Sexuelle Gewalt

22. Mai 2019 07:42; Akt: 22.05.2019 07:42 Print

«Aus Angst liess ich es über mich ergehen»

Gemäss einer neuen Studie hatten über 400'000 Frauen in der Schweiz Sex gegen ihren Willen. Betroffene erzählen von ihren Erfahrungen.

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Sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt gegen Frauen sind in der Schweiz weit verbreitet. Zu diesem Schluss kommt das Forschungsinstitut GFS Bern in seiner neuen Studie im Auftrag von Amnesty International. Befragt wurden zwischen März und April 2019 rund 4400 in der Schweiz wohnhafte Frauen ab 16 Jahren.

Zwölf Prozent der Frauen erlebten Geschlechtsverkehr gegen den eigenen Willen. Hochgerechnet auf die gesamte weibliche Bevölkerung der Schweiz entspricht dies rund 430'000 Frauen ab 16 Jahren. Zwei Frauen teilen ihre Erlebnisse.

D. A.* (26) hatte Angst, ihrem Ex-Freund Grenzen zu setzen. Sie kommen beide aus dem Sarganserland.

«Mein Ex-Freund (damals 19) und ich waren rund drei Monate zusammen. In dieser Zeit hatten wir auch Sex. Doch dann war Schluss. Nach einigen Wochen wollte er noch einmal mit mir reden. Zu diesem Zeitpunkt war ich 17 Jahre alt. Leider war ich so dumm und nahm ihn mit nach Hause. Doch er wollte alles andere als reden. Er stellte sich sogar vor meine Zimmertür, damit ich nicht fliehen konnte. Was dann geschah, liess ich einfach über mich ergehen. Ich war wie gelähmt, weil ich solche Angst hatte, dass er gewalttätig wird. Ich hatte schon Erfahrungen mit Gewalt gemacht, da ich ein paar Jahre zuvor in der Schule oft verprügelt worden war. Diese Angst war auch der Grund, warum ich keine Anzeige gegen meinen Ex erstattete.»

Ab diesem Moment sei es nur noch bergab gegangen: «Ich weiss noch, wie ich nach dem Sex lange duschte. Monatelang versuchte ich zu vergessen, was geschehen war. Ich konnte es aber nicht. Als ich dann in einer Doku sah, dass man sich mit Leim zudröhnen kann, versuchte ich das. Dann begann ich mich auch zu ritzen. Es war eine grauenhafte Zeit. Erst ein paar Monate später erzählte ich einer Schulfreundin von meinem Erlebnis. Sie sagte es jedoch den Lehrpersonen weiter, die informierten dann den Schulpsychologen und meine Mutter. Damals war ich so sauer auf sie. Doch heute bin ich froh, dass sie es erzählt hat. Sonst wäre ich heute nicht mehr hier. Noch fällt es mir schwer, über den Vorfall zu sprechen. Auch möchte ich mit niemandem zusammen sein. Zum Glück sehe ich ihn nicht mehr.»


N. B.* (24) konnte ihrem Ex-Chef nicht ‹Nein› sagen. Beide leben im Raum Zürich.

«Es kam immer wieder vor, dass ich Männern, an denen ich Gefallen fand, nicht ‹Nein› sagen konnte, wenn sie mehr wollten. Dass sich etwas ändern muss, begriff ich erst nach einem Vorfall mit meinem Ex-Chef (damals 34). Das war vor rund fünf Jahren. Obwohl ich nicht mehr für ihn arbeitete, hatten wir privat Kontakt. Einmal lud er mich und ein paar seiner Bekannten ein. Wir gingen etwas trinken. Irgendwann fasste er mich an. Ich konnte mich nicht wehren, weil er ein einflussreicher Mann mit Geld ist und ich ihn nicht vor seinen Freunden blossstellen wollte. Ausserdem waren wir alle im Alkoholrausch. Auch als er mich in ein Hotel in Zürich mitnahm, traute ich mich nicht, ‹Nein› zu sagen. Er merkte nicht einmal, dass etwas nicht stimmte. Ich habe keine Anzeige erstattet, weil es ja irgendwie schon einvernehmlich war. Nach diesem Treffen fühlte ich mich untenrum aber einfach nur ‹gruusig› und wollte mir alles wegreissen. Lange Zeit wollte ich keinen Mann mehr. Irgendwann konnte ich nicht mehr und bin deshalb zu einer Psychologin gegangen. Nach ein paar Tests meinte sie, dass ich unterwürfig sei. Dadurch würde ich Männer aussuchen, die mich dominieren können. Ich bin nicht mehr bei ihr in Behandlung.»

*Initialen geändert

(qll)