Burkaverbot

22. September 2013 20:39; Akt: 25.09.2013 10:34 Print

«Arabische Touristen werden Schweiz meiden»

von D. Pomper - Frauen mit Burka sind im Tessin bald unerwünscht. Das ist, als würde man die Berner Tracht verbieten, findet der Präsident des Schweizer Muslimverbandes Kios.

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Als erster Kanton der Schweiz will das Tessin das Tragen von Gesichtsschleiern in der Öffentlichkeit verbieten. Das Stimmvolk hat einer Initiative von Giorgio Ghiringhelli für ein Verhüllungsverbot in der Verfassung mit 65,4 Prozent klar zugestimmt. Der Kanton folgt damit den Verhüllungsverboten, wie sie in Frankreich und Belgien gelten. Die Verfassungsänderung muss noch durch die eidgenössischen Räte genehmigt werden.

Ghiringhelli freut sich über seinen Erfolg: «In unserem Land akzeptieren wir alle Religionen. Aber es gibt Grenzen. Burkas haben hier trotz Religionsfreiheit nicht zu suchen, wie auch nicht die Polygamie.» Es gehe hier um Würde und Freiheit. Den Vorwurf des Rassismus lässt er nicht gelten: «Niemand ist fremdenfeindlicher als Islamisten, wie der Terrorakt in Nairobi wieder einmal gezeigt hat.» Ghiringhelli hofft, dass das Tessiner Beispiel in der Schweiz und im Ausland Schule macht.

Bei den islamischen Organisationen ist die Enttäuschung gross. «Nach dem Minarettverbot folgt nun das Burkaverbot. Das sind Indizien für wachsende Fremdenfeindlichkeit», sagt Farhad Afshar, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen der Schweiz Kios.

Ausserdem könne es nicht die Aufgabe linker Feministinnen sein, ihre Kleidervorstellungen anderen aufzuzwingen. «Niemand hat das Recht, sich selber für besonders fortschrittlich zu halten. Das ist, als würde man die Berner-Tracht verbieten, weil sie jemand als zurückgeblieben empfindet.» Dass die Burka ein Zeichen der Unterdrückung der Frau sei, bezeichnet Afshar als Vorurteil. «Darüber können nur die betroffenen Frauen urteilen.» Die Burka sei kein islamisches Kleidungsgebot, sondern eine lokale ethnische Tradition.

Meiden Araber nun die Schweiz?

Den Entscheid werde man in der islamischen Welt als unfreundlichen Akt auffassen, ist sich Afshar sicher. Er rechnet mit negativen Auswirkungen auf den Schweizer Tourismus: «Wohlhabende Touristen aus den arabischen Emiraten werden sicher nicht auf die Burka verzichten. Viel eher werden sie in Zukunft einen grossen Bogen um die Schweiz und ihre Schmuckgeschäfte machen.»

Der islamische Zentralrat Schweiz IZRS spricht gar von einer «Tyrannei einer Mehrheit gegenüber einer wehrlosen Minderheit, wie das bereits bei der Minarett-Initiative der Fall war». Er warnt vor einer «Islamophobisierung der Schweiz» und sieht den sozialen Frieden im Land gefährdet.

Auch Amnesty International ist alarmiert: «Das ist ein schwarzer Tag für die Menschenrechte im Tessin», schreibt die Organisation. «Angst und ein künstlich geschaffenes Problem, das es gar nicht gibt, haben über Rationalität und Respekt gesiegt, auf Kosten der Grundrechte der ganzen Bevölkerung», sagt Manon Schick, Geschäftsleiterin von Amnesty International Schweiz. Die Annahme der Initiative laufe dem verfassungsmässigen Recht auf freie Meinungsäusserung und der Religionsfreiheit zuwider und setze ein bedenkliches Zeichen der Intoleranz. Nun hoffe man, dass die Änderung der Tessiner Verfassung nicht vom nationalen Parlament gutgeheissen werde.

«Ein Frauenbild, das man nicht akzeptieren kann»

Zufrieden über den heutigen Entscheid
zeigt sich dagegen Saida Keller Messahli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam. «Die Burka steht ein für ein Frauenbild, das man nicht gutheissen kann.» Aus diesem Grund würde sie auch eine entsprechende nationale Initiative gutheissen. Allerdings gibt es laut Keller-Messahli wichtigere Fragen als die Burka-Problematik: «Mir bereiten fundamentalistische Kreise mehr Sorgen als inexistente Burka-tragende Frauen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • René Bürli am 24.09.2013 07:51 Report Diesen Beitrag melden

    Geistiges Niveau

    Wie kann man eine Burka mit einer berner Tracht vergleichen?

  • R. VV. am 23.09.2013 10:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bravo!

    Anpassen heisst es sauberwort!! Wir durfen in denen länder auch nicht machen was wir möchten, wenn wir dort wohnen würden. Und wer diskriminiert hier?? kann mich noch gut errinneren dass wir in unseres Land, die kreuzen von der wand nehmen sollten, weil das störend für die Moslimische leute sei!!! Nee nee...niks diskriminieren!! Anpassen und modern bleiben und glauben was man möchte aber niemand den glauben auflegen. Dann würde es weniger krieg geben. kopftücher und Burka tragen steht nicht im Koran vorgeschrieben, einfach erfunden zum unterdrücken....nicht mehr und nicht weniger!!

  • Jaguar111 am 23.09.2013 11:10 Report Diesen Beitrag melden

    Religionsfreiheit ja, aber......

    Kann man in der Schweiz auf Grund von "Religionsfreiheiten" alle Schweizer Gesetze umgehen ? Kann doch nicht sein ! Berner Tracht gehört in die Schweiz, Burkas gehören nicht in unser Land. Das hat nichts mit Religionsfreitheit zu tun. Setzt endlich das Vermumungsverbot durch ! Wir Schweizer passen uns im Ausland auch an.

Die neusten Leser-Kommentare

  • E.kolibri am 13.11.2014 17:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jedem das seine

    Jedem das seine ..

  • milana am 24.09.2013 09:27 Report Diesen Beitrag melden

    Burka nein, Kopftuch ja

    Ich als Muslimin bin gegen Burka, weil man sollte jedem ins Gesicht schauen können. Ich (keine Kopftuchträgerin) bin aber der Meinung, dass jede Muslimin das Recht haben sollte Kopftuch zu tragen. Hier in der Schweiz herrscht Religionsfreiheit und das sollte so bleiben!

  • René Bürli am 24.09.2013 07:51 Report Diesen Beitrag melden

    Geistiges Niveau

    Wie kann man eine Burka mit einer berner Tracht vergleichen?

  • Jefferson am 23.09.2013 23:51 Report Diesen Beitrag melden

    Volksabstimmung vs. Verfassung?

    "Das Volk hat sich folgende Verfassung gegeben..." usw. Bevor man nun alles kippt nur wegen einer momentanen Regung sollte man sich schon Gedanken machen an was man da rüttelt. Also nicht gleich loswettern "Die machen sowieso was sie wollen", sondern zuerst über unsere Grundwerte nachdenken und dann entscheiden. Das gilt übrigens für so manches über was das Volk in Zukunft zu befinden hat.

  • Gernötli am 23.09.2013 22:35 Report Diesen Beitrag melden

    Kultur Kultiviertheit

    "Was wir brauchen ist weniger Kultur (Traditionen), Was wir brauchen ist mehr Kultur (Kultiviertheit, Verständnisbereitschaft)". Es lohnt sich darüber nachzudenken, es würde manches Problem auf einen Schlag lösen.