Nach «Charlie Hebdo»

23. Januar 2015 12:00; Akt: 23.01.2015 12:07 Print

«Angeheizte Stimmung gegen Schweizer Muslime»

Die Stimmung gegen die Muslime in der Schweiz sei angespannt, sagt Hisham Maizar, Präsident der FIDS. Er selbst erhält wöchentlich Drohbriefe und wird beschimpft.

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Hisham Maizar, Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (FIDS), zeigt sich besorgt über die angeheizte Stimmung und wünscht sich vom Bundesrat ein Zeichen der Solidarität. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller)

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Der Terroranschlag auf «Charlie Hebdo» hat die Stimmung gegen die rund 430'000 Muslime in der Schweiz angeheizt. Hisham Maizar, Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (FIDS), zeigt sich besorgt und wünscht sich vom Bundesrat ein Zeichen der Solidarität.

Hisham Maizar (73) lobt im Gespräch mit der Nachrichtenagentur SDA Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihre öffentliche Aussage: «Der Islam gehört zu Deutschland.» Ein solches Zeichen wünsche er sich auch von der Schweizer Landesregierung, sagt der Arzt und gebürtige Palästinenser.

Wöchentliche Schimpf- und Drohbriefe

Die Ressentiments gegen die muslimische Bevölkerung bekommt Maizar, der seit über 30 Jahren Schweizer Bürger ist und als gemässigt und besonnen gilt, ganz persönlich zu spüren: Er erhalte jede Woche einen oder zwei Schimpf- und Drohbriefe, erzählt er.

Die Schweizer Islam-Verbände verurteilten den Terroranschlag von Paris. In einer von Maizar mitunterzeichneten Stellungnahme zeigten sie sich zutiefst betroffen, dass ein Massenmord im Namen des Islam begangen wurde. «Gewalt lehnen wir grundsätzlich ab», betont Maizar. Auch der Koran sage dies klar.

Beleidigende Karikaturen

Gleichzeitig verhehlt der Muslim-Vertreter sein Missfallen über die Mohammed-Karikaturen von «Charlie Hebdo» nicht. Dass die Satirezeitschrift die Leitfigur des Islam ins Lächerliche ziehe, sei nicht nur Provokation, sondern eine Beleidigung für die 1,6 Milliarden Muslime auf der Welt.

Zwar enthalte der Koran auch Stellen, die zum «Töten der Ungläubigen» aufriefen. Diese müssten aber im historischen Kontext verstanden werden. Die viel wichtigere Botschaft des Korans sei der Aufruf zum Glauben und zur Barmherzigkeit.

Mitten im Gespräch ruft der Muezzin – ein Klingelton von Maizars Handy. Der gläubige Muslim schmunzelt – er lässt sich auf diese Weise ans Nachmittagsgebet erinnern. Fünfmal am Tag legt er in seiner St. Galler Wohnung den Gebetsteppich nach Südosten in Richtung Mekka aus, um zu beten.

Kopftuch – Symbol des Respekts

Eine «wichtige Frage» sieht Maizar im Tragen des Kopftuchs in der Schule. Dass das Bundesgericht sich zum Fall einer Schülerin aus St. Margrethen SG äussern muss, begrüsst er. Um das Kopftuch gebe es Missverständnisse. Das Tuch sei «ein Symbol des Respekts und des Anstands».

Dass die Frauen gemäss Koran ihre Reize nicht zur Schau stellen dürfen, diene dem Schutz ihrer Freiheit und Würde. Das Kopftuch sei kein Zeichen der Unterdrückung der Frauen. Das Recht, ein Kopftuch zu tragen – auch in der Schule –, müsse durch die Glaubensfreiheit geschützt werden.

Viele Muslimas in der Schweiz befolgten die Kopftuchvorschrift nicht. Deswegen seien sie genau gleich Muslimas, erklärt Maizar. Unnötig findet er Regelungen über das Tragen von Burkas, wie sie die St. Galler Regierung derzeit prüft. In der Schweiz wären davon nur Touristinnen aus arabischen Ländern betroffen.

Mit Bischof befreundet

Neben der Föderation Islamischer Dachorganisationen präsidiert Hisham Maizar auch den Schweizerischen Rat der Religionen, der sich für ein Zusammenleben in Frieden und Freiheit und für Integration einsetzt. Maizar pflegt guten Kontakt zu den übrigen Schweizer Kirchen.

So ist er mit dem früheren St. Galler Bischof Ivo Fürer befreundet. Dieser habe ihn beeindruckt, als er 2002 in einem Hirtenbrief zur «Achtung vor dem Islam» aufgerufen habe, erzählt Maizar. Fürer war auch «Geburtshelfer» bei der Gründung des Dachverbands Islamischer Gemeinden der Ostschweiz (DIGO).

(sda)