Managed Care konkret

14. Mai 2012 10:49; Akt: 14.05.2012 11:07 Print

«Acht Augen sehen mehr als zwei»

von Simon Hehli - 30 000 Patienten, 23 Allgemeinpraktiker und Spezialisten, eine Praxis: Aus dem Alltag des Ärztenetzwerks mediX in Zürich-Wipkingen.

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Die Allgemeinmediziner der mediX-Gruppen-Praxis besprechen jeden Tag ihre kniffligsten Fälle. (Bild: PD)

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Die «Halbgötter in Weiss» tragen hier grün – und haben auch sonst wenig mit dem Klischee von Ärzten als abgehobenen Einzelkämpfern gemein. Sie sind Teamplayer: Jeden Tag um 11.30 Uhr treffen sich die Allgemeinpraktiker der mediX-Gruppenpraxis im Büro des ärztlichen Leiters Felix Huber. Sie besprechen ihre anspruchsvollsten Fälle, denn «acht Augen sehen auf einem Röntgenbild mehr als zwei», wie Huber sagt.

An diesem regnerischen Frühlingstag beugen sie sich über den Fall einer alten Frau, die zu erblinden droht: Welche Medikamente braucht sie? Eine Ärztin berichtet danach von einer afrikanischen Frau, die über Erschöpfungssymptome klagt. Soll sie eine Haushaltshilfe bekommen? Das Team rät dazu, nochmals mit der praxisinternen Psychotherapeutin Rücksprache zu nehmen.

Die mediX-Praxis in Zürich-Wipkingen zählt zu jenen Institutionen, die voll auf Managed Care setzen – und deshalb auf ein Ja des Volkes zur entsprechenden Vorlage am 17. Juni hoffen. Mit einem erhöhten Selbstbehalt für jene, die weiterhin auf die freie Arztwahl pochen, sollen die Versicherten dazu bewegt werden, in Netzwerke wie mediX zu wechseln. Denn diese funktionieren gemäss den Befürwortern der Vorlage günstiger – und könnten damit helfen, die Kostenexplosion im Gesundheitswesen abzuschwächen. Die Logik hinter dem System: Wenn nur noch ein Arzt oder ein Medizinergremium die Fäden für alle Behandlungen eines Patienten in der Hand hält, lassen sich teure Doppelspurigkeiten bei der Diagnose oder der Therapie verhindern.

Bessere Arbeitsbedingungen für die Ärzte

Ein Ärztenetzwerk ist zwar nicht zwingend geografisch auf einen Ort beschränkt. Es können sich auch Ärzte aus verschiedenen Dörfern zusammenschliessen: Der Allgemeinpraktiker aus Lenzerheide könnte eng mit dem Hals-Nasen-Ohren-Experten aus Valbella zusammenarbeiten. Doch gerade in den Städten und grösseren Orten gehören Gruppenpraxen wie jener von mediX die Zukunft, ist Praxisleiter Felix Huber überzeugt. «Immer mehr allein praktizierende Ärzte haben Mühe, einen Nachfolger zu finden.» Huber ist ein Managed-Care-Pionier: Bereits 1990 eröffnete er in Zürich die schweizweit erste Praxis, die nach dem aus den USA importierten Prinzip von Health Maintenance Organization (HMO) funktionierte.

Was eine Gruppenpraxis im Vergleich zur althergebrachten Einzelpraxis auszeichnet, erschliesst sich auf einem Rundgang. Dank des gemeinsam benutzten Röntgengeräts und des Labors lassen sich Kosten sparen. Und auch die Praxisassistentinnen arbeiten für das ganze Ärzteteam. Tür an Tür praktizieren 23 Allgemeinmediziner und Spezialisten. Das bringt Vorteile für die Ärzte selber: Sie müssen nicht mehr jeden Tag für ihre Klientel da sein – es kann ja immer jemand einspringen. Aufgrund der Studentenzahlen prognostiziert Huber, dass künftig 70 Prozent der Ärzte Frauen sein werden. Viele von ihnen wollten eine Familie gründen und Teilzeit arbeiten. «Das können sie bei uns bestens. Zwei Ärztinnen mit 50-Prozent-Pensen teilen sich einfach ein Sprechzimmer.»

Dank den für alle zugänglichen elektronischen Dossiers der 30 000 Patienten machen sich die Jobsharing-Doktoren rasch ein Bild über die Untersuchungen, die ihre Kollegen bereits durchgeführt haben. Und bei Unsicherheiten können sich die Allgemeinpraktiker jederzeit an die Spezialisten im Netzwerk wenden oder die online zugänglichen Richtlinien zu den verschiedensten Krankheiten konsultieren. «Wir sind ja keine Maschinen, sondern bewegen uns bei Diagnose und Therapie in einem Bereich steter Unsicherheit», sagt Huber. Medizin reflektieren und zusammenarbeiten – das mache Managed Care aus.

Mehr Flexibilität für die Patienten

Gruppenpraxen bringen aber auch für die Patienten Vorteile. Das Wartezimmer in den modernen, hellen Räumlichkeiten ist gut gefüllt. Eine 31-jährige Frau findet die Atmosphäre zwar eher unpersönlich. Dafür muss sie nicht tagelang auf einen Termin warten, sondern kommt noch am selben Tag dran. Da taucht auch schon eine Ärztin auf – und stellt sich vor. Dass die junge Frau bei jeder Grippeattacke eventuell einen anderen, ihr unbekannten Doktor konsultieren muss, ist ein Preis, den sie für die rasche Behandlung gerne zahlt.

Diese Flexibilität ist gerade für junge Leute kein Problem. Doch vor allem für ältere Patienten ist es wichtig, stets zum Arzt ihres Vertrauens gehen zu können – so auch für Franz Müller*. Er hat einen schweren Autounfall mit doppeltem Schienbeinbruch hinter sich und sucht für die Nachbehandlung gerade Dr. Huber auf. Er habe in der mediX-Praxis alles, was er brauche, sagt Müller. «Meine frühere Hausärztin, bei der ich 25 Jahre lang war, schickte mich für Blutproben jeweils in ein externes Labor. Hier machen sie das gleich vor Ort.» Müller konnte auch die Physiotherapie nach dem Unfall im gleichen Gebäude absolvieren und seine Ischias-Leiden von einem Rückenspezialisten behandeln lassen.

Billigmedizin – oder das sicherste System?

Die junge Frau und der ältere Mann im Wartezimmer haben noch nichts von der Managed-Care-Abstimmung gehört. Felix Huber jedoch sieht dem 17. Juni mit Bangen entgegen. Er weiss: Wegen der Opposition der Ärztegesellschaft FMH – angeführt von den Spezialärzten – und den Nein-Parolen von SP, SVP und BDP wird es sehr schwierig werden, die Vorlage durchzubringen. Es sei sträflich, einen hervorragenden Kompromiss, um den die Politik sechs Jahre gerungen habe, einfach so vom Tisch zu wischen, findet Huber.

Er ärgert sich über die «grotesk verzerrte Kampagne» der Managed-Care-Gegner und den Vorwurf, Netzwerke wie mediX böten minderwertige Billigmedizin an. «Was ist denn schlecht daran, eine medizinische Behandlung so gut wie möglich zu koordinieren? Dadurch wird das System schlanker und günstiger.» Und auch sicherer, glaubt Huber. Er weiss aus eigener Erfahrung, dass Patienten dank der freien Arztwahl von Spezialist zu Spezialist ziehen – und von jedem Medikamente verschrieben bekommen, die miteinander nicht verträglich sind. «Gerade bei chronisch Kranken ist es essentiell, dass ein Arzt, der das Dossier bestens kennt, die Behandlung steuert.»

Nur wenn nötig zum Experten

Trotz der sich abzeichnenden Abstimmungs-Niederlage glaubt Huber, dass sich der Siegeszug von Managed-Care-Modellen nicht aufhalten lasse. Patienten bekämen in den Netzwerken genau die Behandlung, die sie benötigten. Meldet sich ein Patient mit diffusen Bauchschmerzen, kümmert sich zuerst ein Allgemeinmediziner um ihn. Vielleicht ist es nur ein Reizdarm, dann reicht eine Behandlung mit einfachen Medikamenten. Kostenpunkt: 50 Franken. Ist das Problem gravierender, kann immer noch eine Überweisung an einen teuren Spezialarzt erfolgen. Meldet sich hingegen ein Patient mit klarerem Krankheitsbild, können ihn die Praxisassistentinnen direkt zum praxisinternen Experten schicken.

Es ist Mittag geworden, nur noch wenige Patienten sind im Wartezimmer anzutreffen. Felix Huber und die anderen Allgemeinmediziner haben die wichtigsten Fragen des Tages geklärt. Da stürmt eine Praxisassistentin ins Sprechzimmer: Ein Patient mit Herzflimmern sei eingetroffen. Ein Arzt aus Hubers Team eilt sofort ins Behandlungszimmer nebenan. Ist es ein schwerer Fall, wird der Allgemeinmediziner bald einen Herzexperten beiziehen – ganz im Sinn von Managed Care.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Silvio Marugg am 14.05.2012 17:15 Report Diesen Beitrag melden

    Doppelverdiener Dr. Huber

    Wieso setzt sich Dr. Huber so ein ? Wegen dem Geld, das er neben seiner Praxis auch noch mit seiner Firma EQUAM für Qualitätssiegel in Managed Care verdient. Darum NEIN zu HMO und Managed Care !

  • blooper am 14.05.2012 11:07 Report Diesen Beitrag melden

    Nein zu Managed-Care - 1

    Ich staune wie nun stark investiert wird, das Managed-Care in "gutes Licht" zu stellen. Fakt ist, dass man kaum noch zum Spezialisten gelangt, und zuerst durch alle möglichen "billig konservativ-Therapien" gehen muss. Konkretes Beispiel: Einen Schulterschaden wird nicht operiert, sonders mittels Irfen/ Kordison und unzähligen Physio-Therapien behandelt, bis eine weitere Luxation stattfindet - dann kann man erst vom Spezialisten operiert werden. Managed-Care ist eine ausnutzung und fast Quälung der Patienten um Kosten zu sparen! Hat ein Arzt aus dem Netzwerk zudem eine falsche Diagnose gestellt

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  • Ernesto Müller am 14.05.2012 12:12 Report Diesen Beitrag melden

    Wer Ärzte kennt...

    ...weiss dass sie oft untereinander anderer Meinung sind. Ich habe schon erlebt, dass in einer solchen Managed Care Praxis 3 Ärzte 3 verschiedene Meinungen bezüglich einem Thema haben. Das verunsichert einen dann als Patienten schon doch sehr. Darum habe ich nun wieder 1 guten alten Hausarzt der mich dann an die richtigen Stellen überweist wenn es notwendig ist. Aber man muss konsequent sein und wirklich immer zuerst zum Hausarzt gehen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Hans im Unglück am 14.05.2012 18:55 Report Diesen Beitrag melden

    Hier versuchen sich einfach

    einige Allgemeinmediziner ihre Zukunft abzusichern. Ich möchte aber einen Vertrauensarzt, der meine Gesundheit im Fokus hat, nicht sein Einkommen. Nein, zu diesem Miserable Care.

  • Lena Nurse am 14.05.2012 18:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sparzwang

    Es wird nichts gespart! So werden die Röntgenbilder einfach in der MC-Praxis gemacht und - da müssen dann 8 Augen schauen - wird das Rx-Bild beurteilt! Das ist auch heute noch nicht einfach und braucht viel Erfahrung! Da gehe ich lieber zum Spezialisten, der einen Röntgenarzt zur Beurteilung beizieht! Die Kosten sind nämlich gleich hoch! Die MC-Praxis verzichtet wohl einfach aus Budgetgründen auf diagnostische und therapeutische Mittel und zahlt sich gute Löhne aus!

  • Martin Fischer am 14.05.2012 18:07 Report Diesen Beitrag melden

    Nein zu HMO nach amerikanischem Vorbild

    Manged-Care ist nur ein Euphemismus für HMO. Natürlich tun die Befürworter gut daran, das ganze nicht HMO zu nennen - denn jeder weiss, wie's in den USA mit HMOs aussieht. Unbezahlbare Gesundheitsleistungen und "Aussteuerung" von chronisch Kranken. Nichts anderes soll jetzt hier auch eingeführt werden - zum Vorteil der Kassen und zum Nachteil der Versicherten und der Steuerzahler.

  • H. P. am 14.05.2012 17:30 Report Diesen Beitrag melden

    Stimmt so nicht

    Was zählt ist die Erfahrung. Das gilt sowohl für den Hausarzt und auch die Fachärzte. Bei Diagnosen und Medikamenten sind bei mir jüngere Aerzte mit Top-Technik schon arg daneben gelegen. Die Arztwahl ist und bleibt für mich eine Frage des Vertrauens und der Kenntnis meiner Krankheitsgeschichte.

  • Silvio Marugg am 14.05.2012 17:15 Report Diesen Beitrag melden

    Doppelverdiener Dr. Huber

    Wieso setzt sich Dr. Huber so ein ? Wegen dem Geld, das er neben seiner Praxis auch noch mit seiner Firma EQUAM für Qualitätssiegel in Managed Care verdient. Darum NEIN zu HMO und Managed Care !