Migranten in der Schweiz

02. Februar 2018 10:22; Akt: 02.02.2018 10:22 Print

«Mein Lehrer sagte, dass aus mir nichts wird»

Menschen mit Migrationshintergrund sind selten selbstständig, aber häufig im Kader oder ungelernte Arbeiter. 20 Minuten hat mit vier Betroffenen gesprochen.

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Laut neuen Zahlen des Bundesamtes für Statistik sind Menschen mit Migrationshintergrund besonders häufig in Kader-Positionen und in akademischen Berufen anzutreffen. Doch auch bei den ungelernten Arbeitern gibt es sehr viele Leute mit ausländischen Wurzeln. Bei den Selbstständigen und gelernten Arbeitern gibt es hingegen mehr Schweizer ohne Migrationshintergrund. Betroffene erzählen 20 Minuten von ihren Erfahrungen.

Alban X. (35), Shisha-Bar-Inhaber aus dem Kosovo

«Ich bin 2002 aus dem Kosovo zu meiner Frau in die Schweiz gezogen. Am Anfang konnte ich kein Wort Deutsch. Im Kosovo war ich Pfleger, fand aber hier trotz vieler Bewerbungen keine Stelle. Das war hart. Dann habe ich in einem Restaurant als Hilfskraft einen Job gefunden, musste Teller waschen. 2004 fand ich Arbeit in einer Baufirma, sechs Jahre später wollte ich selbst etwas aufbauen und habe eine Baufirma gegründet, die heute 25 Mitarbeiter beschäftigt. Im September 2017 eröffnete ich zudem eine Shisha-Bar in Hinwil, in der ich auch selber Kunden bediene. Meinen Kindern sage ich, dass mir nichts in die Wiege gelegt wurde und man für den Erfolg hart arbeiten muss.»

Robert (45), Abteilungsleiter aus Deutschland

«Ich kam 2006 aus Deutschland mit meiner Frau und meinem Stiefsohn in die Schweiz. Grund war die bessere Arbeitssituation in der Gebäudetechnik-Branche. Bis vor zwei Jahren arbeitete ich in verschiedenen Planungsbüros. Dann wurde ich zum Abteilungsleiter in einem führenden Unternehmen im Bereich Haustechnikinstallationen befördert. Ich hatte nie Probleme, mit meinem Migrationshintergrund einen Job zu finden, im Gegenteil. In unserer Branche gibt es viel zu wenig Fachleute, man ist auf Ausländer angewiesen. Ich würde sagen, dass rund 30 bis 40 Prozent des Kaders Leute mit Migrationshintergrund sind, zum Teil sind diese auch eingebürgert. In der ganzen Gebäudetechnik-Branche ist der Anteil bei etwa 60 bis 70 Prozent. Deshalb habe ich auch kein schlechtes Gewissen, als Deutscher hier zu arbeiten. Ich nehme niemandem den Job weg, sondern schaffe gar noch Arbeitsplätze auf Kundenseite.»

Arbnor D. (31), Selbstständiger ohne Lehre

«1995 bin ich aus dem Kosovo in die Schweiz gekommen. Mein Vater lebte schon hier und hat mich mittels Familiennachzug geholt. Da war ich neun Jahre alt. Ich ging in die Primarschule und machte einen Realschulabschluss, besuchte dann die Berufswahlklasse. Schon zu dieser Zeit konnte ich mich nicht wirklich für eine Lehre begeistern. Ich ging in verschiedenen Berufen schnuppern, aber keiner gefiel mir. Bewerbungen habe ich zwar geschrieben, doch es war nichts Passendes dabei oder ich erhielt eine Absage. Dann rutschte ich in die Arbeitslosigkeit, musste mich als Temporär-Arbeiter durchschlagen. Schlussendlich landete ich auf dem RAV. 2011 habe ich mich entschieden, die Staplerprüfung zu machen und prompt habe ich in der Logistik-Branche eine Festanstellung erhalten. Da blieb ich fünf Jahre. Nebenbei habe ich mich selbstständig gemacht. Nun leite ich eine Firma, die Zubring Design heisst. Wir stellen Platten- und Vintage-Möbel her, kümmern uns aber auch um den Wiederverkauf. Ich habe es geschafft, obwohl mein Lehrer immer gesagt hat, dass aus mir nichts wird.»

Ruud W. (39), Chef-Plattenleger ohne Ausbildung

«Ich kam vor 22 Jahren in die Schweiz aus Südafrika. Sofort habe ich Arbeit auf der Baustelle gefunden. Ich habe nie eine Lehre gemacht und bin heute als Chef-Plattenleger in einer besseren Position als andere. Wenn man gut ist, kommt man auch ohne Lehre durch. Insbesondere in der Baubranche. Da spielen auch Kontakte eine Rolle. Ich konnte bereits dreimal die Stelle wechseln, ohne dass ich ein Lehrdiplom vorgewiesen habe. Weiterbildungen und Kurse habe ich zwar gemacht, aber ich bin mir sicher, dass es auch ohne geht. Gegen Schweizer muss man sich nicht behaupten, weil wenige freiwillig auf die Baustelle gehen.»

(jen/ehs)