Kinder mit Behinderungen

11. Oktober 2018 20:44; Akt: 12.10.2018 08:44 Print

«Ärzte dürfen Schwangere nicht zu Tests drängen»

In Bern verklagt eine Patientin ihren Arzt, weil sie ein krankes Kind geboren hat. Wie hoch ist der gesellschaftliche Druck?

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In diesen Tagen steht ein Berner Frauenarzt vor Gericht, weil er von einer Patientin laut der «Berner Zeitung» zu Schadenersatzzahlungen von bis zu einer Million verklagt wurde. Der Grund: Sie hat ein krankes Kind zur Welt gebracht, das Träger ihrer Erbkrankheit ist. Gemäss der Frau habe der Gynäkologe auf vorgeburtliche Untersuchungen verzichtet, bei denen die besagte Krankheit hätte festgestellt werden können. Der Frauenarzt hingegen gibt an, die Frau habe ihm gegenüber ausdrücklich gesagt, dass sie das Kind so oder so zur Welt bringen wolle – unabhängig davon, ob es gesund oder krank sei. Vor Gericht soll nun geklärt werden, ob der Facharzt die werdende Mutter tatsächlich ungenügend über die Gesundheitsrisiken des ungeborenen Kindes aufgeklärt hat. Sollte die Frau den Wunsch geäussert haben, die Schwangerschaft unabhängig von einer potentiellen Krankheit nicht abbrechen zu wollen, hat der Gynäkologe richtig gehandelt, indem er keine pränatalen Tests durchführen liess, so die «Berner Zeitung». In diesem Fall wäre es nicht die Schuld des Arztes, dass die Frau ihren Entscheid, das Kind zur Welt zu bringen, bereute, als die Erbkrankheit diagnostiziert wurde. Laut einer Expertin, die in der «Berner Zeitung» zitiert wird, ist der Fall aussergewöhnlich, da sich eine Tendenz in die gegenteilige Richtung zeige. So würden sich Frauen von ihren Ärzten in der Regel eher unter Druck gesetzt fühlen, vorgeburtliche Untersuchungen durchführen zu lassen. Während das Gericht die Aufgabe hat, den Fall aus juristischer Sicht zu beurteilen und dabei die Höhe des «Schadens» festlegen muss, den die Geburt des kranken Kindes verursacht, ist die Angelegenheit auch aus ethischer Sicht umstritten. Abtreibungen aufgrund von Krankheiten oder Störungen, die beim ungeborenen Kind festgestellt werden, werden kontrovers diskutiert.

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Eine Patientin hat in Bern ihren Gynäkologen angeklagt. Sie hat ein krankes Kind auf die Welt gebracht, das sie abgetrieben hätte, wenn sie von dessen Erbkrankheit gewusst hätte. Der Gynäkologe habe auf vorgeburtliche Abklärungen verzichtet. Nun fordert sie eine Million Franken, weil der «Schaden» entstanden sei, berichtet die «Berner Zeitung». Der Gynäkologe widerspricht: Sie habe ihm gegenüber deutlich gemacht, dass sie das Kind so oder so zur Welt bringen wolle.

Die Frau gehört zu einer grossen Mehrheit. Verschiedene Studien belegen, dass rund 90 Prozent der Schweizer Frauen eine Abtreibung vornehmen, wenn vorgeburtliche Tests auf eine mögliche Behinderung hindeuten. Letztes Jahr wurden in der Schweiz rund 10'000 Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt. Der Grund dafür ist nur in 37 Prozent der Fälle bekannt. Insgesamt 200 Abbrüche wurden letztes Jahr aufgrund von pränatal diagnostizierten Erkrankungen durchgeführt. Die meisten Abbrüche erfolgten aus psychosozialen Gründen.

Diese pränatalen Tests gibt es

Zwischen der 6. und 10. Schwangerschaftswoche werden werdende Mütter laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf die Möglichkeit eines Trisomie-Screenings aufmerksam gemacht. Zwischen der 12. und der 14. Schwangerschaftswoche wird zudem in der Regel eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt. Wenn diese ein erhöhtes Risiko zutage fördert, können weitere Abklärungen getätigt werden.

Seit 2012 sind in der Schweiz zudem bestimmte nicht-invasive diagnostische Bluttests zugelassen. Die Kosten dafür werden unter Umständen von der Krankenkasse übernommen.

«Ärzte dürfen nicht drängen»

Abtreibungen aufgrund von Krankheiten oder Störungen, die beim ungeborenen Kind festgestellt werden, werden kontrovers diskutiert. Samuel Steiner, Verantwortlicher Sozialpolitik bei der Behindertenorganisation Insieme Schweiz, kritisiert die Zunahme von Tests in der Schwangerschaft. «Es scheint, als wären bestimmte vorgeburtliche Tests zur Routine geworden. Es kommt vor, dass Gynäkologen bei den Eltern gar nicht nachfragen, ob sie diese wirklich durchführen wollen», sagt Steiner. Das sei seiner Meinung nach nicht richtig, die Autonomie sollte vollständig bei den Eltern liegen. «Ärzte dürften Eltern nicht zu Abklärungen drängen, sondern sie nur ausführlich über ihre Möglichkeiten informieren.» So sehe es auch das Gesetz vor.

«Es braucht eine Gesellschaft, in der die Eltern sich für ein Kind mit einer Beeinträchtigung entscheiden können», sagt Steiner. Zum Beispiel im Fall einer Trisomie 21 sollten die Eltern darüber aufgeklärt werden, dass ein solches Kind dieselben Überlebenschancen habe wie eines ohne Trisomie und durchaus ein gutes Leben führen könne. Es gebe aber auch genetische Varianten, die zu einer sehr schweren Beeinträchtigung des Kindes führen könnten. «So oder so ist es für die werdenden Eltern eine sehr schwierige Entscheidung.»

Nicht der erste Fall

Laut Anita Rauch, Professorin für medizinische Genetik an der Uni Zürich, hat es 2011 am Obergericht Bern bereits einen ähnlichen Fall gegeben. Dabei habe das Gericht entschieden, dass der Mutter eine Genugtuung zu bezahlen sei. Deren damalige Frauenärztin hatte trotz Wissen über eine mögliche vererbliche Stoffwechslenkrankheit beim ungeborenen Kind auf pränatale Tests verzichtet.

Mittels genetischer Analysen könne man Chromosomenstörungen und eine Vielzahl von Gendefekten mit hoher Sicherheit feststellen, sagt Rauch. «In der Regel kommen diese aber nur zum Einsatz, wenn in der Familie schon eine Erbkrankheit bekannt ist, die gezielt untersucht werden soll, oder wenn der Fet im Ultraschall Anomalien zeigt.»

Ob die genauen Tests zu einem Trend hin zum sogenannt »gesunden Kind» führen, sei schwer zu sagen, so Rauch. Die Toleranz für Behinderung hängt ihrer Meinung nach stark von individuellen Lebensumständen wie Weltanschauung, Support vom Umfeld und Religiosität ab. «Generell habe ich schon den Eindruck, dass aufgrund des grossen Drucks, der auf den Menschen in unserer Leistungsgesellschaft lastet, die Betreuung eines schwer kranken oder behinderten Kindes häufiger als unzumutbare Belastung empfunden wird.»

(jk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Aral am 11.10.2018 21:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    armes kind

    schäbig von dieser Frau. wird das Kind dadurch gesund???????????

  • Munzli am 12.10.2018 06:02 Report Diesen Beitrag melden

    Risiko

    Da die Frau bereits ein Kind mit der selben Erbkrankheit hatte, ist sie das Risiko bewusst eingegangen und musste damit rechnen, dass das zweite Kind ebenfalls krank sein könnte...

  • chris am 11.10.2018 21:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    top vorsorge

    bekannte haben sich auf ein behindertes kind vorbereitet, weil der test es sagte.... auf die welt kam ein kerngesundes kind! soviel zur vorsorge!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Vater am 12.10.2018 11:48 Report Diesen Beitrag melden

    Meine Meinung

    Wir alle hier können lange gegen Abtreibung sein und die Frauen ein schlechtes Gewissen einreden, so lange wir selber ein gesundes Kind in den Armen halten.

  • Fiona am 12.10.2018 11:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geschenke

    Ich habe 4 Kinder. Keine Tests( gabs dann nicht) Mir scheint, diese Frage was lebenswert ist und was nicht, ist eine Krankheit dieser alles im Griff haben wollen Gesellschaft! Kinder sind Geschenke. Uns für kurze Zeit anvertraut.

  • steve68 am 12.10.2018 11:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    in des Kindes Haut...

    möchte ich nicht stecken. schon der Gedanke das ich nicht "erwünscht" bin.

  • Selbermutter am 12.10.2018 10:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wo bleibt das Kindswohl?

    Ich frage mich, welches Leben dieses Kind bei einer Mutter (wo ist übrigens der Vater?) erwartet, die es lieber getötet hätte! Sollte eine solche Person noch Geld dafür erhalten, dass sie das offenbar ungeliebte Kind bei sich behält? Wäre eine liebevolle Pflegefamilie vielleicht nicht das Bessere? Hier sollte es doch auch um das Kindswohl gehen. Mir auf jeden Fall zerreisst es fast das Herz, wenn eine 'Mutter' von ihrem eigenen Kind sagt, sie hätte es lieber getötet!

  • Wiibli am 12.10.2018 08:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    95%

    Was ich sehr spannend finde ist, dass gestern in der Umfrage viele klickten ich würde auch ein behindertes Kind behalten. Die Statistik sagt aber etwas anderes 95% aller erkannten Trisomie 21 Kinder werden abgetrieben.

    • awake am 12.10.2018 11:13 Report Diesen Beitrag melden

      der Mensch ist wertvoll so wie er ist

      auch wenn es nicht einfach ist in einer solchen Situation zu sein, ist es doch der Wille jedes einzelnen zu entscheiden. Wenn wir es nicht mehr als Krankheit oder Behinderung definieren kann es sich ändern, die Natur macht nichts zufällig

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