«Einschränkung ihrer Freiheit»

14. Februar 2020 18:54; Akt: 15.02.2020 10:39 Print

Darum drehen Autofahrer wegen Tempo 100 durch

von B. Zanni - Künftig nur noch mit 100 statt mit 120 km/h über die Autobahn zu brettern, ist für viele Lenker unvorstellbar. Ein Verkehrspsychologe erklärt, warum.

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Nach dem Vorbild der Niederlande sollen auch Schweizer Lenker das Gaspedal etwas weniger herunterdrücken. So sympathisiert der Verkehrsclub mit einer Tempolimite von 100 Kilometern pro Stunde auf Schweizer Autobahnen. Tempo 100 sei eine der wenigen sofort und direkt wirkenden Klimamassnahmen, argumentiert der Projektleiter Verkehrspolitik beim VCS. Leser haben sich in über 1000 Kommentaren zum Vorhaben geäussert.

Umfrage
Könnten Sie sich mit Tempo 100 auf der Autobahn anfreunden?

Viele wehren sich mit Händen und Füssen gegen die Tempolimite. «Gehen wir doch wieder zurück in die Welt der Maulesel und Pferde», empört sich ein Leser. Ein weiterer Leser findet: «Dann brauchts keine Autobahnen mehr.» Andere zeichnen eine düstere Zukunft: «Dann geht’s nicht lange und wir dürfen nur noch 80 fahren.» Verkehrspsychologe Urs Gerhard erklärt, warum die vom VCS vorgeschlagene Reduktion von 20 km/h Lenker auf die Palme bringt.

Herr Gerhard, woran liegt es, dass sich viele Lenker mit Tempo 100 auf der Autobahn nicht anfreunden können?
Es ist eine natürliche Reaktion, dass sich der Bürger gegen alles wehrt, was seine Freiheit einschränkt. Viele Leute reagieren auf jede Einschränkung ihrer Freiheit extrem. Das war auch früher schon so.

Zum Beispiel?
Als vor 50 Jahren Tempo 60 innerorts eingeführt wurde, gab es eine Welle der Entrüstung. Dasselbe passierte 1985 bei der Reduktion von Tempo 130 auf 120 auf der Autobahn. Auch, als die Sicherheitsgurtpflicht 1971 eingeführt wurde, opponierten Bürger massiv. Heute hingegen käme es niemandem mehr in den Sinn, diese Änderungen zu bekämpfen.

Sind die Schweizer stur?
Nein. Wir sind lediglich alle Gewohnheitstiere. Ein gutes Beispiel dafür ist auch die Arbeitswelt. Sobald in einer Firma Änderungen angekündigt werden, stehen erst einmal alle Mitarbeiter Kopf. Aber sobald die Änderungen umgesetzt wurden, redet keiner mehr davon.

Wie kommt es aber, dass eine Temporeduktion von gerade einmal 20 Prozent zum Beispiel für einen Leser die Autobahn bereits überflüssig macht?
Die grüne Welle nach den Eidgenössischen Wahlen löst bei einigen Bürgern viel Skepsis aus. Sie befürchteten deshalb, dass der Staat ihre Freiheit zugunsten der Umwelt zusehends beschneidet.

Dabei würde der Autofahrer aber selber auch profitieren: Optimal läuft der Verkehr auf einer vierspurigen Schweizer Autobahn laut dem Bundesamt für Strassen bei einem Tempo zwischen 80 und 90.
Darüber macht sich der empörte Autofahrer keine Gedanken mehr. Er weiss auch kaum, wie viel Zeit er verliert, wenn er 20 km/h weniger schnell unterwegs sein darf. Bei einer Temporeduktion steht für ihn einzig und allein das Prinzip der Freiheitsberaubung im Vordergrund. Sobald aber Tempo 100 umgesetzt wäre, würden die empörten Stimmen rasch verstummen. Die Gewöhnungsphase dauert nicht lange. Danach betrachtet man die neue Regeln als selbstverständlich. Ein gutes Beispiel ist das Rauchverbot in Restaurants. Wer wollte heute noch zurück zu verqualmten Restaurants beim Essen?


Ausgewählte Leser-Kommentare

Oder wieso laufen dem VCS und Greenpeace massenweise Mitglieder weg. Der Tagi hat berichtet, dass dem VCS schon über 40'000 Mitglieder weggelaufen sind. Angeblich soll der VCS viel zu radikal in seiner Meinung sein. – VCS total weltfremd?

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Also echt jetzt am 14.02.2020 19:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Generell 100 ist überflüssig

    Wenn's nicht läuft, dann braucht es keine signalisierte Reduktion, da eh schon alle langsam fahren. Und wenn's läuft, ist eine signalisierte Reduktion schlicht nicht angemessen.

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  • Saki Saki am 14.02.2020 19:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Typisch schweiz

    Macht doch gerade Tempo 30 auf der Autobahn!!

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  • Umpf am 14.02.2020 19:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    "Einen Gang runterschalten" - ja nee, ist klar

    Aus der Bildlegende oben: "Die Holländer müssen bald einen Gang runterschalten." - Ja nee, ist klar. Selten eine so dämliche Aussage gelesen. Denn dann wird es garantiert nix mit der CO2 Reduktion.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Bruno Martinelli am 19.02.2020 14:28 Report Diesen Beitrag melden

    Selbst regulierend ohne Staats-Eingriff

    Aha die Geschwindigkeit reguliert sich selber. Somit braucht es auch die Tempolimite nicht mehr und der Umwelt wird genüge getan. In Wirklichkeit generieren wir wieder Busengelder.

  • Helvetica am 18.02.2020 13:59 Report Diesen Beitrag melden

    Gängelung!

    Ich bin wahrlich kein Fan der EU. Aber ich finde es bedenklich, dass gerade Holland als Beispiel dienen soll, wenn doch im Rest der EU 130 k/mh gilt!?

  • Edi Schuldner am 18.02.2020 13:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rache der Machtlosen

    Während der Waldsterbelüge vor 35 Jahren hat man un die Städte auf 80 reduziert. Was hats gebracht? Ein Onanieergebnis der ratlosen. - Denn die 70% machtlosen Gegner sind einfach hochtouriger gefahren. Die kleine Rache mit erwa gleichviel CO2 Ausstoss ;-)

    • Scho cooli Lüüt am 18.02.2020 15:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Edi Schuldner

      Wow waren die cool drauf, richtige Intelligenzbestien! Die Crème de la Crème der Menschen hinter dem Steuer (Ironie off)

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  • Rusty Bloom am 18.02.2020 01:54 Report Diesen Beitrag melden

    Wirtschaft und Politik

    Nehmen Sie sich das Leben! Nein? Weil Sie ein Gewohnheitstier sind und sich an das Leben bereits gewöhnt haben? Und mit solchen Argumenten will man uns den Kopf verdrehen? Dümmer gehts nicht mehr!

  • Danydee am 17.02.2020 21:44 Report Diesen Beitrag melden

    Geht stimmen

    Wenn's merklich was bringt, habe ich nichts dagegen. In unserem Land tut man aber leider wenig, wenn es der Wirtschaft schadet und viel, um die Bürger zu plagen. Meine Logik wäre erstmal, bei der Menge anzufangen. Das ginge relativ einfach, indem man bei den kommenden Initiativen entsprechend stimmt.

    • Elia am 17.02.2020 23:49 Report Diesen Beitrag melden

      @Danydee

      Die Menge sind die Bürger.Herr hilf

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