Service-Proletariat

24. Februar 2020 18:01; Akt: 24.02.2020 18:49 Print

«Grosse Mittelschicht in der Schweiz? Ein Mythos!»

von Philippe Stalder - Viele Junge können sich nur weiterbilden, weil ihre Eltern sie unterstützen. Soziologin Julie Falcon sagt im Interview, wie es um die Chancengleichheit im Land steht.

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Nina (21) ist gelernte Konditorin und absolviert gerade ihre Zweitausbildung als Köchin. Ihr Stipendiumsantrag wurde abgelehnt, da sie bereits eine abgeschlossene Lehre vorweisen kann. Deswegen unterstützen ihre Eltern sie mit 1450 Franken im Monat. Ohne finanzielle Unterstützung könnte sie ihre Zweitausbildung nicht absolvieren. «Mit 4000 Franken kann man keine Familie ernähren»: Roman Werner (27) ist Securitas-Mitarbeiter und Vater eines Kindes. Weil er im Niedriglohnsegment arbeitet, kann er seine Familie nicht allein ernähren und ist auf finanzielle Unterstützung seiner Eltern angewiesen. «Ein bildungsnahes Elternhaus verschafft den Kindern einen klaren Vorsprung in der Schule, ein vermögendes Elternhaus einen klaren Vorteil im Studium»: Matthias Aebischer ist SP-Nationalrat und Mitglied der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur. Er fordert Massnahmen zur Förderung der Chancengerechtigkeit – wie Schulen ohne Hausaufgaben oder den Gymnasium-Eintritt ohne Prüfung. «Die Schweiz ist das Chancenland schlechthin»: Christian Wasserfallen ist FDP-Nationalrat und Mitglied der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur. Er glaubt nicht, dass die soziale Herkunft eines Kindes einen entscheidenden Einfluss auf seine Berufschancen hat: «Die Berufsbildung ist der Einstieg in den Aufstieg. Darum hat die Schweiz international betrachtet eine ausgeglichene Verteilung der Einkommen.» «Der Staat müsste finanziell benachteiligten Jugendlichen viel stärker beistehen»: Julie Falcon forscht an der Universität Lausanne zum Thema soziale Mobilität. Wie steht es um die Chancengleichheit in der Schweiz? Gemäss einer Studie des Bundesamtes für Statistik beziehen 83 Prozent aller Schweizer Studenten Geld von ihren Eltern.

Zum Thema
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Frau Falcon, rund ein Drittel der Leser über 18 gaben in unserer Umfrage an, dass sie regelmässig Geld von ihren Eltern beziehen. Ein repräsentatives Resultat für die Schweizer Bevölkerung?
Wie eure Umfrage zeigt, sind es vor allem junge Erwachsene unter 30, die noch Geld von ihren Eltern erhalten. Auch wenn diese Umfrage nicht repräsentativ ist, glaube ich doch, dass sie etwas über die ökonomische Realität junger Erwachsener aussagt. So hat auch eine Umfrage des Bundesamtes für Statistik (BFS) ergeben, dass 83 Prozent aller Schweizer Studenten Geld von ihren Eltern beziehen.

Umfrage
Soll der Staat Studenten und junge Erwachsene, die eine Zusatzausbildung machen wollen, stärker unterstützen?

Warum sind so viele junge Menschen in so einem reichen Land wie der Schweiz auf die finanzielle Unterstützung der Familie angewiesen?
Weil die Reichtümer in der Schweiz noch immer ungleich verteilt sind und es im Vergleich zu etwa skandinavischen Ländern viel schwieriger ist, für die Ausbildung Geld vom Staat zu erhalten.

Was sagt diese Zahl aus über die Chancengleichheit in der Schweiz?
Das bedeutet, dass man fürs Hochschulstudium eine Familie braucht, die einen unterstützen kann. Denn offensichtlich steht diese Option nicht jedem offen, der das Talent dazu hätte. So machen die meisten Kinder aus Arbeiterfamilien eine Lehre, selbst wenn die Noten gut genug für ein Studium wären. Diese Kinder haben nicht wirklich eine andere Wahl.

Dabei brüstet sich die Schweiz damit, dass hierzulande jeder die Chance hat, ein Studium zu machen – sofern die Person clever genug ist. Ein Trugschluss?
Hier stellt sich die Frage, inwiefern die gesellschaftliche Position von der schulischen Leistung abhängt oder ob sie nicht schon von Vornherein vom sozialen Milieu bestimmt wird. Meine Resultate deuten darauf hin, dass das soziale Milieu auch heute noch ein wichtiger Faktor ist, um den gesellschaftlichen Erfolg einer Person zu erklären.

Ein Ärztekind wird also eher studieren als das Kind eines Schreiners?
Genau. Der soziale Hintergrund beeinflusst die Chancen, ein Studium zu absolvieren.


Julie Falcon
Die Soziologin forscht an der Universität Lausanne zum Thema Chancengleichheit und soziale Mobilität.

Inwiefern ist dies problematisch? Ist eine ausgewogene Balance zwischen Akademikern und Nicht-Akademikern nicht gut für eine Volkswirtschaft?
Klar, braucht es in der Schweiz auch manuelle Arbeit. Aber viele Jobs wird es wegen der Digitalisierung in Zukunft gar nicht mehr geben, etwa Chauffeure selbstfahrender Autos. Ohne höhere Schulbildung werden es diese Arbeiter sehr schwer haben, den Sprung in die digitale Moderne zu schaffen.

Wie hat sich der Schweizer Arbeitsmarkt seit Beginn des 20. Jahrhunderts verändert?
Es gab eine grosse Verschiebung von landwirtschaftlichen und industriellen Jobs in den Dienstleistungssektor. Zudem studieren heute viel mehr Leute als noch vor 50 Jahren, und auch die angestrebte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau hat zu einem strukturellen Wandel geführt.

Man könnte erwarten, dass diese Veränderungen einem grossen Teil der Bevölkerung den Zugang zur oberen Mittelschicht ebnete. Trat das ein?
Nein, dieser Wandel führte nicht dazu, dass die Gesellschaft durchlässiger wurde. Oft geht man davon aus, dass Jobs im Service-Sektor generell besser bezahlt sind als solche in der Industrie. Dabei geht oft vergessen, dass es auch im Dienstleistungssektor viele Jobs im Niedriglohnsektor gibt. Man spricht in diesem Zusammenhang vom Service-Proletariat.

Welche Berufsgruppen gehören etwa zu diesem Service-Proletariat?
Ich denke da an den Verkäufer, die Coiffeuse, den Pfleger oder die Putzhilfe. Die meisten Leute denken, die Schweiz sei eine Gesellschaft mit einer grossen Mittelschicht und nicht allzu grossen sozialen Unterschieden. Die Realität ist jedoch eine andere. Die Gesellschaftsschichten sind während der letzten hundert Jahre relativ starr geblieben.


Serie: Volljährig und finanziell abhängig von den Eltern

Teil 1: Können sich nur reiche Jugendliche weiterbilden?
Teil 2: Die Sackgeld-Jugend zeigt Gesicht
Teil 3: «Grosse Mittelschicht in der Schweiz? Ein Mythos!» Interview mit Soziologin Julie Falcon.

Woran liegt das?
Wir haben in der Schweiz ein Schulsystem, in dem die Weichen für die berufliche Weiterentwicklung relativ früh gestellt werden. Schon im Alter von 13 Jahren wird entschieden, ob ein Kind ans Gymi geht oder in die Sek kommt. Klar gibt es noch die Passerelle, aber das Schicksal der meisten Schüler wird mit dieser Einteilung bereits besiegelt. Dass diese Entscheidung so früh getroffen wird, verstärkt den Einfluss des sozialen Milieus. Denn in diesem Alter sind die Eltern noch stärker am schulischen Erfolg des Kindes beteiligt als etwa an der Uni, wo die Kinder viel selbständiger arbeiten müssen. Zudem drängt sich die Frage auf, ob Kinder in diesem jungen Alter überhaupt schon reif genug sind, eine solch folgenschwere Entscheidung zu treffen.

Aber heute studieren doch viel mehr Jugendliche als noch vor 50 Jahren?
Das stimmt, aber es waren vor allem die gesellschaftlich höher gestellten Schichten, die von dieser Zunahme profitiert haben. Eine gute Ausbildung ist die Voraussetzung für gesellschaftlichen Erfolg. Aber wie ja auch eure Umfrage gezeigt hat, ist finanzielle Unterstützung oft die Voraussetzung für eine gute Ausbildung.

Hat die soziale Herkunft denn auch innerhalb desselben Bildungsniveaus einen Einfluss auf den gesellschaftlichen Erfolg? Hat ein Jus-Absolvent aus einer reichen Familie bessere Chancen als seine Studienkollegin aus einer ärmeren Familie?
Für die Schweiz gibt es dazu noch nicht so viele Daten, aber Studien aus England, Frankreich und den USA haben gezeigt, dass die soziale Herkunft selbst bei Hochschulabgängern weiterhin einen Einfluss auf den beruflichen Erfolg hat.

Woran liegt das?
Die Ausbildung ist nicht der einzige Faktor, der Erfolg erklärt. Es gibt viele informelle Faktoren wie gesellschaftliche Codes, Statussymbole, Verhaltensregeln und Zugang zu Netzwerken, für die es an der Uni keine Kurse gibt.

Was für gesellschaftliche Codes beispielsweise?
Damit sind Benimmregeln gemeint, die Art wie jemand spricht, wie sich jemand kleidet. Aber auch, wo er in die Ferien geht, in welchen Restaurants er isst. Es handelt sich hier um eine Art kulturelles Kapital.

Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen?
Aus einer historischen Perspektive hat die soziale Mobilität bei den Frauen stärker zugenommen, einfach weil es ihnen früher lange Zeit verwehrt blieb, überhaupt eine Karriere anzustreben. Bei den jüngeren Generationen ist es aber so, dass die Chance für einen sozialen Aufstieg unter Männern höher ist als bei Frauen. Das hat damit zu tun, dass auch heute noch die meisten Stellen in der Teppichetage von Männern besetzt werden.

Greift diese Erklärung nicht etwas zu kurz? Viele Frauen entscheiden sich nach der Familiengründung auch freiwillig dazu, kürzerzutreten.
In einem Wirtschaftssystem, das keine Teilzeit-Lösungen für Mütter in Führungspositionen vorsieht, stellt sich die Frage, wie freiwillig sich das Kürzertreten tatsächlich gestaltet. Es bräuchte eine bessere Balance zwischen Arbeits- und Privatleben.

Was müsste sonst noch geschehen, damit die Gesellschaft durchlässiger würde?
Der Staat müsste finanziell benachteiligten Schülern viel stärker beistehen und Stipendien nicht nur in Ausnahmefällen gewähren, sondern ähnlich wie im skandinavischen Modell allen Studenten verfügbar machen, die finanzielle Hilfe benötigen.

Sollten auch junge Menschen, die eine zweite Lehre absolvieren wollen, vom Staat unterstützt werden?
Wenn die Leute mit ihrer ersten Lehre keine Arbeit finden können, klar. Persönlich würde ich den Betroffenen jedoch raten, ein Studium zu absolvieren, da es ihre Erfolgschancen massgeblich erhöht.

Viele junge Erwachsene, mit denen wir sprachen, leiden sehr unter dem Umstand, noch immer Geld von ihren Eltern zu beziehen. In anderen Kulturen hingegen gilt es als ganz normal, von der Familie abhängig zu bleiben. Ist es denn überhaupt erstrebenswert, finanziell unabhängig zu sein?
Das ist eine philosophische Frage. Im Alltag ist es sicherlich vorteilhaft, finanziell unabhängig zu sein. Wir leben nun mal in einer liberalen Gesellschaft, in der von jedem Individuum erwartet wird, für sich selbst zu sorgen. Natürlich erzeugt das aber auch einen enormen Druck bei denjenigen, die das nicht können.

Denken Sie, dass die finanzielle Abhängigkeit junger Menschen in der Schweiz von ihren Eltern noch weiter zunehmen wird?
Es ist schwierig, die Zukunft vorherzusagen. Dass sich höhere Fachhochschulen immer stärker gegenüber Lehrlingen öffnen, ist sicher eine gute Entwicklung. Um die Probleme an der Wurzel zu lösen, braucht es jedoch einen tief greifenden Wandel in unserer Gesellschaft.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Toni am 24.02.2020 20:47 Report Diesen Beitrag melden

    Lehre ist nicht schlecht

    Viele meiner Freunde, die eine Lehre gemacht haben sind heute sehr gut bezahlte Spezialisten, welche direkt nützliche Aufgaben erledigen. Andere wie ich studieren ihr ganzes Leben, machen nie etwas Nützliches.

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  • Cookie am 24.02.2020 19:02 Report Diesen Beitrag melden

    Mittelschicht ade

    Alles eine Frage von Angebot und Nachfrage. Solange das Angebot an Arbeitnehmern aus ca. 225 Mio EU-Bürgern besteht, wird es in der Schweiz mit den Löhnen nur in eine Richtung gehen... nach unten. Unsere Mittelschicht wird aussterben - wie schon in den westlichen EU-Ländern geschehen.

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  • Susanne Kunz am 24.02.2020 21:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Studium bedeutet nicht, viel Verdienen

    Auch ohne Studium kann man es weit bringen. Ein Studium ist kein garant für einen guten Lohn, dazu braucht es Sozialkompetenzen, Grips, Wille und den Mut auch Dinge zu machen die vielleicht nicht besonders Toll sind. Ich habe gelernt wass es heissz 4 Tage zu arbeiten und 4 Tage zur Schule zu gehen... Aber das Studium wird meines erachtens massiv überschätzt

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Widum am 25.02.2020 12:14 Report Diesen Beitrag melden

    Durchlässigkeit

    Die Schweiz hat ein sehr durchlässiges System, so kann man nach der Lehre noch eine BM machen (ziemlich Standard) und danach eine Fachhochschule mit Bachelor und mit diesem dann auch eine Uni. Durchlässigkeit ist nur in wenigen ohne Gymnasialmatura nicht möglich. Sorry, aber die Dame ist mit dem schweizer System definitiv nicht allzu vertraut. Zudem es oft noch die Möglichkeit zur Weiterbildung "on the job", finanziert vom Arbeitgeber gibt, wenn man nachfragt.

  • sohn,vater,grossvater am 25.02.2020 11:20 Report Diesen Beitrag melden

    meine eltern waren mittelschicht,

    beide sek und gymer, ich und meine schwester konnten uns noch ein bisschen steigern, als nur primarschüler sind wir obere mittelschicht heisst kurz vor wohlhabend (man hat alles), unsere kinder (erwachsen) gingen in die sek und den gymer, haben beide 2 ausbildungen und wir zahlten diese, dafür sind sie heute mit mitte 20 selbständig und verdienen gutes geld, und sind leicht unter unserem standard, haben aber schon die doppelt so grossen einfamilienhäuser wie wir! da wir aus der mittelschicht kommen, heisst dass das man nichts anderes kennt und seinen kids mindestens diesen standard weiter gibt

  • Lug und Betrug am 25.02.2020 11:15 Report Diesen Beitrag melden

    ....,

    Die sogenannte Chancengleichheit ist nichts anderes, als ein weiteres Raubrittertum am immer kleiner werdenden Mittelstand. Das Spiel geht so lange weiter, bis der Mittelstand ganz weg ist. Und die Jungen denen man alles nach werfen will, werden uns später die Rente verweigern.

  • Dr. Snuggles am 25.02.2020 11:12 Report Diesen Beitrag melden

    Falsch verstandene Digitalisierung

    Vielleicht sollte nicht alles digitalisiert werden und wenn doch: Warum digitalisiert man nicht BWL Jobs und CEOs. Das würde am meisten Sinn machen. Die grössten Kostenfaktoren sind nämlich Kader. Und häufig bräuchte es diese nicht. Ein Computer wäre besser! Es müsste dann nur ein Mitarbeitergremium die Entscheidung des Digi-CEOs absegnen. Wie wäre diese Digitalisierung?Des Weiteren braucht es nach wie vor Chauffeure. Ein Flugzeug fliegt theoretisch auch alleine, braucht aber schlussendlich den Menschen. Digitalisierung heisst vereinfachen nicht wegrationalisieren, liebe CEOs!

  • Oliver Steiner am 25.02.2020 11:07 Report Diesen Beitrag melden

    Wie genau abhängig?

    Frau Falcon sagt in ihrer ersten Antwort nur, dass Kinder Geld von den Eltern erhalten. In der zweiten Antwort sind die Kinder schon abhängig von den Eltern. Interessant wäre, wie denn so ein Budget der Kinder aussieht - sind die Kinder abhängig, weil sie sich Luxus gönnen, den die Eltern finanzieren? Das würde für mich aber zu ganz anderen Schlussfolgerungen führen.