Bub (7) zu Oralsex gezwungen

11. Juli 2019 04:47; Akt: 11.07.2019 04:47 Print

«Übergriffe von Kindern werden oft verharmlost»

Ein 9-jähriger Junge soll im Tessin einen 7-Jährigen zu Oralsex gezwungen haben. Solche Übergriffe sind kein Einzelfall – aber würden oft nicht erkannt, warnen Experten.

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In einem Ferienlager in Blenio TI soll ein 9-jähriger Junge am Freitag einen 7-Jährigen zu Oralsex gezwungen haben. Ein dritter Junge soll den Vorfall beobachtet haben. Die Mutter des Opfers aus dem Kanton Tessin will den Fall zur Anzeige bringen, wie sie zu 20 Minuti sagt: «Mein Sohn ist traumatisiert. Ich frage mich, was einen Neunjährigen dazu bringt, eine solche Tat zu begehen.» Vielleicht habe er selbst sexuelle Übergriffe erlebt.

Die Kinder befanden sich in einem zweiwöchigen Ferienlager, das seit Jahren von einer Tessiner Stiftung organisiert wird. Wie es mit dem betroffenen Kind weitergeht, ist noch unklar.

«Als Doktorspiele verharmlost»

Dass sich Kinder an anderen Kindern vergehen, kommt öfter vor. Jeden zweiten Monat wurde in den letzten fünf Jahren im Durchschnitt ein Kind unter 10 Jahren eines Delikts gegen die sexuelle Integrität beschuldigt, wie die Kriminalstatistik zeigt. Da Kinder unter 10 Jahren nicht strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden können, bilden diese Zahlen nur einen kleinen Teil der Fälle ab.

Die Beratungsstelle Castagna betreute etwa im letzten Jahr Fälle mit 77 minderjährigen Tätern unter 12 Jahren. Teils schwere Übergriffe würden als «Doktorspiele» verharmlost, sagte Co-Leiterin Regula Schwager kürzlich zu 20 Minuten. «Kindliche Sexualität gilt grundsätzlich als ‹unschuldig und absichtslos›».

Opfer schämen sich

Das führe dazu, dass entsprechende Handlungen «häufig nicht als solche eingestuft, sondern bagatellisiert werden», heisst es in einem im Mai erschienenen Ratgeber der Beratungsstelle. «Auch heute können noch viele kaum glauben, dass Kinder sexuelle Übergriffe begehen.»

Erwachsene würden sich oft schwertun, eine von einem Kind begangene sexuelle Grenzüberschreitung als Übergriff zu benennen. Die Eltern des übergriffigen Kindes reagierten oft mit Abwehr: «Viele schämen sich und fürchten, verdächtigt zu werden, ihr Kind sexuell auszubeuten oder Erziehungsfehler gemacht zu haben. Denn steht schnell die Frage im Raum, woher das Kind ‹das hat›.»

Herunterspielen ist fatal

Für Eltern scheine es manchmal einfacher, die sexuellen Übergriffe zu bagatellisieren – und andere könnten oder wollten es schlicht nicht glauben. Fatal sei auch, wenn Erwachsene die Übergriffe herunterspielten – mit Sprüchen wie: «Du musst dich halt wehren» oder «er ist ja gleich alt wie du». In anderen Fällen getrauten sich die Opfer aus Angst vor Vorwürfen nicht, sich Erwachsenen anzuvertrauen.

Das ist fatal: «Betroffene müssen vor weiteren Übergriffen geschützt werden», schreibt Castagna. Übergriffige Kinder wiederum brauchten Unterstützung, um ihr Verhalten korrigieren zu können.

Dass Kinder übergriffig werden, kann verschiedene Gründe haben. «Besonders im Kindesalter wird mit übergriffigem Verhalten oft eine eigene Not kompensiert», schreibt Castagna. Übergriffige Kinder versuchten, Überlegenheits- und Machtgefühle zu erleben. «Sie versuchen so, eigenen Ohnmachtserfahrungen und Verletzungen, manchmal auch eigenen Erfahrungen sexueller Gewalt entgegenzuwirken. Oder sie reagieren auf Frustrationen und benutzen Sexualität oder sexuelle Gewalt als Ventil für ihre Aggressionen.» Allerdings: Lange nicht alle Kinder, die sexuelle Gewalt erfahren haben, üben diese auch selbst aus. Und jene, die Übergriffe begehen, sind nicht alle von sexueller Gewalt betroffen.

(ehs)