Verschwundener Bub

04. Januar 2019 13:02; Akt: 08.01.2019 17:39 Print

«Andrii vermisst seinen leiblichen Vater sehr»

Andrii (13) ist erst von zu Hause und dann aus dem Kinderheim abgehauen. Die wichtigsten Antworten zum Fall.

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Was ist passiert?
Andrii (13) aus Aegerten BE verschwand am 23. Dezember von zu Hause. Am 27. Dezember fand ihn die Polizei in der Wohnung eines 21-Jährigen im deutschen Rhein-Pfalz-Kreis. Die Beamten steckten ihn in ein Kinderheim, aus diesem flüchtete er noch am gleichen Tag wieder. Nun ist die Polizei erneut auf der Suche nach Andrii. Sie vermutet, dass er in Begleitung des 21-Jährigen ist.

Warum wurde Andrii nicht der Mutter übergeben, sondern im Kinderheim platziert?
«Wenn er Verwandte in der Nähe gehabt hätte, wäre er an die Familie überstellt worden», sagt der Sprecher der Polizei Rheinland-Pfalz. Da dies aber nicht der Fall gewesen sei, sei er in einem Kinderheim untergebracht worden. Die Schweizer Behörden hätten die Familie informiert. «Ein Familienmitglied war bereits unterwegs nach Osnabrück, doch Andrii verschwand schon, bevor dieses eintraf», erklärt der Sprecher.

Warum konnte Andrii aus dem Heim entwischen?
Die Polizei meint: «Ein Kinderheim ist kein Gefängnis; dort sind Fenster und Türen nicht vergittert.» Es habe anfänglich keine Anzeichen gegeben, dass Andrii erneut Reissaus nehmen werde.

Wer ist der 21-Jährige?
Laut Polizei handelt es sich um eine Internetbekanntschaft von Andrii. «Wenn ein Teenager bei einem Mann zu Hause aufgefunden wird, liegt der Verdacht nahe, dass ein Verbrechen begangen worden ist», heisst es vonseiten der Polizei. Doch Untersuchungen ergaben: Andrii wies weder Verletzungen noch sonstige Spuren eines Übergriffs auf.

Warum fahndet die Polizei nicht nach ihm?
«Es liegen derzeit absolut keine Hinweise vor, dass der Mann eine Straftat begangen haben könnte», erklärt die Polizei. Darum sei eine Fahndung auch nicht möglich. Man setze nun einfach alles daran, Andrii so rasch wie möglich zu finden.

Warum flüchtet ein 13-Jähriger von zu Hause?
Der Kinder- und Jugendpsychologe Philipp Ramming sagt: «Die zweifache Flucht lässt vermuten: Andrii fühlt sich in seiner jetzigen Lage unverstanden und ungehört. Er sah keinen anderen Weg mehr, etwas an der Situation zu ändern, als abzuhauen.» Andrii befinde sich in einem Alter, in dem die Pubertät beginne. «Es kommt ein Drang zur Autonomie auf, Andrii will sein eigenes Leben leben. Es kann gut sein, dass er etwa auf eigene Faust zum Vater will.» Andriis Vater lebt vermutlich im Ausland, die Familie stammt aus der Ukraine. Oft würden die Pubertierenden die Welt beim anderen Elternteil idealisieren. «Andrii glaubt wohl, beim Vater wäre alles besser. Aber wer weiss, ob der Vater überhaupt etwas mit seinem Sohn anfangen kann.»

Wie gefährlich ist der 21-Jährige?
«Man muss hier vorsichtig sein: Bei einer jungen Frau denkt jeder an eine Retterin, beim Mann an einen Pädophilen», sagt Ramming. Dabei könne es sich auch einfach um einen hilfsbereiten jungen Mann handeln. Doch ganz unproblematisch sei das Verhalten des 21-Jährigen nicht. «Es ist klar: Er muss Andrii zur Polizei bringen, auch wenn Andrii dies nicht will.» Auch sei der Bub verletzlich, und eine Gefahr sei da: «Andrii sucht nach jemandem, der ihn versteht. Das macht ihn zur einfachen Beute für einen Pädophilen.»

Was lief in der Familie schief?
Bekannte der Familie Andriis sagen: Zu Hause in Aegerten hätten es Andrii und sein Bruder nicht immer einfach gehabt. Dort lebten sie beide bis vor kurzem zusammen mit der Mutter und ihrem Partner. «Andrii vermisst seinen leiblichen Vater sehr», heisst es aus dem Umfeld der Familie. Für Psychologe Ramming ist aber auch klar: «Das Umfeld, etwa die sozialen und psychologischen Dienste hätten mehr merken können, dass etwas bei Andrii nicht stimmt. Hier fehlen leider oft die Ressourcen. Würde die Politik hier mehr investieren, könnten einige solcher Fälle verhindert werden.»

(the)