Verletzung beim Fitness

03. November 2013 21:03; Akt: 03.11.2013 21:03 Print

«Am Schluss landen alle bei mir in der Therapie»

Youtube-Videos, Billig-Fitnessstudios und keine Ahnung: Eine gefährliche Kombination, die zu immer mehr Verletzungen führt. Experten warnen vor dem falschen Training in der Muckibude.

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Eine Million Menschen in der Schweiz verletzen sich jährlich bei Nichtberufsunfällen, 400'000 davon bei der Ausübung von Sport, wie die Beratungsstelle für Unfallverhütung meldet. Brisant: Viele Verletzungen passieren im Fitnessstudio. Ein Grund dafür ist das stetig wachsende Angebot: Allein in der Stadt Zürich listet das Sportamt 36 Fitnesscenter.

Valentino Falloum, Personaltrainer im Silhouette Health und Fitness, bestätigt: «Die Verletzungen haben in den letzten Jahren zugenommen, vor allem bei den Jungen.» In ihrem Studio werde zwar jeder Kunde von einem Instruktor eingeführt: «Wir erklären ihm die einzelnen Geräte und erstellen gemeinsam einen Plan.» Trotzdem erwische er immer wieder Leute, die sich nicht daran hielten. Meist seien es junge Männer, die Hanteln und Gewichte stemmten. «Viel zu viel und viel zu intensiv», sagt Falloum. Oft hätten sie einen Video auf Youtube gesehen und wollte dies nun nachmachen. «Das Problem ist, ihr Körper kann das überhaupt noch nicht aushalten, das ist ungesund und führt zu Verletzungen.»

Fahrlässig und gefährlich

Ein zweites Problem sieht Falloum in den Billig-Fitness-Ketten, die in den letzten Jahren «wie Pilze aus dem Boden schiessen.» Er habe selbst gesehen, wie dort die Instruktionen abliefen: «An diesen Orten arbeiten meist Praktikanten, die vielleicht ein halbes Jahr in dem Beruf tätig sind und einfach noch zu wenig Erfahrung haben, um den Leuten die Geräte richtig zu erklären.» Das sei fahrlässig und gefährlich. Das Bedürfnis ist aber vorhanden, so Falloum. «Es gibt viele Leute, die für wenig Geld trainieren und dabei ihre Ruhe haben wollen, ohne jemanden, der ihnen rein redet.» Wenn sich diese Leute dann verletzten, eine Sehne zerrten oder ihre Bänder überdehnten, müssten sie sich nicht wundern.

Auch im Zürcher Fitnesscenter Holmes Place Health Club wird auf die korrekte Einführung grossen Wert gelegt: «Zudem sind unsere Personaltrainer den ganzen Tag unterwegs und kontrollieren die Übungen der Kunden», sagt Regional Marketing Managerin Jessi van Dijk. Sie könne sich aber gut vorstellen, dass dies in Budget-Clubs nicht so aussehe. «Die Mitglieder zahlen wenig Gebühren und bekommen die Geräte zur Verfügung gestellt, so spart man auch am Personal.» Das es an diesen Orten vermehrt zu Verletzungen komme, sei absehbar.

«Ich kann nur den Kopf schütteln»

André Klijnsma, Geschäftsführer der Klinik Reha-Prime in Zürich sagt aber: «Solche Verletzungen passieren überall, sowohl in den etablierten als auch in den Billig-Fitnesscentern.» Denn das Problem sei immer dasselbe, es fehle generell am Know-How. «Die Instruktoren haben keine Ahnung, wie der Körper funktioniert.» Er erlebe das täglich hautnah und könne nur den Kopfschütteln. Zugenommen habe dieser Trend insofern, dass man heute noch mehr und noch schneller Muskeln aufbauen wolle und die Fitnessstudios dies auch stärker proklamierten. «Am Schluss landen sie dann aber alle bei mir in der Therapie.»

70 Prozent der Schweizer verletzen sich laut Klijnsma beim Fitnesstraining, die meisten seien motivierte, ahnungslose Menschen, aber keine Sportler und deshalb untrainiert. Darauf würden sie im Studio jedoch keine Rücksicht nehmen. «Der Fokus liegt nur auf dem Muskelaufbau.» Das sei grundsätzlich für den Muskel selbst nicht schlimm, da er ein sehr gut durchblutetes Organ sei und sich demnach schnell anpassen könne. «Diese Leute gehen aber an ihre Grenzen, trainieren bis sie sich fast übergeben müssen und schaden somit dem Rest ihres Körpers.» Das Problem seien nämlich die umliegenden, schlecht durchbluteten Strukturen, die mit diesem Tempo nicht mithalten könnten und überfordert seien.


Der Denkfehler hat sich verhärtet

Dermassen übertriebenes Training führe oft zu langwierigen und schlecht therapierbaren Verletzungen: «Sehnen und Bandscheiben beispielsweise regenerieren sich schlecht, eben weil wenig Blut durch sie fliesst», sagt Klijnsma. Dieser Denkfehler existiere seit eh und je und habe sich eher noch verhärtet. Am meisten sehe er dieses Phänomen im Januar: «Die Leute sind vollgefressen und wollen so schnell wie möglich abnehmen.» Sie trainierten bereits am ersten Tag 30 Minuten auf dem Laufband, nach einer Woche klagten sie über Gelenkschmerzen. «Richtig zu trainieren will gelernt sein, es braucht Zeit und Geduld.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Harry Frey am 04.11.2013 02:45 Report Diesen Beitrag melden

    Und die Bewegungsmuffel?

    Ich kenne mehr Leute die sich mit Bewegungsarmut und einem viel zu hohen BMI schaden also solche die durch Training ein Wehwehchen erleiden.

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  • Redback am 04.11.2013 05:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bwe

    Ich mache seit bald 2 jahren alle übungen zu hause, ohne fitnessgeräte. Bwe nennt sich das. Übungen mit dem eigenen körpergewicht. Ist sehr effektiv und schnell gemacht. Alle 2 tage 15 - 20 minuten trainieren reicht. Probiert es mal aus.

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  • ga he am 04.11.2013 09:55 Report Diesen Beitrag melden

    Ich frage mich..

    wie sich die Jungen verletzen können. Die traineren ja eh nur Brust-Bizeps und dann gehen sie in die Disko :)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • cavemen.ch am 04.11.2013 22:07 Report Diesen Beitrag melden

    Qualität nicht Quantität

    Arbeitslos? Kein Problem. Werden sie Fitnesstrainer mit der Migros Klubschule. Auswendig lernen und weitersagen. Leider gibt es immer mehr solche sogenannte Fitnesstrainer. (Nicht alle!!!) Fakt ist dass die Erfahrung mehr wert ist als ein Kurs. Es gibt super Center mit spitzen Trainer die genau wissen wo von sie reden. Nehmt etwas mehr Geld in die Finger und macht es von beginn an richtig! Ich besitze selber ein Alternatives Fitness Gym und habe mein gesamtes Wissen aus über 17 Jahren Sport und Leistungssport zusammengetragen und gebe dies an meine Kunden unverdünnt weiter. Sucht euch Profis!

  • Martin am 04.11.2013 19:56 Report Diesen Beitrag melden

    Komisch!

    Bei mir wars umgekehrt. Habe trainiert; ging alles gut. Danach musste ich aufhören und jetzt bin ich kaputt.

  • Alexander Oskoui am 04.11.2013 12:33 Report Diesen Beitrag melden

    Langsam und mit Geduld beginnen.

    Seit 6 Jahren trainiere ich im Studio Kraft- und Ausdauertraining. Als ich angefangen habe, glaubte auch ich ich sei der King auf dem Feld. Die Quittung kam nach zwei Wochen. Resultat: Bandscheibenvorfall! Ich rate somit jedem erst nach 12 - 18 Monaten Vollgas zu geben. Das Gewicht sollte jedoch stets der Körpergrösse und der Muskelmasse angepasst sein. Weniger ist manchmal mehr! Viel Erfolg!

  • Coleman am 04.11.2013 11:33 Report Diesen Beitrag melden

    Besserwisser

    Ich trainiere seit ca 5 Jahren(102kg auf 1.85m), dabei sehe ich immer wieder Leute die die Übungen falsch ausführen. Wenn man ihnen sagt, dass das so ungesund ist, kommen meistens nur dumme Sprüche zurück, vorallem von denen die mit deutlich zuviel Gewicht trainieren. Wer will da noch auf solche zugehen und sie korrigieren?

  • Alfred am 04.11.2013 11:30 Report Diesen Beitrag melden

    Bevormundung

    Wo sind wir hier eigentlich angelangt, brauchen wir für das natürlichste der Welt - sich bewegen - einen Instruktor?? Hört doch auf mit dieser Beratungsindustrie.