Sexualtherapeutin erklärt

21. Februar 2014 09:27; Akt: 21.02.2014 09:40 Print

«Auch den WC-Spannern geht es um den Kick»

Fälle von Voyeurismus auf der Toilette häufen sich. Doch wieso wollen Männer Frauen beim Verrichten ihres Geschäfts zusehen? Was sie daran erregt, erklärt Sexualtherapeutin Dania Schiftan.

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Dania Schiftan, Dr. phil. in Clinical Sexology, ist Fachpsychologin für Psychotherapie, Psychotherapie und Sexualtherapie. Sie erklärt, wieso Männer gerne Frauen auf der Toilette zuschauen. (Bild: Claudia Larsen)

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Im Kanton Wallis wurde vor ein paar Tagen ein Angestellter der Firma Tamoil angezeigt, weil er seine Mitarbeiter auf dem WC mit einer versteckten Kamera gefilmt hatte. Anfang Jahr ist an der Uni Basel ein Voyeur von einer Schülerin in flagranti auf dem WC erwischt worden. Er hatte sie durch ein Loch in der Holzwand beobachtet. Und im Oktober letzten Jahres hat ein Spanner an der Pädagogischen Hochschule Bern Schülerinnen mit seinem Handy auf der Toilette gefilmt.

Frau Schiftan*, wieso spannen Männer?
Das ist grundsätzlich etwas Natürliches. Die meisten Menschen schauen gerne. Die Augen sind ein Hauptmedium, alles was sie sehen, erzeugt eine Reaktion im Körper. Beim Spannen kommt noch der heimliche, verbotene Aspekt hinzu, der für viele Menschen ein Kick ist, etwas Aufregendes. So wie es gewisse Menschen erregend finden, wenn sie in der Öffentlichkeit Sex haben. Die Möglichkeit, erwischt zu werden, macht es für sie speziell interessant.

Aber weshalb beobachten Männer Frauen auf dem WC beim Pinkeln? Was erregt sie daran?
Aus demselben Grund, aus dem Männer Frauen in der Umkleidekabine beobachten oder einer Frau auf der Strasse nachschauen. Es geht ums Kribbeln – die Fantasie. Was genau für die Erregung verantwortlich ist, ist unterschiedlich. Dem einen gefällt die Art, wie sich die Po-Backen bewegen, der andere findet es spannend, einer Frau in den Ausschnitt zu schauen. Aber grundsätzlich geht es auch hier darum, etwas heimlich, verbotenerweise mit den Augen zu beobachten.

Ist bei den Voyeuren auf der Toilette dieselbe Veranlagung vorhanden wie bei Menschen, die beispielsweise darauf stehen, wenn ihre Sexualpartner auf sie urinieren oder umgekehrt?
Das kann sein, muss aber überhaupt nicht. Wie gesagt, was genau jemanden erregt, ist sehr individuell. Dem einen gefällt vielleicht einfach, schnell einen Oberschenkel zu sehen, der andere empfindet erst eine Erregung, wenn die Frau uriniert. Es gibt Männer, die nur zum Orgasmus kommen können, wenn Urin im Spiel ist. Es gibt auch solche, die völlig normal Sex haben können mit einer Frau und trotzdem nebenbei gerne spannen.

Trägt diese Neigung jeder Mann in sich und versteckt sie einfach aufgrund unserer gesellschaftlichen Konventionen?
Das ist schwer zu beantworten. Ob jeder Mann diese Neigung in sich trägt, kann ich nicht sagen. Aber es sind sicherlich viele. Ich denke auch, dass die gesellschaftlichen Konventionen und gesetzlichen Normen dafür verantwortlich sind, dass viele Männer darauf verzichten. Das ist wichtig. Jeder Mensch hat ein Recht auf Persönlichkeitsschutz, diese Normen machen absolut Sinn. Männer, die ein sehr ausgeprägtes Bedürfnis nach Voyeurismus haben, müssen lernen, mit diesen Bedürfnissen umzugehen, ohne das Gesetz zu brechen.

Bei diesen Voyeur-Fällen sind die Täter meist Männer. Gibt es auch Frauen, die diese Art von Spannen toll finden?
Gibt es auch. Menschen schauen gerne. Aber es sind öfter die Männer, die das Gesetz brechen, um ihrem Bedürfnis nachzukommen. Frauen tun das seltener.

*Dania Schiftan ist Dr. phil. in Clinical Sexology, Fachpsychologin für Psychotherapie, Psychotherapie und Sexualtherapie.

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