Befehl Omikron

03. August 2012 13:41; Akt: 03.08.2012 13:54 Print

«50 Mann in zwei Zimmern – zum Weinen!»

von Simon Hehli - Mehr Disziplin soll in seiner Armee herrschen, verlangt Ueli Maurer. Das Zwangsübernachten in der Kaserne ist aber ein Schuss nach hinten, finden die Direktbetroffenen.

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VBS-Chef Ueli Maurer macht sich mit seinen Disziplinierungsmassnahmen wenige Freunde unter den WK-Soldaten. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

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Verteidigungsminister Ueli Maurer (SVP) will, dass in seiner Armee wieder Zucht und Ordnung herrscht, vor allem bei den Betriebssoldaten. Deshalb hat sein Armeechef André Blattmann den Befehl Omikron erlassen (20 Minuten Online berichtete). 60 Prozent der Leser sind zwar der Meinung, es brauche wieder mehr Disziplin in der Truppe. Doch die Direktbetroffenen können nur den Kopf schütteln, wie mehrere Feedbacks zeigen.

Umfrage
Braucht es mehr Disziplin in der Armee?
59 %
41 %
Insgesamt 7124 Teilnehmer

Oliver Blaser berichtet, wie in seiner WK-Einheit der Befehl Omikron umgesetzt wurde. Ohne Vorwarnung hätte der Oberleutnant zu Beginn des Kurses den Soldaten mitgeteilt, sie dürften nicht mehr nach Hause gehen zum Übernachten. Blaser traf das besonders hart: Er hat eine Nahrungsmittel-Intoleranz gegen Milchprodukte und Eier. Als untauglich wollte er sich aber nicht aus der Armee verabschieden. Deshalb habe er sich als Büroordonanz einteilen lassen mit der Option, am Abend nach Hause gehen zu können.

Das habe er alles schriftlich. «Nun kommt aber der Oberleutnant und verkündet, dass ich in der Kaserne schlafen und somit hungern soll.» Dass der Befehl vor dem WK nicht schriftlich kommuniziert worden sei, habe den Vorgesetzten nicht interessiert. «Er sagte stur: Befehl ist Befehl.» Blaser hofft nun, dass die Armee abgeschafft wird. «Also ihr wollt Respekt von mir? Dann respektiert gefälligst auch mich als Schweizer Bürger!», schreibt er wütend.

«Erbärmliche Unterkunft!»

Ein Leser meldet sich direkt aus einem WK, der unter dem Befehl Omikron stehe. Neu seien drei Zeitmilitärs für die Truppe zuständig, die mindestens 70 000 Franken verdienten, rechnet er vor. Zudem gebe es jetzt drei Mahlzeiten pro Tag statt einer wie früher, als alle zuhause frühstückten und zu Abend assen. Fazit: «Reine Geldverschwendung. Wir haben nicht mehr Arbeit als zuvor, dafür mehr Langeweile am Abend.» Ein anderer Betriebssoldat berichtet, dass die Umsetzung von Omikron schlecht geplant sei. Weil in der Kaserne Bern keine Unterkünfte zur Verfügung stünden, müssten die Soldaten in die Zivilschutzanlage an der Morgartenstrasse. «Bis zu 50 Personen in zwei Zimmern, die erbärmlich aussehen - zum Weinen!»

Ein Informatiker zeigt auf, wieso bei Omikron der Schuss nach hinten losgehen kann. Er war bis vor kurzem in einer Spezialfunktion eingeteilt. Als Spezialist habe er mit einem Computersystem umgehen können, das nur sehr wenige kennen. Die Funktion habe er bekommen, weil er trotz medizinischem Leiden Dienst leisten wollte. «Das ‹Durchgreifen› habe ich selbst erfahren müssen, irgendein Ahnungsloser hat den Starken rausgehängt.» Da habe er sich medizinisch aus der Armee freistellen lassen und müsse nie mehr gehen. «Und die Schweiz hat einen Spezialisten weniger, von denen es nur eine Handvoll gibt. Meinen Arbeitgeber freuts.»

Elfstündiger Olympia-TV-Marathon

Andere müssen künftig 100 Meter neben ihrem Haus in einer Armeeanlage übernachten. «Kost und Logis zahlt nun das Militär. Ich würde das liebend gerne selber übernehmen und wäre erst noch motivierter.» Für Asylsuchende habe die Armee hingegen nicht genug Unterkünfte – ein «Riesenwitz», findet der Leser. Ein 33-Jähriger freut sich darauf, in seinem letzten WK «mit 20-Jährigen Zimmer und Playstation teilen zu müssen - super».

«Auch wenn wir nicht mehr nach Hause und in den Zirkus Knie dürfen: Etwas zu tun haben wir trotzdem nicht», schreibt ein anderer Betriebssoldat. Sein persönliches WK-Highlight sei ein elfstündiger Olympia-TV-Marathon gewesen. Mehrere Tage sei er gar nicht erst in der Kaserne aufgetaucht. Das habe niemand gemerkt, weil es eh nichts zu tun gegeben habe. «Dafür wurde die ganze Truppe im Game Ski-Challenge unglaublich gut.»

Ein Kamerad erzählt davon, dass sein Betriebsdetachement jedes Jahr in drei Wochen rund 25 000 Liter Diesel für nichts verpuffe. «Aber das Zeugs muss weg, auf Biegen und Brechen. Ansonsten bekämen wir nächstes Jahr weniger Diesel.» Sie seien etwa 30 Mann, die im 24-Stunden-Betrieb drei grüne Lämpchen bewachen. Falls eines auf Rot schalte, müsse ein Telefon bedient werden. «Wenn man sich vorrechnet, wie viele Arbeitsstunden flöten gehen, die auch bezahlt werden müssen - nur dass wir zu dreissigst dieses Lämpchen bewachen!»

Brauchts mehr Disziplin oder mehr Sinn?

Wer mit höheren Offizieren der Armee spricht, kriegt zwar stets zu hören, es gebe keine sinnlosen WK. Doch das scheint sich nicht mit der Stimmung an der Basis zu decken – auch ausserhalb der kritisierten Betriebsdetachements. Kaum ein dienstleistender Leser berichtet von erfüllenden militärischen Aufgaben. Dafür vom Sonnenbrand in der Badi, Spritztouren mit dem Lastwagen oder Besäufnissen.

Manche Leser ziehen daraus den Schluss, dass mehr Disziplin bestimmt nicht schaden kann. Andere glauben, dass die Armee zuerst wieder einen klaren Auftrag brauche. Viele wittern auch ein Führungsproblem: Die Offiziere der Armee XXI seien häufig zu jung und zu schlecht ausgebildet, als dass sie die WK-Truppen sinnvoll beschäftigen und notfalls auch bändigen könnten.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sandra Fischer am 05.08.2012 15:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Soldaten und Asylanten

    Ich denke, dass es in der Armee zum Teil so ist, wie in Achtung fertig Charlie.... Trotzem kann ich den Ärger der Soldaten gut verstehn. Die Armee meint es reiche für die Soldaten, das Leben ist kein Ponnyhof. Dann aber als Solat in der Zeitung lesen zu müssen, eine veraltete Armeeanlange sei für dir Asylanten nicht menschenwürdig, würde ich als Soldat auch sauer werden.

  • M. Jakob am 06.08.2012 11:55 Report Diesen Beitrag melden

    Mehr Mut zu einem NEIN.

    Wenn hier schon immer von Weicheiern geredet wird, dann sind wohl diejenigen, welche einfach schön dem System folgen und ins Militär gehen die Weicheier, denn es braucht viel mehr Mut nein zu sagen, als schön mit dem Strom zu schwimmen. Die Wehrpflicht ist Unrecht und das wissen sowohl unsere Politiker, als auch die Armeeführung. Deshalb traut euch nein zu sagen!

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  • Alfred E. Neumann am 06.08.2012 18:48 Report Diesen Beitrag melden

    So wird man schnell Fachkräfte los

    Ich hatte die Wahl, entweder normale WK's oder im Prinzip das selbe machen wie im Beruf dafür Zuhause pennen. Und die Entscheidung war nicht so einfach, ich habe die WK's bei der Truppe genossen, es war etwas anderes, einmal für ein paar Wochen weg von allem. Aber die Option mit dem Zuhause schlafen war verlockend. Ich kann die Tiere selber füttern, bin am nächsten Tag fit meinen Auftrag zu erledigen. Der Befehl Omikron hat diesen Deal anuliert, weshalb die Armee meine Leistung jetzt halt für das x-Fache über meinen Arbeitgeber bezahlt. Als Ada ist die Armee mich los.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Der vom Militär am 07.08.2012 00:14 Report Diesen Beitrag melden

    Komisch.

    An alle, die hier über "Langeweile" im Wehrdienst meckern und meinen, die Motivation wäre besser, wenn die AdAs etwas mehr gefordert würden: Bei jeder kleinsten Forderung, bei jedem Ansatz zu einem Marsch brechen ja die ersten schon zusammen. Aber ich finde auch, statt Pause zu machen, wäre künftig wieder mehr Zugschule und 20km-Märsche mit Vollpackung angesagt.

  • Alfred E. Neumann am 06.08.2012 18:48 Report Diesen Beitrag melden

    So wird man schnell Fachkräfte los

    Ich hatte die Wahl, entweder normale WK's oder im Prinzip das selbe machen wie im Beruf dafür Zuhause pennen. Und die Entscheidung war nicht so einfach, ich habe die WK's bei der Truppe genossen, es war etwas anderes, einmal für ein paar Wochen weg von allem. Aber die Option mit dem Zuhause schlafen war verlockend. Ich kann die Tiere selber füttern, bin am nächsten Tag fit meinen Auftrag zu erledigen. Der Befehl Omikron hat diesen Deal anuliert, weshalb die Armee meine Leistung jetzt halt für das x-Fache über meinen Arbeitgeber bezahlt. Als Ada ist die Armee mich los.

  • WM a.d. am 06.08.2012 14:25 Report Diesen Beitrag melden

    ja es braucht mehr disziplin....

    auch wenn es darum geht untaugliche als untaugliche zu entlassen! Auch untaugliche Frauen... welche es versehentlich in die Armee geschafft haben... solche die während eines WKs mehr medikamente zu sich nehmen als der rest der Kompanie... alle die sich wegen untauglich keit unfair behandelt fühlen sollen zum Zivilschutz. Da kann man auch ums bezahlen kommen... vielleicht müsst Ihr euch halt einwenig selbst darum tun.

    • Christian Schubert am 06.08.2012 21:06 Report Diesen Beitrag melden

      Weniger ist mehr

      Genau. Erst kürzlich hat man die Armee verkleinert. Da sollte es doch einfacher sein, bei der Aushebung selektiver zu werden und nur noch geeignete AdA's auszuheben... Als Kpl und Ausbildungsunterstützer bei der Feldweibelschule in Thun habe ich viele ungeeignete Fw-Aspiranten erlebt: Sowohl Sozial-, Methoden-, als auch Fachkompetenzen waren auf sehr tiefem Niveau. Wenn man nun bedenkt, dass ungeeignete Führungskräfte am Werk sind, so muss man sich nicht über Omikron etc wundern. Disziplin kommt erst, wenn man will und von den Vorbildern entsprechend dahin geführt wird.

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  • wachmrisze am 06.08.2012 13:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    berufsarmee

    nur so für die, die sagen man solle ein Berufsmilitär einführen. schaut euch amerika an und dan sagt noch mal was eine berufs armee kostet viel mehr als eine miliz armee. sinnlos ist sie auch nich gewisse leute haben in der armee anstand, disziplin und gehorsam gelernt da sie es ziviel nie gelernt haben

  • Emanuel am 06.08.2012 12:47 Report Diesen Beitrag melden

    Feedback von einem Geb Inf Sdt

    Man sollte WK und RS ganz klar unterscheiden. In der RS ist alles möglich ;) Disziplin gehört hier einfach dazu. Habe selbst eine Gebirgs Infanterie RS besucht und weiss wovon ich spreche. Im WK sind die disziplin Zustände unterschiedlich, je nach Einheit usw. Da besteht meiner Meinung kein Bedarf und der jewilige "Kadi" sollte dies im Griff haben. Zu den unterkünften im WK: Kein Licht, extrem trockene Luft und verschimmelte Duschen gehören hier dazu. Dass dreissig Personen ein 20 Quadrat Meter Zimmer teilen ist da ganz Normal, gibt ja 3-fach Betten. Freue mich auf meinen letzten WK :D

    • Betriebssoldat (FugFahrer) mit Planung am 07.08.2012 00:27 Report Diesen Beitrag melden

      kämpfer ausbilden... keine schlafmützen

      Es wäre mal sinvoll mit Soldaten Häuserkämpfe zu machen.... Zug gegen Zug oder kompanie gegen kompanie...! In der RS geht es bis jetzt ja nur um Zugschule üben, und zimmerordnung erstellen damit die kompanie einfach eine gute benotung bekommt.... sonst können die nichts.... und wenn mal eine übung gezeigt eird, wird die bis ins letzte detail wochen zuvor vorbereitet.... und was lernen die soldaten daraus... Im ernstfall kann man alles vorbereiten....? @Ueli.... mach doch aus unseren militaristen mal richtige soldaten als nur ahnungsloose Punkteabarbeiter einer Liste....

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