Verhindert

24. September 2010 12:49; Akt: 24.09.2010 13:31 Print

Verteidigerin zu betrunken für Verhandlung

In Zofingen hat es eine Verteidigerin nicht über das Foyer des Bezirksgerichtes hinausgeschafft: Die Frau schlief offenbar ihren Rausch aus. Ihr Klient bleibt nun in Haft.

Fehler gesehen?

So etwas hat noch nie jemand am Bezirksgericht gesehen, geschweige denn erlebt: Im Vorraum sitzt eine Dame. Sie ist Mitte 50, das Deuxpièces und die hohen Pumps sind montiert. Sie wartet aber nicht etwa auf den Prozessbeginn, sondern sie schläft.

Wie das «Zofinger Tagblatt» berichtet, muss an diesem Tag ein 28-jähriger Rumäne vor den Richter treten. Er ist wegen «gewerbs- und bandenmässigem Diebstahl» angeklagt. Er soll mehrere Diebstähle in der Region Zofingen und im Kanton Bern begangen haben und sitzt seit Januar in Untersuchungshaft. Doch der Prozess gegen den Mann kann nicht beginnen, weil seine amtliche Verteidigerin fehlt.

Polizist: «Haben Sie getrunken?»

Ein Polizist fragt verunsichert die Dame im Vorraum, ob sie die amtliche Verteidigerin sei. «Sie wacht kurz auf, schüttelt den Kopf und schläft weiter», berichtet die Gerichtsreporterin der Zeitung die kuriose Situation. Der Polizist lässt von der Frau ab und geht weg, kehrt dann aber wieder zurück: «Sie sind doch die amtliche Verteidigerin dieses Angeklagten», hakt er nach und fragt die Frau, ob es ihr gut gehe. Diese entgegnet, sie habe Kreislaufprobleme und versucht aufzustehen. Sie kann sich aber nicht auf den Beinen halten und muss sich an der Garderobe abstützen.

Der Polizist hat einen anderen Verdacht. Er fragt die Verteidigerin direkt, ob sie getrunken habe. Sie verneint. Allerdings bestätigt auch der Gerichtsschreiber, es habe Anzeichen dafür gegeben, dass die Frau stark alkoholisiert war.

Nach Rücksprache mit dem Gerichtspräsidenten und dem Bezirksamtmann will man bei der Frau einen Alkoholtest durchführen. Dies sei aber nicht möglich gewesen. Über die Gründe schweigt das Bezirksgericht. Man habe strengste Anweisung vom Gerichtspräsidenten, zu dem Vorfall nichts zu sagen, heisst es auf Anfrage von 20 Minuten Online.

Mandat wurde ihr entzogen

Die Verhandlung konnte ohne verhandlungsfähige Verteidigung nicht begonnen werden. Ihr wurde das Mandat als amtliche Verteidigerin auf der Stelle entzogen. Die Verhandlung wurde auf Ende Oktober verschoben. Der Angeklagte wird dann von einem anderen amtlichen Verteidiger vertreten. Zudem wurde der Zwischenfall an die Anwaltskommission des Kantons Aargau gemeldet.

Die Anwaltskommission nimmt zu laufenden Verfahren grundsätzlich keine Stellung. Sie verweist aber auf die ihr zustehenden Disziplinarbefugnisse nach Bundesgesetz. Es sind dies Verwarnung, Verweis, Busse bis 20 000 Franken oder ein befristetes oder dauerndes Berufsausübungsverbot.

Übrigens: Der 28-jährige Rumäne hat die Anwältin selbst als Verteidigerin vorgeschlagen. Er bleibt nun weiter in U-Haft.

(amc)