Verfahren verschleppt

15. Februar 2011 09:53; Akt: 15.02.2011 10:47 Print

Neuer Staatsanwalt im Fall Lucie

Nach Kritik am Vorgehen der Aargauer Justizbehörden untersucht nun ein ausserkantonaler Staatsanwalt die Rolle der Behörden im Tötungsdelikt Lucie.

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Jugendliche tragen Lucies Sarg aus der Kirche Christ-Roi nach dem Trauergottesdienst 16. März 2009 in Fribourg. Die engsten Angehörigen und mit ihnen hunderte Menschen und Bischof Bernard Genoud, rechts, nehmen in der Kirche Christ-Roi von Lucie Abschied. Lucies Sarg mit der weissen Rose wird herausgetragen. Vor dem Haus, in dem die getötete Lucie L. gefunden wurde, werden Blumen und Kerzen deponiert. Eine Einwohnerin von Obersiggental gibt ihrer Bestürzung Ausdruck. Das Haus, indem der Täter wohnte, wurde mit wütenden Parolen besprayt. Polizisten betreten das Haus, in dem Lucie L. tot aufgefunden wurde. Der Täter Dani H. (Bild: TeleZüri) André Leimgruber, der Chef des mutmasslichen Täters Daniel H., ist tief schockiert über die brutale Tat seines ehemaligen Mitarbeiters. In dieser Küche arbeitete Daniel H. bis zum 19. Februar. Er soll tadellose Arbeit geleistet haben, hatte aber offenbar ein Drogenproblem und kam einfach nicht mehr. Trauernde zünden vor dem Haus von Dani H. Kerzen an (Bild: ZVG) «Lucie Trezzini: 165 cm gross und von schlanker Statur», so die Vermisstenanzeige der Polizei. Die vermisste Lucie arbeitete als Au-pair in Pfäffikon. Jeweils am Mittwochnachmittag hatte sie frei. Am 4. März 2009 wollte sie nach Zürich, sagte ihre Gastmutter. Normalerweise sei Lucie sehr zuverlässig und komme spätestens um 22 Uhr nach Hause. Doch an jenem Abend kam Lucie nicht zurück. Ihre Gastfamilie machte sich Sorgen und rief gegen halb elf auf Lucies Handy an. Sie schrieben mehrere SMS. Sie erhielten keine Antwort. Gegen Mitternacht schalteten sie die Polizei ein. Lucies letztes Lebenszeichen: Ein Anruf bei einer Freundin, gegen 18 Uhr. Beim Telefongespräch mit der Freundin erzählte sie, sie sei von einem Unbekannten gefragt worden, ob sie bereit sei, für Fotos mit Schmuck zu posieren. Die Polizei konnte das Handy am Mittwochabend zum letzten Mal orten: Um 22.38 hinter dem Bahnhof Baden. Danach verlor sich Lucies Spur. Die Eltern der Vermissten initiierten eine Suchaktion: Mit freiwilligen Helfern hatten sie in Zürich, Baden und Freiburg nach Lucie gesucht. Auf der Community-Plattform Facebook bildeten sich Gruppen, die nach Lucie suchten: Über 40 000 Menschen hatten sich in kurzer Zeit versammelt. Die traurige Gewissheit: Die Kapo Aargau bestätigt am 9. März, dass es sich bei einer Frauenleiche im Dachgeschoss eines Hauses in Rieden bei Baden um die vermisste Lucie Trezzini handelt. (Bild: Mobile-Reporter) Noch bis kurz vor Mittag trugen Beamte vom kriminaltechnischen Dienst am Montag, 9. März, Beweismaterial aus der Wohnung im Dachgeschoss zusammen. Hinter diesen zwei Dachfenstern muss sich Grauenhaftes abgespielt haben. Die ganze Wohnung trägt gemäss Kripo Spuren der Gewalt gegen Lucie.

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Die Aufgabe übernimmt der ehemalige Präsident des Berner Obergerichtes, Ueli Hofer. Als ausserordentlicher Staatsanwalt soll Hofer die Strafanzeige der Eltern der im März 2009 getöteten Lucie behandeln, wie die Beschwerdekammer des Aargauer Obergerichtes am Dienstag mitteilte. Die Einsetzung einer ausserkantonalen Staatsanwaltes wird mit dem «hohen politischen und medialen Druck» begründet.

Der vor einem Jahr eingesetzte ausserordentliche Untersuchungsrichter, ein Aargauer Anwalt, war wegen Verschleppung des Verfahrens in die Kritik geraten. Justizdirektor Urs Hofmann forderte dessen Absetzung. Der Anwalt legte seine Tätigkeit mittlerweile nieder.

Der ehemalige Präsident des Berner Obergerichtes. Hofer, verfüge über die notwendigen zeitlichen Ressourcen, weshalb er der Beschwerdekammer als geeignet erscheine, hält das Obergericht fest.

Die Familie von Lucie hatte in der Strafanzeige den Verdacht geäussert, dass Personen des Straf- und Massnahmenvollzuges Dinge getan oder unterlassen hatten, die für den Tod von Lucie mitverantwortlich gewesen waren.

Die 16-jährige Freiburgerin war am Abend des 4. März 2009 in Rieden bei Baden AG getötet worden. Ein damals 25-jähriger Schweizer hatte das Mädchen unter einem Vorwand in seine Wohnung gelockt und dort umgebracht.

Administrativuntersuchung entlastete Behörden

Im September 2009 hatte eine von der Aargauer Regierung in Auftrag gegebene Administrativuntersuchung «Schwachstellen» im Straf- und Massnahmenvollzug aufgezeigt. Sie stellte jedoch keinen Fehler eines einzelnen Mitarbeitenden der Vollzugsbehörde oder der Bewährungshilfe fest.

Der geständige Täter sei von den Behörden als suchtkrank und nicht als gemeingefährlich betrachtet worden. Der blinde Fleck entstand unter anderem 2004, als ein Gerichtsurteil nicht schriftlich begründet wurde. Der Schweizer war damals zu einer vier Jahre dauernden Arbeitserziehungsmassnahme verurteilt worden, weil er im Mai 2003 eine Frau fast zu Tode gewürgt hatte.

(sda)