Seelsorger

07. Januar 2016 13:26; Akt: 07.01.2016 20:33 Print

«Ärzte, die weinen, sind keine Schwächlinge»

Peter Christen ist Programmleiter von ReMed – einem Unterstützungsnetzwerk für Ärzte. Im Interview erzählt er, mit welchen Problemen Ärzte zu ihm kommen.

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Herr Christen, melden sich Ärzte bei Ihnen, die immer wieder vor ihren Patienten in Tränen ausbrechen und sich nicht mehr zu helfen wissen?
Als Kontaktaufnahmegrund passiert das eigentlich nie. Aber im Rahmen eines grösseren Themas, wie beispielsweise belastende Patientenschicksale, kann dies schon zur Sprache kommen.

Ist ein Arzt ein Schwächling, wenn er vor seinen Patienten weint?
Nein. Die Ärzte sind sich bewusst, dass sowohl ihre Fachkompetenz als auch ihre Empathie notwendig sind, um Patienten bestmöglich zu begleiten. Oft nehmen Patienten dies sogar als Anteilnahme, also positiv auf.

Wenn ich mir nun vorstelle, mein Arzt überbringt mir einen negativen Befund und weint währenddessen – das ist, als würde die Stewardess auf dem Flugzeug während Turbulenzen in Panik ausbrechen.
Die Situation, in der das geschieht, ist natürlich ausschlaggebend. Aber nehmen wir an, Arzt und Patient kennen sich schon sehr lange. Eine adäquate Reaktion beim Überbringen einer schlechten Nachricht kann dann sehr authentisch sein und vom Patienten geschätzt werden. Wichtig ist, dass der Arzt seine Reaktion verbalisiert. Er kann beispielsweise sagen: «Es tut mir leid, das macht mich jetzt sehr betroffen.»

Nochmals, wenn mein Arzt während des Gesprächs mit mir in Tränen ausbricht und mir dann auch noch sagt, er sei sehr traurig, dann denke ich vielleicht: Das ist mir doch egal, ob dich das traurig stimmt. Schliesslich werde ich ja bald sterben und nicht du.
Der Patient hat selbstverständlich ein Anrecht auf Professionalität. Das heisst, der Arzt muss in der Lage sein, Befunde, Diagnose und die nächsten Behandlungsschritte, mitzuteilen, ohne in Tränen auszubrechen. Gleichzeitig ist er aber auch ein Mensch und es gehört zu seiner Authentizität, seine Emotionen zu zeigen. Eine klare Grenze entsteht dann, wenn der Arzt merkt, dass ihn das Schicksal dieses Patienten zu sehr mitnimmt. Dann muss er ihn einem Kollegen überweisen. Jeder Arzt, auch ein Psychiater, kann in diese Situation geraten.

Haben Sie auch schon einmal vor einem Patienten geweint.
Ja, beispielsweise, als ich als Hausarzt Eltern mitteilen musste, dass ihr Kind Krebs hat. Es kommt selten vor, aber manchmal gibt es das.

Welche Situationen bringen Ihrer Erfahrung nach viele Ärzte zum Weinen?
Es sind Fälle, mit denen sich die Ärzte selbst gut identifizieren können und zu denen sie einen starken Bezug haben. Beispielsweise kann eine Sterbebegleitung sehr aufwühlend sein, wenn der Arzt selber vor kurzem einen Angehörigen verloren hat.

Mit welchen anderen Problemen wenden sich Ärzte an ReMed?
Das meistbehandelte Thema ist wohl die Doppelbelastung von Ärztinnen, die auch Mütter sind. Dann folgen eigene Lebensumstände, sprich familiäre Probleme oder Trennungen, die einen Einfluss auf die Arbeit haben. Das Thema Burnout wird ungefähr gleich oft erwähnt. An vierter Stelle folgt dann der Substanzenmissbrauch – Alkohol- oder Tablettenkonsum als untaugliche Mittel, um nach der Arbeit abschalten zu können.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rammus am 07.01.2016 13:36 Report Diesen Beitrag melden

    Niemand..

    .. Ist ein Schwächling wenn man weint. Gefühle können tiefe Wurzeln haben.

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  • Z54 am 07.01.2016 13:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    möchte nur schnell Danke sagen an alle ärzte, die fast immer präsent sind und selten Gefühlen zeigen. Obwohl sie auch Menschen sind.

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  • MISTER am 07.01.2016 13:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ärzte

    sind auch Menschen wie wir alle une haben auch Gefühle.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Andrew M. am 08.01.2016 17:19 Report Diesen Beitrag melden

    Der Mensch ist halt menschlich...

    Da gehört auch das zeigen von Gefühlen dazu. ich kann gar nicht mehr zählen wie of ich als Soldat nach Kampfeinsätzen geweint habe. Andere unterdrücken diese Emotionen und irgendwann kochts über. Was dann passiert hat mittlerweile jeder mitbekommen (US Truppen in Afghanistan/Iraq). Macht mich dass nun zu einem Schwächling? Ich denke nicht..!!

  • Willy Panorama 14 am 08.01.2016 16:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ZUM GLÜCK !!!!

    Möcht gerne Wissen warum ein Mensch nicht Weinen soll oder darf .!Ob Arzt oder nicht Emotionen oder Mitgefühl kann jeder Mensch haben .! Das ist doch schön.Ich finde Menschen die Weinen sind ehrlich haben nichts zu verbergen.!Früher pflegte man zu Sagen richtige Männer weinen nicht.! Weinen ist niemals ein Ausdruck von Schwäche sondern von Ehrlichkeit und Stärke.!

  • Fasi am 08.01.2016 10:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ärzte und Pfleger

    Ich hatte mit 19 Brustkrebs und mein Arzt rang mit den Tränen was Ihn sehr symphatisch macht. Ärzte und Pfleger sine keine Esiklötze wir sind auch nur Menschen. Wenn ich hier zumteil Kommentare lese dan wünschte ich mir dass Sie nur 1 Tag all diese sachen machen müssten die wir tagtäglich machen,mal sehen ob die dann immernoch so denken.......

  • Nitram am 08.01.2016 09:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nein so Nicht

    Die Medizin ist was ernstes. Da haben Milchbubis und Heulsusen nichts verloren!

    • Natrim am 08.01.2016 10:02 Report Diesen Beitrag melden

      Stimmt

      In Zukunft nur noch Terminatoren als Ärzte einsetzen!

    • FaGe am 08.01.2016 21:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Nitram

      nicht deiner meinung!

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  • baba am 08.01.2016 09:03 Report Diesen Beitrag melden

    menschlichkeit geht vor

    als unsere tochter verstorben ist und wir danach mit ihrer Pflegerin und dem Kinderarzt besprechen mussten was mit ihrem Körper gschieht hat es mich sehr getröstet, dass auch die zwei Profis Tränen in den Augen hatten....