Asylunterkünfte

03. Dezember 2018 05:43; Akt: 03.12.2018 09:53 Print

«12 Personen teilen sich verschimmeltes Bad»

von J. Käser - Asylsuchende sollen im Kanton Solothurn unter prekären Umständen leben. Die Behörden dementieren das.

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Nach dem verheerenden Brand eines Wohnhauses in Solothurn, bei dem sieben asylsuchende Kinder und Erwachsene ums Leben kamen, wird Kritik an der Unterbringungspraxis des Kantons Solothurn laut. Françoise Kopf, Leiterin der Organisation IGA SOS Racisme Solothurn, weiss, wie es im Inneren des abgebrannten Wohnhauses in Solothurn ausgesehen hat. Sie hatte zwei Familien betreut, die zuvor im zweiten Stock des Hauses gewohnt hatten.

«Die Wohnung war in einem desolaten Zustand. Der Schrank hatte Löcher, die Küche war sehr klein und uralt. Zudem gab es in der kargen Wohnung kaum Stühle. Durch die Decke des Badezimmers rann Wasser, wenn oben geduscht wurde. Das wurde erst nach mehrmaligem Anfragen geflickt, das Loch dabei aber nicht gestopft.» Vor der sechsköpfigen Familie hätten 8 Personen in der 2-Zimmer-Wohnung gelebt. Die Umstände, unter denen Asylsuchende im Kanton Solothurn häufig leben müssten, seien prekär und kaum menschenwürdig, erzählt Kropf.

«Auf verletzliche Personen wird keine Rücksicht genommen»

Die junge Frau E. B.* wohnt im Durchgangszentrum Oberbuchsiten, das ausschliesslich Asylsuchende mit laufendem Verfahren und N-Ausweis und Personen mit negativem Asylentscheid beherbergt. E. B.* erlebt die Zustände täglich hautnah: «Bis zu 12 Personen, ausnahmsweise sogar 15, leben zusammen in einer 3- oder 4-Zimmer-Wohnung. Uns steht ein gemeinsames Badezimmer zur Verfügung. Oft gibt es Schimmel, und alle müssen sich eine Küche mit drei kleinen Kühlschränken ohne Gefrierfach teilen. Oft gibt es Streit, weil sich keiner angemessen zurückziehen kann», sagt E. B.* Obwohl es zu häufigen Wechseln komme, wohnten einige Personen jahrelang unter besagten Umständen (siehe Bildstrecke).

Kopf sagt: «Vor allem auf verletzliche Personen wird keine Rücksicht genommen.» Da gebe es etwa eine psychisch schwer kranke Person, die sich die Wohnung mit fremden Familien teile. «Ein Arzt, der die Person behandelt, hat dem Kanton bereits mehrmals geschrieben, dass sie unter solchen Bedingungen nicht leben kann.» Doch der Kanton habe nie geantwortet, der Bericht sei einfach ignoriert worden, sagt Kopf. Die Person lebe weiterhin mit einer fremden Familie zusammen.

Mit Rollstuhl im dritten Stockwerk

Weiter erzählt Kopf von einer schwerkranken Frau mit schwachem Immunsystem, die im Zentrum Oberbuchsiten platziert worden sei. Dort habe sie sich das Zimmer, die Toilette und die Küche mit anderen alleinstehenden Frauen geteilt. Schliesslich sei die Frau in eine Gemeinde verlegt worden, erst wieder in eine WG, dann in ein eigenes Studio. «Doch das Studio befand sich in einer oberen Etage in einem Haus ohne Aufzug. Dabei hätte sich die schwerkranke Frau unter keinen Umständen anstrengen dürfen», weiss Kopf. Ihr Zustand habe sich verschlechtert und sie sei notfallmässig ins Spital gebracht worden, wo sie sich nun seit einigen Wochen liege.

Weiter kennt Kopf den Fall eines jungen Erwachsenen. Dieser sitzt im Rollstuhl. «Die Person wurde im dritten Stock untergebracht. Das Zentrum hat keinen Lift, was dazu führte, dass die Person die Wohnung kaum verlassen, geschweige denn an die frische Luft gehen konnte.» Erst nach heftigem Intervenieren ihrerseits habe das Amt für soziale Sicherheit des Kantons Solothurn reagiert und die Person ausnahmsweise im Parterre wohnen lassen. Dort kämen sonst nur die jugendlichen unbegleiteten Asylsuchenden unter, die speziell betreut würden, so Kopf.

Zimmer laut Kanton täglich kontrolliert

Claudia Hänzi, Leiterin des Amts für soziale Sicherheit des Kanton Solothurn, sagt, sie sei überzeugt, dass alle Personen in den fraglichen vier Wohnungen und im Durchgangszentrum Oberbuchsiten bescheidene, aber angemessene Wohnverhältnisse zur Verfügung gehabt hätten. In Oberbuchsiten sei es bei hoher Auslastung und wegen der häufigen Wechsel aber anspruchsvoll, die Infrastruktur dauernd in tadellosem Zustand zu halten. «Deshalb werden die Zimmer in unseren Durchgangszentren täglich auf Sauberkeit und Ordnung sowie auf Schimmelbefall kontrolliert. Letzterer wird unverzüglich beseitigt», sagt Hänzi.

Ärztliche Empfehlungen würden vom Kanton ausnahmslos ernst genommen, so Hänzi. Allerdings sei deren Umsetzung vor allem im Zentrumsbetrieb, in dem bis zu 80 oder 100 Personen miteinander lebten, anspruchsvoll und nicht immer sofort umsetzbar. Meist gelinge es aber, innerhalb einer vorgegebenen Frist eine gute Lösung zu finden. Schliesslich versichert Hänzi, «dass trotz der sozialhilferechtlichen Einschränkungen Wert auf eine gute Unterbringung und Betreuung gelegt wird».

In Bezug auf den Fall der jungen Person im Rollstuhl sagt Hänzi: «Während Umbauarbeiten im Parterre wurde in Rücksprache mit der Betroffenen und ihren Angehörigen die vorübergehende Verlegung in den dritten Stock beschlossen.» Alle seien einverstanden gewesen und die gehbehinderte Person habe ohne Probleme von ihren Angehörigen ins Parterre zum Rollstuhl getragen werden können. Nach dem Umbau sei die Person in die Parterre-Wohnung zurückgekehrt.

«Kann nicht sein, dass Alleinstehende in Mehrbettzimmer schlafen müssen»

Auch in anderen Kantonen gibt es Kritik, Asylunterkünfte seien mangelhaft: Patrizia Bertschi vom Verein Netzwerk Asyl Aargau sagt: «Es kann es nicht sein, dass alleinstehende Personen über viele Jahre in einem Mehrbettzimmer schlafen müssen. Die einzige Privatsphäre, die sie sich schaffen können, ist ihr Bett, das sie mit Leintüchern verbarrikadieren.» Sie fordere keine Luxuswohnungen für geflüchtete Personen, aber Privatsphäre und Rücksichtnahme gegenüber verletzlichen oder älteren Personen.

«Es braucht Standards, an die sich der Kanton und die Gemeinden halten müssten. Eine Asylunterkunft muss zwingend geschlechtergetrennte Nasszellen haben. Es braucht Räume, wo in Ruhe gelernt werden kann, wo Kinder spielen können», sagt Bertschi.

Peter Meier, Leiter Asylpolitik der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, sagt: «Kindgerechte Unterbringungen sind nicht überall gewährleistet. Die einzelnen Kantone sind für die Beherbergung der Asylsuchenden oder abgewiesenen Personen zuständig. Generell lässt sich aber festhalten, dass die Wohnsituationen dieser Leute in der Schweiz nicht den Bedürfnissen der Betroffenen entsprechen – zumal für Familien und Kinder.»

*Name der Redaktion bekannt