Zankapfel Zuwanderung

18. Mai 2011 13:31; Akt: 18.05.2011 13:42 Print

«Ausländer sind nach Krisen die Sündenböcke»

von Balz Bruppacher, Bern - Diverse Politiker versuchen aus der Zuwanderung Kapital zu schlagen. Economiesuisse-Chefökonom Minsch hält das für ein internationales Phänomen – und zieht eine positive Bilanz.

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Dank Personenfreizügigkeit in der Schweiz: Ein deutscher und ein belgischer Arzt im Inselspital Bern. (Bild: Keystone)

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Kritiker werfen der Wirtschaft und den Behörden vor, den Wachstumseffekt der Personenfreizügigkeit schönzureden. Man müsse das Pro-Kopf-Einkommen als Gradmesser beiziehen, nicht das Bruttoinlandprodukt.
Rudolf Minsch: Das Pro-Kopf-Einkommen hat in der Schweiz ebenfalls zugenommen. Der Effekt ist bei dieser Messgrösse aber weniger ausgeprägt. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass seit der Einführung der Personenfreizügigkeit ein erheblicher Wachstumsschub eingetreten ist. Die Schweiz ist attraktiv als Wirtschaftsstandort.

Sehen Sie keine negativen Effekte der Zuwanderung?
Die Gesamtbilanz ist klar positiv. Internationale Konzerne kommen hierher und schaffen neue Arbeitsplätze. Ganz ohne negative Begleiterscheinungen sind diese Vorteile allerdings nicht zu haben.

Ein negativer Effekt ist beispielsweise, dass in den Städten kaum mehr günstiger Wohnraum zu finden ist.
Zentraler Treiber auf dem Wohnungsmarkt sind wir Schweizer mit unserem Bedarf nach mehr Wohnraum. Hinzugekommen ist nun die Zuwanderung. Sie ist aber nicht hauptverantwortlich für diese Entwicklung. Gleiches gilt auch für die Platzprobleme in der Infrastruktur. Wir sind aus freien Stücken bereit, grössere Distanzen beim Pendeln auf uns zu nehmen. Auch in der Freizeit sind wir gerne mobil. Hinzu kommen Angebotsverbesserungen im öffentlichen Verkehr, die eine höhere Nachfrage auslösen.

Es findet eine starke politische Kampagne gegen die Zuwanderung und die negativen Folgen der Personenfreizügigkeit statt. Überrascht Sie das?
Es lässt sich historisch belegen, dass nach jeder Finanzkrise die Ausländer als Sündenböcke herhalten müssen. Und zwar in vielen Ländern.

Also nicht nur in der Schweiz?
Nein, es handelt sich um ein Phänomen, das international beobachtet werden kann. Das Nationale gewinnt an Bedeutung. Schauen Sie zum Beispiel nach Dänemark oder nach Finnland.

Handelt es sich um eine vorübergehende Entwicklung?
Historisch gesehen ja. Die Finanzkrise war 2009. Jetzt haben wir 2011. Es kann aber noch einige Zeit dauern, bis sich das Phänomen abschwächt.

Um dies zu beschleunigen, wollen Ökonomen und Politiker die negativen Folgen der Personenfreizügigkeit durch Nachverhandlungen mit der EU lindern. Sind solche Gespräche möglich?
Das ist eine extrem schwierige Frage. Dagegen spricht der Umstand, dass auf der anderen Seite 27 EU-Mitgliedstaaten einverstanden sein müssten. Ich wage zu bezweifeln, dass sich da viel herausholen lässt. Aber natürlich sollen die bestehenden Möglichkeiten geprüft und genutzt werden, wie dies bei den zuständigen Instanzen derzeit auch geschieht.

Wo stünde die Schweiz denn heute ohne Personenfreizügigkeit?
Das ist eine hypothetische Frage. Als Standort würde die Schweiz aber ohne den freien Personenverkehr massiv an Attraktivität verlieren. Das gilt ganz besonders für hochqualifizierte Arbeitskräfte. Sie sind sehr mobil und suchen sich weltweit die Anstellungsbedingungen, die ihnen am meisten zusagen.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Fredy Amrein am 24.05.2011 14:40 Report Diesen Beitrag melden

    Übervölkerung

    Nur Wachstum und nur Wachstum zählt, alles andere ist gewissen Leuten egal.Sie haben an den Hochschulen halt nur das gelernt. Jedes Jahr bauen wir über 40000 neue Wohnungen. In wenigen Jahren haben wir gar kein Land mehr, dafür 10Mio EW. Was machen wir dann? Es hat nichts, aber auch gar nichts mit Ausländerfeindlichkeit zu, wenn einem diese Entwicklung Sorge bereitet.

  • Andreas Dietrich am 19.05.2011 11:36 Report Diesen Beitrag melden

    Billige Ausländer?

    Die wenig qualifizierten Ausländer sind nur so lange billig bis sie gemerkt haben, dass sie wesentlich weniger verdienen als in CH üblich. Dann holt "die Wirtschaft" dank PFZ halt die Nächsten.

  • maja naef am 18.05.2011 13:46 Report Diesen Beitrag melden

    genügend Raum erhalten

    hochqualifizierte Arbeitskräfte- die sind aber eine Minderheit und die haben sich schon immer so verhalten. Dazu brauchen wir keine PFZ.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Sepp am 26.05.2011 12:24 Report Diesen Beitrag melden

    Bauernfängerei

    Dass die Schweiz und ihre Einwohner sich mit dieser Thematik auseinandersetzt, finde ich sehr gut. Es ist richtig und wichtig. - Nur: dies geschieht verstärkt unsachlich und mit Argumenten (z.B. zu viel Verkehr, zu wenig Wohnraum), die als ausländerfeindlich und banal wahrgenommen und werden. Diese und andere Umstände haben dazu beigetragen, dass das Image der Schweiz und der Schweizer in zunehmendem Masse leidet. Es wäre dienlicher, sich ernsthaft mit dem Thema auseinanderzusetzen. Gefordert ist Bern. Polemik hilft nur Bauernfängern.

  • Berner Bär am 25.05.2011 14:03 Report Diesen Beitrag melden

    Economiesuisse hält uns für blöd!

    Economiesuisse ist und bleibt unverbesserlich. Keine Selbstkritik, nichts. Vor der Abstimmung beschwor man den Weltuntergang, wenn nicht zugestimmt werde und nun ist die Frage, wo die Schweiz stünde, plötzlich hypothetisch. Auf jeden Fall wirkt sich die Masseneinwanderung negativ aus: Es wird teurer und enger. Der Verkehr wird immer mehr, die Natur immer weniger. Doch als Gegner wurde man gewarnt hat - wenn man denn gehört wurde - als Pessimist, Querulant oder Trottel abgestempelt. Auch die Economiesuisse sollte wissen, dass ewiges Wachstum nicht geht.

  • Fredy Amrein am 24.05.2011 14:40 Report Diesen Beitrag melden

    Übervölkerung

    Nur Wachstum und nur Wachstum zählt, alles andere ist gewissen Leuten egal.Sie haben an den Hochschulen halt nur das gelernt. Jedes Jahr bauen wir über 40000 neue Wohnungen. In wenigen Jahren haben wir gar kein Land mehr, dafür 10Mio EW. Was machen wir dann? Es hat nichts, aber auch gar nichts mit Ausländerfeindlichkeit zu, wenn einem diese Entwicklung Sorge bereitet.

  • Paul Buchegger am 22.05.2011 09:43 Report Diesen Beitrag melden

    Die Absurdität des SVP-Fremdenhasses

    Die Ausländerfeindlichkeit der Schlüer-Jungspunde scheint in diesem Blog wieder Urstände zu feiern. Übrigens: Schlüers Grossvater kam aus Sachsen-Anhalt (Norddeutschland) als Schreinergeselle in die Schweiz und liess sich in Basel einbürgern. Doch sein Enkel Ulrich (oder Ueli?) glaubt seinen "Makel" der Herkunft durch penetrante Schweiztümelei kompensieren zu müssen.Auch Blocher stammt aus einer Familie, die aus Deutschland eingewandert ist, und sich hier eingekauft hat, in Schattenhalb (Berner Oberland), wo es besonders günstig war.

    • Berner Bär am 25.05.2011 13:52 Report Diesen Beitrag melden

      Unterstellung

      Es hat doch nichts mit Fremdenhass zu tun, wenn man sich gegen die Uebervölkerung wehrt. Dies ist eine infame Unterstellung. Aber irgendwie typisch für Ihre Seite. Vor gut 140 Jahren hat Reichskanzler Bismarck bereits festgestellt, dass man die Schweiz "nur übervölkern" müsse. Herr Buchegger, Sachsen-Anhalt liegt nicht in Nord-,sondern in Mitteldeutschland.

    • Paula am 25.05.2011 21:04 Report Diesen Beitrag melden

      Danke Paul!

      Schön auf den Punkt gebracht.

    einklappen einklappen
  • Klaus am 21.05.2011 21:28 Report Diesen Beitrag melden

    Probleme wegzureden ist ein Boomerang

    Die Probleme wegzureden ist ein Boomerang, der alle hart treffen kann. Wenn die Bevölkerung aus Angst vor ihrem Identitätsverlust durch zuviele Ausländer auf die rechte Seite rutscht, kann vieles passieren, das dem friedlichen Zusammenleben nicht dienlich ist. Die Idee Profite aus günstigen Arbeitskräften aus dem Ausland zu schlagen muss gegen die entstehenden Probleme abgewogen werden.