Mabelle Solano (24)

06. Januar 2020 11:45; Akt: 06.01.2020 14:00 Print

«Auch ich wurde vergewaltigt»

von P. Michel - Morena Diaz sprach öffentlich über ihre Vergewaltigung. Jetzt erzählt auch Bloggerin Mabelle Solano (24) ihre Geschichte – und macht anderen Opfern Mut.

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Mabelle Solano, Sie wurden als 13-Jährige vergewaltigt. Wie Morena Diaz haben Sie Ihre Geschichte auf Instagram veröffentlicht. Warum?
Ich finde es extrem wichtig, dass Morena das Thema enttabuisiert. Sie kann eine grosse Aufmerksamkeit generieren und ihre Reichweite so sinnvoll nutzen. Auch ich wollte mit einem Post Ende November dafür sorgen, dass sich Opfer von sexueller Gewalt trauen, ihre Geschichte zu erzählen. Ich wollte anderen zeigen: Ihr seid nicht allein.

Was haben Sie erlebt?
In der Schule lauerte mir ständig ein 14-jähriger Schulkollege auf. Ich meldete dies der Schule, diese unternahm aber nichts. Einmal war ich in der Badi, auch er war dort. Ich wählte deshalb einen anderen Heimweg. Dort passte er mich ab und nötigte mich, mitzukommen. Er packte mich und hielt mir den Mund zu. Er war zu stark, ich konnte mich nicht wehren. Er sagte: «Sei still, dann ist es schneller vorbei.» Danach drohte er: «Wenn du das jemandem sagst, bringe ich dich um.»

Was passierte danach?
Ich hatte mich an Scherben, die auf dem Boden lagen, geschnitten. Ich war voller Blut, verweint und stand unter Schock. Als ich nach Hause kam, wartete meine Mutter vor der Tür. Sie wusste: Es ist etwas passiert. Noch am selben Abend erstatteten wir Anzeige.

Wie hoch fiel die Strafe für den Täter aus?
Weil er noch minderjährig war, musste er nur zwölf Sozialstunden leisten. Als ich davon erfuhr, fühlte ich mich hilflos und verarscht. Ich hatte Panikattacken, musste in die Therapie. Und noch heute habe ich Mühe, in Lifte oder dunkle Räume zu gehen, bin am Abend nicht allein unterwegs. Für das, was er mir angetan hat, sollte er doch mindestens mit einer Freiheitsstrafe bestraft werden müssen. Das muss sich ändern.

Was muss sich sonst noch ändern?
Im Sexualunterricht sollte zwingend auf das Thema sexueller Missbrauch eingegangen werden. Hier könnte man ansetzen, um junge Erwachsene aufzuklären und ihnen auch aufzuzeigen, welche Folgen eine Vergewaltigung hat, und warum es so wichtig ist, darüber nicht zu schweigen.

Wie erlebten Sie die Zeit nach der Anzeige?
Ich suchte nach Erklärungen. Ich fragte mich: Lag es am kurzen Rock, den ich getragen hatte? Hat er mich vergewaltigt, weil er selbst Gewalt erlebt hatte? Ich merkte dann aber, dass all dies keine Rolle spielt: Ich kann auch nackt rausgehen, nichts ist eine Einladung für eine Vergewaltigung. Schwierig war auch, dass mir meine Schulkolleginnen es nicht glaubten. Sie sagten: Er hat uns aber etwas anderes erzählt. Sie glaubten zuerst ihm. Das ist für die Opfer sehr belastend.

Morena Diaz erhielt dafür, dass sie ihre Vergewaltigung öffentlich machte, Hassbotschaften. Einige schrieben, sie wolle nur Aufmerksamkeit. Andere meinten, wer sich so präsentiere, müsse sich nicht wundern. Welche Reaktionen erhielten Sie?
Es gab zum Glück nur eine negative Rückmeldung. «Es geht niemanden etwas an, ob du vergewaltigt wurdest, schäm dich», hiess es da. Menschen, die so reagieren, haben keine Ahnung davon, was sie damit bei den Opfern auslösen: Im schlimmsten Fall nimmt sich jemand das Leben, weil er denkt, ihm glaube ja sowieso niemand. Warum reagieren diese Menschen so? Sie überlegen nicht, bevor sie so etwas schreiben. Es fehlt ihnen an Empathie, aber auch an Wissen darüber, was sexuelle Gewalt für die Opfer bedeutet.

Die Morena-Fans auf Instagram deckten die Hater ebenfalls mit scharfen Worten ein. Den Hatern wurde eine Vergewaltigung gewünscht, «damit sie selbst sehen, wie das ist». Sind solche Kommentare der richtige Weg?
Nein. Ich würde niemals jemandem – nicht mal den schlimmsten Menschen – eine Vergewaltigung wünschen. So erreicht man jene, die die Geschichten von Vergewaltigungsopfern infrage stellen, nicht. Wir sollten diese Kommentarschreiber fragen, was sie zu ihrer Ansicht bringt – und sie dann mit Argumenten demontieren.

Was fühlen Sie heute gegenüber dem Täter?
Nach der Vergewaltigung natürlich wahnsinnige Wut und Hass. Der Hass ist heute nicht mehr präsent. Ich weiss jetzt: Wer jemanden vergewaltigt, hat eine Krankheit oder eine Störung, die man behandeln muss. Ob der damals 14-jährige Täter durch seine milde Strafe gelernt hat und ob er auch therapiert wurde, bezweifle ich. Ich habe getan, was ich konnte, und ihn angezeigt – ich habe überlebt und will nun vorwärts schauen und mein Leben leben. Ich konzentriere mich heute auf die positiven Dinge und versuche, genauso wie Morena, anderen Opfern Mut zu machen. Denn es geht nicht darum, dem Täter eins auszuwischen, sondern die Opfer in ihrer Trauer und der Verarbeitungsphase aufzufangen. Ich will zeigen, dass man nach einer solchen Situation trotzdem noch glücklich leben kann, auch wenn es am Anfang schwerfällt.