10. März 2008 11:33; Akt: 10.03.2008 14:04 Print

«Alle dachten, ich sei tot»

von Marius Egger - Ein 20-jähriger Zürcher wagt von der Walliser Ganterbrücke einen Pendelsprung. Als das Seil reisst, stürzt er aus 150 Meter Richtung Tod - und überlebt. Seither ist er blind. Im Videointerview mit 20minuten.ch sprach er über seinen Horrorsturz.

(Video: Debby Galka, 20minuten.ch)
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Es war ein sonniger Sonntag. Nur der Wind pfiff oben auf der Ganterbrücke den acht Jungs um die Ohren. Steven Mack befestigte die beiden Seile an der Brücke, so, wie er das immer gemacht hatte. Zehn Mal hatte er an dem imposanten Bauwerk im Wallis den Pendelsprung, eine Art Bungee-Jump mit Schwungbewegung, bereits gewagt. Nun stand er oben auf der Betonbrüstung. Auf der einen Seite rollte der Verkehr über die Simplonpassstrasse, auf der anderen Seite ging es 150 Meter in die Tiefe. Es war insgesamt sein elfter Sprung von dieser Brücke. Als er langsam wieder zur Besinnung kommt, sind Wochen vergangen. Heute sagt er: «Ich bin in einem neuen Leben aufgewacht».

Mit 150 km/h in den Abgrund

An diesem 28. Mai 2006 stürzte sich der damals 20-Jährige gegen 14.30 Uhr als Zweiter in den Abgrund. Doch bei Steven Mack halten die beiden Seile der Belastung nicht mehr Stand. Nach rund 70 Metern zerfetzt es die Stricke in zwei Teile. Mack rast mit geschätzten 150 km/h 80 Meter im freien Fall in den Abgrund. Sein Bruder Brian steht oben auf der Brücke und filmt den ungebremsten Fall mit seinem Natel. Der Film endet abrupt, mit einem Ausdruck des Entsetzens. Brian will erst hinunter rennen, seinen Bruder suchen. Die Kollegen halten ihn davon ab, warnen ihn vor dem Zustand, in dem er seinen Bruder antreffen könnte. Als die Kollegen schliesslich unten ankommen, liegt er, von einer Blechtüre bedeckt, regungslos da – aber er atmet.

Der Horrorsturz

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(Video: Brian Mack)

Der junge Zürcher wird ins Universitätsspital Lausanne geflogen und in ein künstliches Koma versetzt. Es werden 38 Brüche diagnostiziert, 28 alleine im Gesicht. Mit insgesamt 43 Schrauben und Platten wird er wieder hergerichtet. Irgendwann habe er seine Mutter gefragt, wieso man das Licht nicht anknipse. Da wurde ihm langsam bewusst, dass er sein Augenlicht verloren hatte.

Kritische Töne

An den Tagen nach dem Unfall berichten die Zeitungen über die Hintergründe der Tragödie. Schnell wird klar, dass solche Sprünge von der Ganterbrücke verboten sind. Über die Ursache wird spekuliert. Und die professionellen Adventure-Anbieter melden sich kritisch zu Wort. Wegen der Illegalität hätten die Springer eventuell ihre Vorrichtungen zu hastig angebracht und seien zwischen zwei durchfahrenden Autos «husch, husch» von der Brücke gesprungen. Didi Wenger vom Walliser Sport & Adventure Park Maxi Fun ist noch heute überzeugt: «Solche Pendelsprünge sind total ungefährlich, wenn man es richtig macht.» Er spricht aber von «russischem Roulette, wenn man sich einfach anbindet». Wenger vermutet, dass entweder die Reibung an einem der Betonpfeiler oder ein zu wenig starkes Seil zum Unglück geführt hätten. Einen Materialfehler kann er sich nicht vorstellen.

Die Ermittler gingen kurz nach dem Unfall davon aus, dass es zwischen den beiden Bergseilen zu grosser Reibung kam, wodurch sie «wie von einem Messer» durchtrennt wurden, wie Renato Kalbermatten von der Kapo Wallis sagte.

Laut Steven Mack sind die Ursachen des Unfalls bis heute ungeklärt. Das Seil sei korrekt angebracht worden. Dies hätten ihm Spezialisten bestätigt. Der heute knapp 22-Jährige will in den nächsten Tagen ein erstes Gespräch mit einem Anwalt führen und allenfalls die Seilfirma einklagen, wie er sagt. Über Sinn oder Unsinn solcher Sprünge sagt der Zürcher: «Die Höhe oder Gefährlichkeit einer Brücke ist für die Springer verlockend. Ich war früher auch so. Aber was bringt es, zwei Sekunden lang ein geiles Gefühl zu haben, wenn man dafür das Leben riskiert und seine Familie und den Freundeskreis zerstört?»

Der abgebremste Aufprall

Sein Freundeskreis habe sich seit dem Unfall fast komplett verändert. Seine Beziehung ging in die Brüche. Seinem Bruder falle es heute noch schwer, über den Unfall zu sprechen und «es tut ihm manchmal weh, wenn er mich mit meiner Blindheit sieht». Am schwierigsten ist es aber für die Mutter. «Sie geht heute nicht mehr gerne in die Berge, will sich auch keine Fotos von Bergen anschauen. Es erinnert sie zu fest an den Unfall.» Einmal, sagt Steven Mack, wolle sie aber zurück an den Unfallort und jener Lärche, die ihrem Sohn vermutlich das Leben rettete, einen Tannzapfen abreissen. Die Ermittlungen nach dem Unfall zeigten, dass Steven Mack den Baum einseitig «abrasiert» hatte. Das dürfte seinen freien Fall entscheidend gebremst haben. Danach landete er auf einem Blechdach einer kleinen Hütte und von dort auf dem Boden. Die Blechtüre fiel aus den Angeln und bedeckte Mack. Erst zwei Menschen, so sagte man ihm später, hätten den Sprung von der Ganterbrücke, die oft von Suizidwilligen aufgesucht wird, überlebt. Einer von ihnen ist Steven Mack.

Vor rund einer Woche war der Zürcher wieder beim Arzt. «Es ist alles in Ordnung», teilte ihm dieser mit. Mack ist zuversichtlich, dass er dereinst sogar wieder sehen könne. «Der Grund für meine Blindheit ist ein Trauma. Die Funktionen sind aber einwandfrei.»

Rückblickend sagt Steven Mack: «Für mein Umfeld tut es mir leid, was passiert ist. Aber ich mag mich heute besser als vor dem Unfall. Ich habe verdammt viel über das Leben und mich gelernt und lerne noch immer. Ich möchte nicht zurück.»