen vom Juni 2009 mit drei Toten. Auf dem Weg zum Gericht: Der 35-jährige ehemalige Spitzensportler Patric S. wird am 30. April 2012 von der Polizei zur Verhandlung geführt. Ebenso der 27-jährige ehemalige Güggeli-Verkäufer Guido S. Vom 30. April bis 4. Mai 2012 müssen sich drei Angeklagte vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern wegen mehrfachen Mordes verantworten. Die drei sollen am Abend des 5. Juni 2009 drei Menschen in Grenchen umgebracht oder dazu angestiftet und deren Tötung vorgängig geplant haben. Die Verhandlung, die im Solothurner Obergerichtssaal im 2. Stock stattfindet, ist öffentlich. Die Tat, die den drei Schweizern angelastet wird, sorgte im Frühling 2009 für grosses Aufsehen: Am Morgen des 6. Juni fand die Polizei an der Kirchstrasse 72 in Grenchen den 60-jährigen Pierre-André Dubey, seine 55-jährige Frau Margrit und die 34-jährige Tochter Dania tot in der Wohnung auf. Die Mutter lag gefesselt im Erdgeschoss, dem Büro der Familie. Ihr war ein Plastiksack über den Kopf gestülpt worden. Trotz heftiger Gegenwehr erstickte sie. In der Attika-Wohnung fanden die Ermittler den Ehemann und die Tochter. Dem 60-Jährigen waren mehrere Rippen gebrochen und ein Kissen ins Gesicht gedrückt worden. Am Schluss wurde er mit einem Kopfschuss hingerichtet. Die Tochter wurde gewürgt und danach ebenfalls mit einem Plastiksack erstickt. Bald stellte sich heraus, dass die Familie bei einem Schneeballsystem mitmischte: Margrit Dubey war leitendes Mitglied eines illegalen Schenkkreises, einer Organisation namens «dr Club». Daneben vertrieb sie Bios-Life-Produkte, organisierte auch Reiki-Veranstaltungen und übte mit ihrem Mann das Hauswartsamt aus. Die Täter hatten sämtliche Räumlichkeiten der Familie (auf dem Bild die Attika-Wohnung mit den blauen Storen) durchsucht und verwüstet. Sie waren offenbar auf der Suche nach Geld gewesen, das sie bei der Familie Dubey aufgrund ihrer Schenkkreisverbindungen vermuteten. Täter und Opfer hatten sich darum vermutlich gekannt. Dennoch schien es zwei Wochen lang von den Tätern keine Spur zu geben. Am 23. Juni 2009 dann der Durchbruch: Die Polizei gibt die Verhaftung von vier Personen bekannt. Es handelt sich um eine Schweizerin (48) und zwei Schweizer (24, 32) aus dem Kanton Aargau sowie einen Deutschen (36) aus dem Kanton Luzern. Der damals 32-Jährige ist überraschenderweise eine Persönlichkeit aus der Sportwelt: Der bekannte Hammerwerfer Patric S. Der ehemalige Spitzensportler ist mehrfacher Schweizermeister und Schweizer Rekordhalter im Hammerwerfen. 2004 hat er die Schweiz an den Olympischen Spielen in Athen vertreten. Der Sportler wurde am 19. Juni in seinem Haus verhaftet. Zur Tatzeit wohnte der ehemalige Winterthurer im aargauischen Seetal. Für sein Acht-Zimmer-Einfamilienhaus zahlte er angeblich 2500 Franken Miete pro Monat. Die Nachbarn fragten sich bereits, woher er das viele Geld für das Haus nahm, da er angeblich nur bei einer Firma als Security arbeitete. Am 5. August gestand Patric S. eine Mittäterschaft. Er hatte, genau wie das Opfer Margrit Dubey, mit Bios-Life-Produkten gehandelt, war Mitglied eines Schenkkreises und kannte die Familie darum. Mit Guido S. war er am 5. Juni nach Grenchen gefahren, um die Familie auszurauben. Doch offenbar erkannte Margrit Dubey, wer vor ihr stand. Darauf erstickte Patric S. zusammen mit Guido S. Margrit und Dania Dubey. Ausserdem schoss er Pierre-André Dubey in den Kopf, nachdem Guido S. ihm die Beretta gereicht hatte. Zuvor hatten die beiden vergeblich versucht, die Eltern zur Herausgabe von Geld zu zwingen. Tatsächlich begingen die beiden die Tat, um an Bargeld zu kommen: Patric S., hier mit einem seiner Rottweilerhunde, und Guido S. (links), hatten Schulden bei Ruth S. Es ging um mehrere 10 000 Franken, die die Frau von den beiden zurückforderte. Ruth S. war bei der Tat in Grenchen nicht zugegen. Sie ist dennoch wie Patric S. und Guido S. wegen Mordes angeklagt. Gemäss Anklageschrift soll sie beim Aushecken der Tat die Drahtzieherin gewesen sein: Sie soll Patric und Guido geraten haben, die Familie Dubey auszurauben und den beiden bezüglich Vorgehen, Spurenbeseitigung und Alibi geholfen haben. Das Trio glaubte, die Familie verfüge wegen ihrer Schlüsselfunktion in einem Schenkkreis über viel Bargeld. Einen ersten Versuch starteten Patric und Guido am 14. Mai in Begleitung des ebenfalls verhafteten Deutschen Carsten S. Dieser Versuch misslang, weil die drei es nicht schafften, ins Gebäude einzudringen. Casten S. wurde wegen dieses Raubversuchs bereits 2010 zu 2,5 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Drei Wochen später, am 5. Juni, standen nur noch Patric S. und Guido S. vor der Wohnungstür und überfielen die Dubeys. Die Familie sei exekutiert worden, um «im Zusammenhang mit dem Raub als lästig empfundene Tatzeugen zu eliminieren», schreibt Staatsanwalt Jan Gutzwiller in der Anklageschrift. Die Täter seien «skrupellos» und «ausserordentlich verwerflich» vorgegangen, so Gutzwiller weiter. Welches Strafmass der Staatsanwalt für die Täter fordert, will er erst vor Gericht preisgeben. Für Mord sei bis zu lebenslänglich möglich, lässt er aber verlauten.

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Die zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilte 53-jährige Mittäterin im Dreifachmord von Grenchen SO vom Juni 2009 muss in Sicherheitshaft bleiben. Das Bundesgericht erachtet die Fluchtgefahr als zu gross und lehnt deshalb eine Beschwerde ab.

Die Frau war Ende Januar zusammen mit einem 28-jährigen ungelernten Koch und einem 36-jährigen ehemaligen Spitzensportler vom Solothurner Obergericht in zweiter Instanz zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Die Frau war zwar nicht direkt am Dreifachmord beteiligt gewesen, gilt aber als Drahtzieherin und Organisatorin der Bluttat.

Das Solothurner Obergericht hatte mit seinem Urteil das Verdikt der ersten Instanz, des Amtsgerichts Solothurn-Lebern, vollumfänglich bestätigt. Die Frau, die sich trotz erstinstanzlicher Verurteilung auf freiem Fuss befand, wurde nach der Urteilsverkündung noch im Gerichtssaal in Handschellen gelegt und in Sicherheitshaft genommen.

Wahrscheinlichkeit einer Flucht gross

Nach der Verhaftung und nach dem Urteil der ersten Instanz war es der Frau zweimal gelungen, mittels Beschwerden vorerst wieder in Freiheit zu kommen. Mit einer ähnlichen Beschwerde nach dem Urteil der zweiten Instanz blitzte die Frau nun aber ab.

Die Situation habe sich für die Frau insofern geändert, als sie seither mit einer höheren Wahrscheinlichkeit als zuvor mit einer langjährigen Freiheitsstrafe rechnen müsse, begründet das Bundesgericht die Ablehnung der Beschwerde.

Weil sich die Frau jetzt nur noch an eine Instanz wenden könne, erhöhe dies die Wahrscheinlichkeit einer Flucht. Eine Flucht oder ein Untertauchen sei nun nicht mehr nur möglich, sondern wahrscheinlich, heisst es in dem am Montag veröffentlichten Urteil weiter.

Erschossen und erstickt

Der Dreifachmord von Grenchen SO hatte sich im Juni 2009 ereignet. Ein 60-jähriger Mann wurde mit einem Kopfschuss niedergestreckt. Seine 55-jährige Ehefrau und die 35-jährige Tochter wurden mit Plastiksäcken erstickt.

Die Beschuldigten erhofften sich bei der in Schenkkreise verwickelten Familie fette Beute. Alle drei Tatbeteiligten hatten sich selber an Schenkkreisen beteiligt. Sie fanden bei der Familie jedoch lediglich 5000 Franken, 600 Euro, Modeschmuck und vier Uhren.

Zu lebenslanger Haft verurteilt

Die beiden eigentlichen Mörder stritten die Tat vor dem Amtsgericht und später vor dem Obergericht nicht ab, betrachteten sich selber jedoch nur als Mitläufer. Auch die Frau spielte ihre Rolle herunter.

Das Amtsgericht und das Obergericht verurteilten alle drei Beteiligten wegen mehrfachen Mordes und anderen Delikten zu lebenslanger Haft. Nach dem Urteil der zweiten Instanz kündeten alle drei Anwälte an, dass sie den Fall vor das Bundesgericht ziehen werden.

(sda)