Klimastreiks

30. Januar 2019 05:45; Akt: 30.01.2019 10:44 Print

«Idealistisch zu sein, ist das Privileg der Jugend»

von D. Krähenbühl - «Instrumentalisiert«, «scheinheilig», «altklug»: Streikende Klima-Schüler werden im Netz mit Beleidigungen eingedeckt. Eine Soziologin erklärt, wieso.

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Tausende Schüler demonstrierten in den vergangenen Wochen auf Schweizer Strassen gegen den Klimawandel und die ihrer Meinung nach untätigen Politiker. Ihr grosses Vorbild: die 16-jährige Umweltaktivistin Greta Thunberg aus Schweden. Auf Online-Foren und Twitter schlagen ihnen für ihr Engagement jedoch Beleidigungen und Häme entgegen. Sie würden instrumentalisiert und seien scheinheilige Heuchler, weil sie trotzdem gern mit dem Flugzeug in die Ferien reisten und in China produzierte Handys besässen.

Als «altklug», «verhaltensgestört» und «missbraucht» wird auch Greta in einem Tweet bezeichnet, der unter anderem auch von SVP-Nationalrat Claudio Zanetti geteilt wurde.


Woher kommt diese Wut? Wir haben bei Katja Rost, Soziologieprofessorin an der Universität Zürich, nachgefragt.

Frau Rost, Greta und junge Klimaaktivisten werden in den sozialen Medien teils heftig angefeindet. Wieso?
Es überrascht mich nicht, dass gewisse Leute verärgert reagieren, wenn ein 16-jähriges Mädchen, das bislang in der Öffentlichkeit unbekannt war, derart hochgejubelt wird. Viele reagieren darauf mit einer gehörigen Portion Zynismus. Das Problem ist die fehlende Glaubwürdigkeit von Greta: Es gibt viele Leute, die sich konkret für ein Umweltschutzprojekt engagieren und etwa Plastik an Stränden einsammeln. Andere sind Fachexperten auf dem Gebiet und haben jahrelang dazu geforscht. Wieso nicht sie, sondern Greta im Mittelpunkt steht, können viele nicht nachvollziehen.

Ist das Grund genug, dermassen ausfällig zu werden?
Nein, einige Kommentare sind klar grenzwertig. Diese Leute regen sich auf und richten ihr Kommunikationsverhalten darauf aus, möglichst viel Aufmerksamkeit zu generieren. Meistens lesen sie einen entsprechenden Text gar nicht durch. Ihnen schnellt ein Zwischensatz ins Auge, sie ärgern sich darüber und hauen dann in die Tastatur. Bei vielen hat sich über die letzten Jahre im Bereich Umweltschutz und grüne Politik ein enormes Frustpotenzial aufgestaut. Entweder weil zu wenig getan wurde oder weil – aus ihrer Sicht – das Falsche getan wird.

Und die Beleidigungen?
Greta bekommt den Frust ab, obwohl sie als Person nichts dafürkann. Man sieht sie aber als Marionette eben dieser Interessenpolitik. Insofern machen auch Kommentare Sinn, die Greta als verhaltensgestört und missbraucht darstellen. Solche Kommentare ziehen Analogien zwischen Greta und der Pädophiliedebatte in den Frühphasen grüner Politik. Das ist geschmacklos und soll die Glaubwürdigkeit von Greta weiter unterhöhlen. Man sollte solche Kommentare nicht allzu ernst nehmen, und erst recht sollten wir über solche Geschmacklosigkeiten nicht debattieren. Damit geben wir dem Ganzen auch noch Raum.

Warum sind viele Leute beim Thema Klimawandel verärgert?
Beim Klimawandel passiert überhaupt nichts – und das seit Jahrzehnten. Obwohl man mittlerweile sehr genau weiss, dass es den Klimawandel gibt und welche Konsequenzen bei weiterer Untätigkeit drohen. Wenn ich höre, dass Plastikstrohhalme verboten werden sollen und gleichzeitig Lebensmittel oder Pakete drei- oder vierfach mit Plastik eingepackt werden, ärgert das sogar mich. Und inmitten dieser Untätigkeit der Gesellschaft und Politik bekommt nun eine 16-Jährige eine Plattform, mit der sie genauso wenig erreichen wird.

Immerhin hat sie die Schülerstreiks inspiriert, auch in der Schweiz.
Es ist das Privileg der Jugend, idealistisch zu sein und die Welt in Schwarz und Weiss einzuteilen. Dass sie sich für das moralisch Richtige einsetzen und die Erwachsenen an ihre Pflichten erinnern, ist ebenso wichtig. Dass die Welt in vielen Grautönen gesehen werden kann, lernen sie noch früh genug. Beispielsweise wissen sie noch nicht, wie es ist, wenn einem gekündigt wird oder man jemand anderem kündigen muss.

Viele werfen den Schülern Scheinheiligkeit vor. Sie würden an Klimademos gehen und dann trotzdem übers Wochenende nach London reisen.
Man kann es nie allen recht machen. Und wenn wir ehrlich sind – wir sind alle scheinheilig. Wir verschwenden Wasser, reisen für eine Woche Ferien um die Welt und leben dann vegetarisch, um etwas fürs Gewissen zu tun. Es gibt nur wenige Personen, die sich jeden Tag konsequent ökologisch verhalten und sich dafür freiwillig einschränken. Sich einschränken: Genau das bedeutet Umweltschutz nämlich. Die meisten von uns geben ihren Lifestyle oder Komfort jedoch nicht freiwillig auf. Und solange die Forderung nach einem immer höheren Gewinn, einem immer grösseren Wachstum in der Wirtschaft vorherrscht, werden wir im Bereich des Umweltschutzes gar nichts erreichen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kevin M. am 30.01.2019 06:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Glaubwürdigkeit

    Wenn die Jugend am Mittwochnachmittag, Samstag oder Sonntag für das Klima demonstriert und selber aktiv auf Plastik verzichtet, weniger Reisen, Müll aufsammelt etc. Könnte man es ernst nehmen. Wenn aber einfach die Schule geschwänzt wird, geht es wohl bei 90% mehr um den freien Tag als um die Sache. Schule schwänzen hilft dem Klima nämlich exakt 0%. Also tut was zum überzeugen oder lasst es gleich bleiben. Mit dem schwänzen schaft ihr es zwar in die Medien, aber werdet nicht ernst genommen. Wenn aber am Sonntag 10'000 Müll aufsammeln gehen, dann Hut ab.

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  • Nina M.S am 30.01.2019 07:18 Report Diesen Beitrag melden

    Klimaschutz,einmal anders

    Liebe Schüler, Studenten und Lehrer, geht alle auf die Strasse, doch bitte, bitte tut dies in der Eurer Freizeit. Ansonsten wäre ich dafür, dass jeder einzelne, oder besser gesagt, bei nicht volljährigen deren Eltern unterzeichnen, dass sie ab sofort nie mehr in einen Flieger steigen und Ihre Ferien daheim verbringen, nur noch 1 Fahrzeug in der Garage steht, selbstgestrickte Schuluniformen eingeführt werden, keine Handy mehr, mal sehen, wieviele dann noch auf der Strasse stehen wollen.

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  • Andreas am 30.01.2019 07:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Na toll

    Das Klima wandelt sich. Alle anderen müssen nun etwas machen. Ich streike jetzt dafür und lebe weiter wie bisher. Ich kritisiere nun alles das, was mir den Luxus ermöglichte, welchen ich bisher und weiterhin konsumiere. Wasser predigen und Wein trinken nennt man dies. Studiert erst all eure eigenen Güter, woher sie stammen, wie umweltbelastend sie sind, auf nachhaltige Herstellung usw. Um das zu können solltet ihr lieber noch weiter in die Schule gehen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Michel am 30.01.2019 20:41 Report Diesen Beitrag melden

    Hallo Jungs

    Das Rezept heisst, lernen ...verstehen...einsatz...übernehmen ....besser machen. Ihr wollt ja nicht auf Wohlstand verzichten, deshalb lernt Berufe die technologien verbessern und umweltfreundlicher machen. Verbieten und einander aufhetzen generiert den gegeneffekt, also macht mit, macht es besser, jung und alt zusammen...

  • Claude am 30.01.2019 19:53 Report Diesen Beitrag melden

    Wohlstandsschuldner

    Jetzt sind wir genau da angekommen... Statt den Aufruf zu hören und etwas kleines zu verändern, wird einfach mal dahin geschrieben, wie diese Jugend dekadent ist und selber nichts auf die reihe kriegt. Und wer genau hat es ihnen vorgezeigt?... Das ist genau die Rhetorik, um ja nichts zu verändern. Wir sind alle schuldig gesprochen. Der erste der sich nichts zu Schulden gemacht hat, soll den ersten Stein werfen...

  • kewi am 30.01.2019 18:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Traurig

    Es ist traurig das hier über Junge Menschen geurteilt wird ohne diese zu kennen. Ich empfinde dies als Entschuldigung um nicht selber etwas für unsere Welt zu tun.

  • bass am 30.01.2019 17:46 Report Diesen Beitrag melden

    Duden

    Alle die sagen man solle dies in der Freizeit tun haben wohl den Sinn von einem Streik nicht erkannt. Hier nochmals: gemäss Duden: gemeinsame, meist gewerkschaftlich organisierte Arbeitsniederlegung von Arbeitnehmern zur Durchsetzung bestimmter wirtschaftlicher, sozialer, die Arbeit betreffender Forderungen. Ob dies nun Arbeitnehmer oder halt Schüler sind ist kein Unterschied.

  • heno am 30.01.2019 17:42 Report Diesen Beitrag melden

    Privilegien

    Idealistisch zu sein ist das Privileg der Jugend, und sich nicht an demokratische Regeln und Normen zu halten ist das Privileg von Soziologen, zuständigen Behörden, gewissen Politikern, Medien, Lehrern.