Kindsmissbrauch

02. Februar 2011 17:02; Akt: 02.02.2011 17:11 Print

«Behörden haben total versagt»

von Ronny Nicolussi - Der Fall des Berner Pädo-Monsters Hansjürg S. sorgt auch im Bundeshaus für Entsetzen. Politiker von links bis rechts fordern Konsequenzen.

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Für SVP-Nationalrätin Natalie Rickli ist es «ein absoluter Schock», der Grüne Daniel Vischer ist «empört» und Chiara Simoneschi von der CVP bezeichnet den Fall des Kinderschänders Hansjürg S. als «furchtbar». Die Tessinerin fragt sich: «Wie war es möglich, dass jemand so lange Kinder missbrauchen konnte, ohne dass jemand Verdacht schöpfte?» Der Fall zeige, dass die Kontrollmechanismen nicht funktioniert hätten.

Gleicher Meinung ist auch Rickli. Die Zürcherin ärgert sich, dass die Probleme mit Pädophilen in Bundesbern bisher stets kleingeredet worden seien: «Meine Forderungen nach höheren Strafen oder auch zur Einführung eines Pädophilenregisters wurden alle abgelehnt, und jetzt soll sogar Inzest als Straftatbestand abgeschafft werden.» Der Fall Hansjürg S. bestärke sie aber, weiter gegen Pädophile zu kämpfen.

Daniel Vischer meint hingegen, gerade solche Fälle würden zeigen, dass weder härtere Strafen noch ein Pädophilenregister etwas brächten. Hansjürg S. ist nicht vorbestraft und seine letzten Taten beging er Jahre nachdem die Umsetzung der Verwahrungsinitiative beschlossene Sache war. S. hatte bisher aber nur deshalb einen makellosen Strafregisterauszug, weil die Behörden 2003 einer schwerstbehinderten 13-Jährigen nicht glaubten. Diese hatte den heute 54-Jährigen beschuldigt, sie sexuell missbraucht zu haben.

Spontane Kontrollen gefordert

Rickli fordert, dass die damaligen Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden: «Die Behörden haben total versagt und sind daran schuld, dass während sieben weiteren Jahren Kinder missbraucht wurden.» Als Konsequenz aus dem Fall Hansjürg S. müssten bei Einstellungen von Heimbetreuern die Bewerber besser überprüft werden. «Zudem muss die Aufsicht durch spontane Kontrollen verbessert werden», so die SVP-Nationalrätin. Schliesslich fordert sie, dass Betreuer künftig nicht mehr mit behinderten Kindern alleine gelassen werden.

Letzteres wäre zwar wünschenswert, aufgrund der personellen Ressourcen aber wohl nicht umsetzbar, sagt Brigit Wyss, Grüne Nationalrätin aus dem Kanton Solothurn. Ihrer Meinung nach müsse vor allem bei der Kontrolle angesetzt werden. «Eine Möglichkeit wäre, bei Einstellungsgesprächen einen Strafregisterauszug zu verlangen, wie das CVP-Nationalrätin Chiara Simoneschi forderte.»

Kein Alarmglöckchen

Simoneschi hatte 2004 eine entsprechende parlamentarische Initiative eingereicht. Wäre das Parlament der Initiative gefolgt, müssten sämtliche Personen, «die sich um eine berufliche Tätigkeit mit Kindern oder Jugendlichen unter 16 Jahren» bewerben, einen Strafregisterauszug vorlegen. Als Begründung gab Simoneschi damals an, dass Pädophile gezielt Stellen als Lehrer, Trainer oder Betreuer suchten. Der Ständerat lehnte den Vorstoss 2008 jedoch ab.

Heute sagt die CVP-Nationalrätin, der Fall Hansjürg S. sei nicht ein Alarmglöckchen, sondern eine riesige Alarmglocke. Viel zu oft würden solche Vorfälle nur als Delikte behandelt statt als das, was sie seien: ein Verbrechen. «Deshalb fordere ich jetzt alle auf, Lehrer, Eltern, Betreuer und Politiker, dieses Problem von allen möglichen Seiten zu bekämpfen», so Simoneschi. Dazu seien strengere Gesetze, bessere Kontrollen und bessere Prävention in der Schule nötig.

Dem pflichtet auch Daniel Vischer bei. Der Grüne stellt fest: «Offenbar funktionieren in solchen Heimen die Kontrollfunktionen nicht.» Diese müssten deshalb professionalisiert werden. Wichtig sei auch, die Angestellten von solchen Heimen «auf mehr Distanz» zu schulen. «Eventuell braucht es auch einen Kulturwandel», meint Vischer. Schliesslich gebe es zwischen Betreuer und Heimbewohner immer ein Machtgefälle – also einen vermeintlich rechtsfreien Raum, der zu Missbräuchen führen könne. Gleichzeitig müsse man jetzt aber auch Aufpassen, unter dem Eindruck des Falls Hansjürg S. nicht ein Klima des Misstrauens zu kreieren.

«Das Böse ist immer und überall»

Das Machtgefälle zwischen Opfer und Täter beunruhigt auch Pro Infirmis, die grösste Schweizer Fachorganisation für die private Behindertenhilfe. Im vorliegenden Fall zeige sich dieses vor allem im Ereignis von 2003, als die Behörden dem behinderten Mädchen nicht glauben wollten, erklärt Infirmis-Sprecher Mark Zumbühl auf Anfrage von 20 Minuten Online. Wichtig sei deshalb nicht der Gefahr zu erliegen, so zu tun, als sei dies ein Problem der Vergangenheit. Denn, so Zumbühl: «Das Böse ist immer und überall.»

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Reto am 03.02.2011 06:20 Report Diesen Beitrag melden

    Unfassbar

    Behoehrden, Verantwortliche und Politiker haben wieder einmal mehr total versagt.Ich empfinde Wut und Hass gegen den Taeter aber auch gegen die Verantwortlichen.Immer wieder wird nach Ausreden gesucht, Verschleiert und unter die Teppiche gekehrt anstatt im vollen Umfang ohne wenn und aber Fakten auf den Tisch und endlich Handeln und Massnahmen zum Schutz der Kinder zu ergreifen.Jetzt und nicht erst morgen.Jetzt.Wie in Amerika Taeter mit Namen und Adresse auf einer Karte stellen.Oeffentlich machen.Jetzt.Alle die Kinder und Behinderte missbrauchen verdienen den Schutz der Daten nicht mehr.

  • Anja am 04.02.2011 13:47 Report Diesen Beitrag melden

    Grausame Sache!

    Die Kürzungen im Gesundheitsbereich sind immer drastischer,vor allem im Pflege- und Behindertenbereich.Der Pflegeberuf wird von der Gesellschaft eher unterbewertet und man verdient nicht viel, so muss man sich nicht wundern, wenn man solche Leute bekommt. Dieses Jahr ging schonmal ein Aufschrei durch die Presse (Altersheim Zürich). Nicht wegen Missbrauch aber wegen Gewalddelikten. Billiges Personal = mindere Arbeitsleistung. Man ist nur noch was, wenn man studiert! Solange sich diese Einstellung nicht ändert, werden wir auch keine qualitative Arbeit in den *nichtstudierten" Bereichen erhalten.

  • Markus Hasler am 04.02.2011 09:05 Report Diesen Beitrag melden

    Warum Verjährung

    Wann verjähren Geschwindigkeitsübertretungen. Bin nämlich vor eine paar Jahren mal in einer 30-er Zone mit 35 gefahren. Habe noch immer ein schlechtes Gewissen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Heinrich Zimmermann am 05.02.2011 12:03 Report Diesen Beitrag melden

    Gezieltes Ansprechen als muss, auch Peinliches

    Ich weiss zwar auch bald keinen Rat mehr. Wo immer Schwaechere einer staerkeren Person/Institution/Kirche ausgesetzt sind, da muss man offensichtlich damit rechnen. Ich koennte mir vorstellen, dass das Thema ein muss sein sollte in den Leitergruppen, und nicht einfach ein "annehmen, dass da wohl bei uns" nichts passieren koenne.

  • Anja am 04.02.2011 13:47 Report Diesen Beitrag melden

    Grausame Sache!

    Die Kürzungen im Gesundheitsbereich sind immer drastischer,vor allem im Pflege- und Behindertenbereich.Der Pflegeberuf wird von der Gesellschaft eher unterbewertet und man verdient nicht viel, so muss man sich nicht wundern, wenn man solche Leute bekommt. Dieses Jahr ging schonmal ein Aufschrei durch die Presse (Altersheim Zürich). Nicht wegen Missbrauch aber wegen Gewalddelikten. Billiges Personal = mindere Arbeitsleistung. Man ist nur noch was, wenn man studiert! Solange sich diese Einstellung nicht ändert, werden wir auch keine qualitative Arbeit in den *nichtstudierten" Bereichen erhalten.

  • Markus Hasler am 04.02.2011 09:05 Report Diesen Beitrag melden

    Warum Verjährung

    Wann verjähren Geschwindigkeitsübertretungen. Bin nämlich vor eine paar Jahren mal in einer 30-er Zone mit 35 gefahren. Habe noch immer ein schlechtes Gewissen.

  • dipl.Psych.Sr. /Erzieherin /Atheistin am 04.02.2011 08:11 Report Diesen Beitrag melden

    Sekten-Kontrollen:

    Wieso wird von Amtes wegen den anthroposophisch geführten Heimen nicht mehr auf die Finger geschaut? In Deutschland ging im Jahre 2010 ein Aufschrei über Missbrauchsfälle (Odenwaldschule..)über Jahre an anthroposophischen Schülern. An kantonal geführten Heimen wäre er nicht angestellt worden, dort sind kompliziertere Aufnahmekriterien. Dieser Typ hatte ALLE Anzeichen als Pädophiler,aber Hauptsache, er machte die Nachtdienste.

    • Anke am 04.02.2011 16:40 Report Diesen Beitrag melden

      Verallgemeinerung

      Also so stark verallgemeinern kann das jetzt auch nicht!

    einklappen einklappen
  • max hart am 04.02.2011 07:57 Report Diesen Beitrag melden

    mein rat

    man sollte diese monster nicht schützen und wie in den usa eine liste mit solchen monstern machen die für jeden einsehbar sind!