Badipöbler

08. Juli 2019 04:48; Akt: 08.07.2019 04:48 Print

«Ihnen ist es neu, dass eine Frau Weisungen gibt»

Vorwiegend Männer mit Migrationshintergrund sollen Bademeisterinnen angehen oder nicht ernst nehmen. Woher das kommt, erklärt ein Integrationsexperte.

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Beschimpft, bespuckt oder ignoriert: Bademeisterinnen in der Schweiz werden immer wieder von Badegästen angepöbelt oder angegangen, wie die «SonntagsZeitung» schreibt. Michel Kunz, Präsident des Badmeister-Verbands, sagt: «Die Frauenverachtung hat zum Teil eine Stufe erreicht, die völlig inakzeptabel ist.» Wie er zu 20 Minuten sagt, steht für ihn fest: «Ich mache vor allem die Kulturunterschiede für das Benehmen der Männer verantwortlich. Die Frauen haben in ihrer Kultur vermutlich nicht die gleiche Position wie bei uns. Es muss klar gesagt werden, dass die Frauen die gleiche Ausbildung wie wir haben, somit das gleiche Wissen und die gleiche Verantwortung. Sie verdienen Respekt.»

Laut Kunz kommt es immer häufiger vor, dass Badmeisterinnen angegangen werden: «Früher hatten wir dieses Problem kaum. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass immer mehr Frauen in den Beruf einsteigen.» Betroffen von den Angriffen seien sowohl erfahrene als auch neue Badmeisterinnen.

«Umerziehen kann man sie wohl kaum»

Auch einer Zürcher Badmeisterin sind solche Situationen bekannt. «Als Frau hat man es teilweise schwer, sich durchzusetzen – gerade bei jungen Männern mit Migrationshintergrund», sagt sie zu 20 Minuten. Sie gibt ein Beispiel. «Einmal wies ich einen jungen Vater, vermutlich mit kosovarischen Wurzeln, darauf hin, seine Kinder könnten fürs Schwimmer-Becken zu wenig gut schwimmen.»

Die Reaktion des Vaters: «Er sagte, ihm hätte ich gar nichts zu sagen.» Natürlich stimme einem das bedenklich. Doch in diesen Fällen bleibe einem als Badmeisterin nichts anderes übrig, als einen männlichen Kollegen zu holen. «Dann hat es dann auch sofort geklappt und der Vater hat die Weisungen befolgt.» Es bringe nichts, sich darüber aufzuregen, sagt die Badmeisterin. «Diese Gäste kann man wohl kaum mehr erziehen.»

«Sie sind unwissender»

Die Zürcher Badmeisterin Monika Bilek hat vor einigen Jahren Ähnliches erlebt: «Es gab eine Situation, bei der ich vier junge Männer davon abhalten wollte, von der Seite her in den Pool des Springturms zu springen.» Zuerst hätten die Männer nicht auf sie gehört, sagt sie zu 20 Minuten: «Sie reklamierten und beschimpften mich. Als ich ihnen jedoch ein Beispiel machte, ob sie es in Ordnung finden würden, wenn ihre Kinder das machen würden und dann jemand tot sei, weil man ihm auf dem Kopf springt, gaben sie mir recht. Sie entschuldigten sich sogar.» Wie sie solche Situationen meistern soll, habe sie während ihrer mehrjährigen Erfahrung als Bademeisterin, aber auch durch ihre selbstfinanzierte Weiterbildung gelernt.

Für die Badmeisterin steht fest: «Viele Männer mit Migrationshintergrund verhalten sich nicht frecher, jedoch unwissender. Durch Informationen verstehen sie aber den Ernst der Lage. Vielleicht könnte man ihnen diese anhand von Integrations-Kursen weitergeben.» Auch empfiehlt Bilek den Betrieben in die Ausbildung und Weiterbildung des Personals zu investieren. Dadurch könnten sie lernen, sich zu schützen, überlegt zu handeln und kommunikativ stress-und situationsbedingte Lösungen zu finden.

«Hier prallen Kulturen aufeinander»

Für Integrationsexperte Ivica Petrušić, Jugendbeauftragter des Kantons Zürich, steht fest: «Grundsätzlich gilt es immer die einzelne Tat, das einzelne Verhalten anzuschauen und nötigerweise zu sanktionieren, und nicht eine ganze Kultur dafür verantwortlich zu machen. Trotzdem zeigt die Badi, wo sich die Gesellschaft befindet. Verschiedene Kulturen und die damit verbundenen Rollenbilder prallen hier aufeinander, alle werden damit konfrontiert und niemand kann ausweichen.» Dass die Pöbler oftmals Migrationshintergrund haben, begründet er so: «Es ist leider so, dass in manchen Kulturen – nicht nur ausserhalb Europas – Frauen weiterhin nicht als gleichberechtigt gelten. Für solche Männer ist es neu, dass eine Frau durch ausüben eines Berufes, Weisungen erteilen kann.»

Das Bild sei meist vom Elternhaus mitgegeben. «Dort herrschen noch oft traditionelle und patriarchalische Strukturen, die zum Teil von Frauen selbst getragen werden», sagt Petrusic. «Zwar lernen diese Kinder schon in der Schule vieles über Gleichberechtigung. Aber sie stehen zwischen ihrer und der Kultur hier. Das ist nicht einfach.»

Adäquate Sanktionierung

Petrusic sieht zwei Möglichkeiten, das Problem anzupacken: «Da es sich um ein gesellschaftliches Problem handelt, muss auch die Gesellschaft Verantwortung übernehmen. Es gilt mehr den je gut zu kommunizieren, was geht uns was nicht, beziehungsweise welche Regeln und Erwartungen hier gelten. Bildung- und Integrationsarbeit könnte helfen, eine echte Diskussion über die gesellschaftlichen Entwicklung zu führen, ohne Angst haben zu müssen als fremdenfeindlich abgestempelt zu werden.»

Auch sollten Betreiber ihre Angestellten nicht alleine lassen, sondern ihnen zeigen, dass sie hinter ihnen stünden, ihnen Ausbildungen ermöglichen und klare Regeln definieren, die für alle klar ersichtlich und geltend sind und im Vergehensfall auch adäquat sanktioniert werden. «Da kann die öffentlich Hand auch Hand reichen und solche Prozesse unterstützen.»

(qll)