Mieter erzählen

06. Februar 2020 18:01; Akt: 06.02.2020 19:08 Print

«Darum leben wir in einem Friedhof»

von Jacqueline Straub - Warum leben Menschen neben Autobahnen, Gleisen, Bordellen, über einer Tankstelle oder in einem Friedhof? Mieter und Eigentümer erzählen.

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Philippe und seine Familie wohnen seit einem Jahr in einem in Zürich. Von links nach rechts: Ruven, Zuzana, Noéi und Philippe. Als sie die Wohnung sahen, sei es Liebe auf den ersten Blick gewesen. «Ich finde die Wohnung mit den hohen Wänden genial. Es ist keine Nullachtfünfzehn-Wohnung», sagt Philippe. Die Gräber beunruhigen Philippe nicht. , scherzt er. Das Leben auf dem Friedhof fühle sich an wie ein Leben mitten im Park. Die kleine Tochter profitiere von den Grünflächen und habe viel Platz zum Spielen. Seit 20 Jahren lebt Isabel Goncalves über einer Tankstelle in der Stadt Zürich. Anfangs hatte sie Angst vor den Menschen; nachts kam es durchaus zu gefährlichen Situationen. Auch über anderen Tankstellen gibt es Mietwohnungen. So etwa in Uitikon (ZH). Seit ein paar Monaten lebt Martin im Bahnhofshäuschen in Flums (SG). Pro Stunde fahren etwa vier bis fünf Züge vorbei, manchmal auch mehr, je nach Güterverkehr. «Anfangs war es etwas ungewohnt, wenn mein Haus gezittert hat.» Er habe sich dennoch schnell an den Lärm der Züge gewöhnt. Für ihn ist das Leben und Arbeiten im 160 Quadratmeter grossen Bahnhofshäuschen eine interessante Erfahrung. Mittlerweile ist es für ihn mehr Traum als Alptraum. «Ich kann selber so laut sein, wie ich will, etwa wenn eine nächtliche Coding-Session anliegt oder etwas gebastelt werden muss», so der Softwareentwickler. Seit Herbst 2019 wohnt Nico in einem Hochhauskomplex im 7. Stock in Zürich. «Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich Bahngleise, eine Müllverbrennung, den Prime Tower und immer wieder atemberaubende Sonnenuntergänge.» In diesem Block wohnt Nico. An den Lärm von den Strassen hat er sich gewöhnt. Der 20-Jährige Jens Gwerder lebt seit eineinhalb Jahren direkt neben der Transitstrasse in Hirzel. «Wenn ich aus meinem Fenster schaue, sehe ich nur Autos und LKWs.» Der Lärmpegel in der Wohnung sei bei offenem und geschlossenem Fenster sehr hoch. «Bei Regen ist es noch viel lauter. Das ist echt übel.» Einschlafen sei bei dem regen Strassenverkehr nicht immer ganz einfach. Seit sieben Jahren lebt Cornelia Lamprecht mit ihrem Team auf der Fischzucht Violenbach in Kaiseraugst. Neben den vielen Fischen leben auf dem Areal noch Schafe, Ziegen, Hühner, Katzen und Hunde. Sie liebe es, mit den Tieren zu arbeiten. «Das Gute an unserem Grundstück ist, dass wir keine Nachbarn haben, wir können Lärm machen, so viel wir wollen», sagt Lamprecht. Um 17 Uhr sei es am friedlichsten auf der Fischzucht – denn dann stehen alle Autos im Stau. «Wäre der Lärm von der Autobahn nicht, wäre es superidyllisch hier.» Lukas sieht von seinem Balkon direkt in die Zimmer eines Bordells in Root (LU). Häufig seien die Vorhänge nicht zugezogen. «Für mich ist es aber unmöglich auf meinem Balkon zu sitzen. Ich will nicht sehen, wie die Sex haben.» Weil ihn den Lärm der Bordellbesucher stört, schaut er sich derzeit nach einer anderen Wohnung um. Wenn Silvan Egli* aus dem Fenster seiner Wohnung schaut, sieht er vorbeifahrende Züge ... ... und Autos auf der vielbefahrenen Strasse. «Auch wenn der Boden manchmal zittert, wenn ein schwerer Güterzug vorbeifährt – ich liebe es, hier zu leben», so Egli.

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Die Wohnungsanzeige liess aufhorchen. Im attraktiven Kreis 3 in Zürich wurde eine wunderschöne 4,5-Zimmer-Wohnung zu einem bezahlbaren Preis angeboten. Ein seltenes Angebot in dieser Stadt. Einziger Haken: Die Wohnung liegt in einem Friedhof.

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Was sind das für Menschen, die sich dazu entscheiden, auf einem Friedhof zu leben? Oder sonst – auf den ersten Blick – an eher ungemütlichen Orten wie etwa oberhalb einer Tankstelle, neben der Autobahn, neben Gleisen oder einem Bordell? 20 Minuten hat sich auf die Suche gemacht.

Friedhof

Philippe: «Wir haben nur tote Nachbarn»

Philippe und seine Familie wohnen seit einem Jahr in einem Haus auf dem Friedhof Sihlfeld in Zürich. Zusammen mit seiner Partnerin und zwei Kindern haben sie auf zwei Stockwerken 4,5 Zimmer.


Philippe und seine Partnerin leben in einer Wohnung im Friedhof Sihlfeld in Zürich.

Als sie die Wohnung sahen, sei es Liebe auf den ersten Blick gewesen. «Ich finde die Wohnung mit den hohen Wänden genial. Es ist keine Nullachtfünfzehn-Wohnung», sagt Philippe.


Philippe und seine Partnerin.

Die Gräber beunruhigen Philippe nicht: «Wir haben nur tote Nachbarn. Das ist super.» An Geister glaubt er nicht. Entsprechend beschleiche ihn auch kein ungutes Gefühl. Die kleine Tochter profitiere von den Grünflächen und habe viel Platz zum Spielen: «Es ist, als lebten wir mitten in einem Park.»

Tankstelle

Isabel: «Angst, dass die Tankstelle in die Luft gehen könnte»

Seit 20 Jahren lebt Isabel Goncalves (55) über einer Tankstelle in der Stadt Zürich. Heutzutage fühle sie sich sehr wohl und liebe ihre grossräumige 4-Zimmer-Wohnung, die nur 950 Franken im Monat koste. «Das war nicht immer so. Ich hatte Angst vor den Menschen. Nachts kam es durchaus zu gefährlichen Situationen.»


Über dieser Tankstelle lebt Isabel Goncalves.

Sie dachte am Anfang auch, dass die Tankstelle durch die Rücksichtslosigkeit eines Rauchers in die Luft gehen könnte. Befürchtungen, wegen gefährlicher Dämpfe gesundheitliche Probleme zu bekommen, habe sie nicht. «Auch wenn ich gern hier bin – falls ich umziehe, werde ich nicht wieder über einer Tankstelle wohnen wollen.» Der Lärm der Strasse störe sie.

Bordell

Lukas: «Ich will nicht sehen, wie die Sex haben»

Lukas (34) wohnt seit über vier Jahren vis-à-vis von einem Bordell in Root (LU) in einer Zweizimmerwohnung für 1100 Franken brutto im Monat. Von seiner Dachgeschosswohnung aus blickt er direkt in die Zimmer der Prostituierten, häufig seien die Vorhänge nicht zugezogen.


Blick auf ein Bordell in Root (LU) aus Lukas Wohnung.

In den Sommermonaten liessen die Frauen auch gern die Fenster offen. «Für mich ist es aber unmöglich, auf meinem Balkon zu sitzen. Ich will nicht sehen, wie die Sex haben.» Ebenso könne Lukas die Fenster trotz Hitze nur geschlossen halten, da die ganze Nacht im Bordell zu lauter Musik gegrölt werde. «Das ist kaum auszuhalten.» Derzeit schaue er sich nach einer anderen Wohnung um.

Michelle: «Die Freier haben einen separaten Eingang»
Seit einem Jahr wohnt Michelle* in einer Wohnung über einem Bordell in Zürich. Die Prostituierten sehe sie selten. Auch habe sie kein Problem damit, dass dort Männer ein- und ausgingen. «Zum Glück hat das Bordell einen separaten Eingang, sodass die Freier nicht alle bei uns im Flur stehen.» Sie liebe ihre Wohnung und lebe gern dort. «Die Lage ist einfach super und das Haus ist echt schön.»

Gleise

«Ich sehe Bahngleise und atemberaubende Sonnenuntergänge»

Seit Herbst 2019 wohnt Nico* (25) in einem Hochhauskomplex im 7. Stock in Zürich. Für seine 4,5-Zimmer-Wohnung bezahlt er 1900 Franken. «Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich Bahngleise, eine Müllverbrennung, den Prime Tower und immer wieder atemberaubende Sonnenuntergänge.» An den Lärm der Stadt hat er sich gewöhnt. Praktisch findet er die Nähe zu den Einkaufsläden, Clubs und Restaurants. «Die ganze Hipsterszene finde ich aber unerträglich.»


Ausblick aus Nicos Wohnung.

Silvan: «Manchmal nehme ich mein Hörgerät heraus»
Silvan Egli* wohnt seit etwas mehr als einem Jahr in einer 4-Zimmer-Dachgeschosswohnung in einer Gemeinde in Schwyz. Für die 90 Quadratmeter zahlt er 1800 Franken brutto. Unter ihm befindet sich ein indisches Restaurant, links vom Haus sind Bahngleise, rechts davon die vielbefahrene Hauptstrasse. «Auch wenn der Boden manchmal zittert, wenn ein schwerer Güterzug vorbeifährt – ich liebe es, hier zu leben», sagt Egli. «Viele fragen mich, wie ich denn an so einem Ort zwischen Lärm und Restaurantgeruch leben kann. Aber ganz ehrlich: Es stinkt nicht – und wenn es mir zu laut wird, lasse ich mein Hörgerät einfach draussen.»


Die Aussicht aus Silvans Wohnung.

Bahnhofshäuschen

Martin: «Manchmal zittert das Haus»

Seit ein paar Monaten lebt Martin (31) im Bahnhofshäuschen in Flums (SG). Er ist zufälligerweise daran vorbeigelaufen, hat es sich angeschaut und sich eingemietet. Pro Stunde fahren etwa vier bis fünf Züge vorbei, manchmal auch mehr, je nach Güterverkehr.


Martin lebt in einem Bahnhofshäuschen.

«Am Anfang war es etwas ungewohnt, wenn mein Haus gezittert hat.» Er habe sich dennoch schnell an den Lärm der Züge gewöhnt. Das Gute daran: «Ich kann selber so laut sein, wie ich will, etwa wenn eine nächtliche Coding-Session anliegt oder etwas gebastelt werden muss», so der Software-Entwickler. Für ihn ist das Leben und Arbeiten im 160 Quadratmeter grossen Bahnhofshäuschen eine interessante Erfahrung. Mittlerweile ist es für ihn mehr Traum als Albtraum. Einzig die Lage sei nicht optimal, da die Akquisition von Kunden etwas erschwert werde.

Strassen

Jens: «Ich sehe nur Autos und Lastwagen»

Der 20-Jährige Jens Gwerder lebt seit eineinhalb Jahren direkt neben der Transitstrasse in Hirzel. Die 140 Quadratmeter grosse Wohnung hat sein Vater vor einigen Jahren gekauft.


Wenn Jens Gwerder aus seiner Wohnung schaut, sieht er auf die Strasse.

Er und seine Mitbewohnerin zahlen zusammen knapp 1000 Franken Miete. «Wenn ich aus meinem Fenster schaue, sehe ich nur Autos und LKWs.» Der Lärmpegel in der Wohnung sei bei offenem und geschlossenem Fenster sehr hoch. «Bei Regen ist es noch viel lauter. Das ist echt übel.» Einschlafen sei so nicht immer ganz einfach. Vor allem seine Mitbewohnerin leide unter dem Lärm, da sie sich nur schwer aufs Lernen konzentrieren könne. «Mit meinem Lehrlingslohn ist Wegziehen im Moment aber keine Option.»

Sabrina: «Das Rauschen macht mich aggressiv»
Sabrina Mäder* hat sich vor fünf Jahren eine Wohnung in Trimmis (GR) gekauft. Der Lärm von der Autobahn, die direkt neben dem Dorf verläuft und der Durchgangsverkehr im Dorf habe enorm zugenommen, so Mäder. Nachts schläft sie daher nur noch mit Oropax. «Wenn ich sie morgens rausnehme, fühlt sich der Lärm von den Strassen wie eine Ohrfeige an.» Das Rauschen von der Autobahn mache sie richtiggehend aggressiv. Wenn es regne, verstärke sich der Strassenlärm. «Für mich ist es ein unmögliches Dorf. Ich lebe hier nur noch, weil ich Platz für meine Haustiere haben. Wenn diese sterben, ziehe ich weg.»

Fischzucht

Cornelia: «Es riecht nach Tieren»

Seit sieben Jahren lebt Cornelia Lamprecht (59) mit ihrem Team auf der Fischzucht Violenbach in Kaiseraugst AG. Sie wohnt und arbeitet dort. «Früher war die Fischzucht sogar noch wesentlich grösser», sagt sie.


Cornelia mit ihrem Hund auf der Fischzucht Violenbach.

Entgegen allen Vorurteilen: «Es stinkt überhaupt nicht nach Fisch bei uns.» Das liege daran, dass das Wasser vom Bach stamme. Vielmehr rieche es nach den anderen Tieren auf dem Gelände. Neben den vielen Fischen leben auf dem Areal noch Schafe, Ziegen, Hühner, Katzen und Hunde. Sie liebe es, mit den Tieren zu arbeiten. Ein Leben ohne sie könne sie sich nicht vorstellen. «Das Gute an unserem Grundstück ist, dass wir keine Nachbarn haben, wir können Lärm machen, so viel wir wollen», sagt Lamprecht. Um 17 Uhr sei es am friedlichsten auf der Fischzucht – denn dann stehen alle Autos im Stau. «Wäre der Lärm von der Autobahn nicht, wäre es superidyllisch hier.»