Insider packen aus

15. November 2018 10:31; Akt: 15.11.2018 13:20 Print

«Bei You Church wird Gehirnwäsche betrieben»

von Qendresa Llugiqi - Er entzweie Paare, empfehle Abtreibungen und treibe Spenden ein: Ex-Mitglieder erzählen, wie sie «Pastor J» und seine «Luxus-Sekte» You Church erlebt haben.

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Eine Mutter aus der Nähe von Zürich gibt an, dass sich ihre Töchter stark verändert hätten und auf Distanz zur Familie gegangen seien, seit diese Anhänger von You Church geworden seien – laut der Fachstelle Infosekta eine «sektenhafte Gruppierung». 20 Minuten hat mit über zehn Ex-Mitgliedern und auch mit Partnern und Bekannten von Aussteigern gesprochen. Ihr Tenor: You Church sei keine Kirche, sondern ein destruktiver, sektenhafter Verein.

W.*, einer der Ex-Anhänger, verwendet folgendes Bild: «Stellen Sie sich einfach eine Westernstadt vor, die eine tolle Fassade hat, dahinter verstecken sich aber Bruchbuden.» Unsere Recherche gibt Einblicke ins Innere der Gruppierung, bei der Pastor Jella Wojacek alias «Pastor J» der starke Mann ist. You Church bestreitet sämtliche Vorwürfe der Ex-Mitglieder und spricht von «Gerüchten». Man sei keine Sekte, sondern eine Freikirche, in der das Evangelium auf biblischer Grundlage gepredigt werde.

Der Pastor

Laut der Fachstelle Infosekta herrscht ein Personenkult um Pastor Jella Wojacek. Auch das ehemalige Mitglied W. sagt, dieser leite die Gruppe «patriarchalisch und autoritär»: «Wer gegen den Strom schwimmt, bekommt den Gegenwind schnell zu spüren. Eigentlich haben viele Mitglieder Angst vor ihm, doch sie würden dies nie zugeben. Das wird nicht geduldet. Der sogenannte ‹Mann Gottes› hat es geschafft – durch Einschüchterung und Gedankenumbildung und -kontrolle –, die Leute dazu zu bewegen, dass sie eher sich selbst statt ihn hinterfragen.»

Die You Church bestreitet, dass es einen Personenkult um Pastor J gebe: «In der Kirche wird als einziger Gott und dessen Sohn Jesus Christus verehrt und angebetet.» Wenn die Leute Angst vor Pastor J hätten, würden sie nie freiwillig die You Church besuchen. Sie sei auch nicht patriarchalisch. So befänden sich vier Frauen in der operativen Leitung.

Teure Autos und und Luxusferien

Wojacek gilt als «Wohlstandsevangelist» – wer stark glaubt, wird entsprechend reich belohnt. Laut zahlreichen Insidern profitiert davon vor allem Wojacek: «Der Pseudo-Pastor hat all meine Ersparnisse aus der Tasche gezogen – auf hochgradig manipulative Art und Weise. Dort wird Gehirnwäsche auf hohem Niveau betrieben», sagt Q.*, eine Ex-Anhängerin. Laut W. gibt es «unumstössliche Regeln (sog. göttliche Prinzipien)» zum Thema Geld: «Über den Zehnten – also zehn Prozent des monatlichen Nettolohnes – diskutiert Wojacek nicht. Das sei ein von Gott bestimmter Betrag. Pro Monat gibt man aber schnell bis zu 20 Prozent aus, weil man auch an den Gottesdiensten und an anderen Veranstaltungen Geld abgibt.» Es komme sogar vor, dass sich Leute für die Gruppe verschuldeten, so mehrere Ex-Mitglieder.

Insiderin Z.* berichtet, Luxus spiele eine überragende Rolle bei You Church: «Die Mitglieder laufen selbstbewusst in schöner Kleidung herum. Das Äussere überzeugt und zieht einen in seinen Bann. Auch Wojacek läuft in den teuersten Kleidern umher, fährt die teuersten Autos, wohnt in einer Villa und gönnt sich regelmässig Luxusferien. Auch ich wollte dazugehören und hatte den Druck, mich schön zu kleiden.» Weiter erklärt sie: «Vor der You Church kannte ich Marken wie Chanel nicht.»

Laut You Church trifft es zu, dass Gottesdienstbesucher der You Church freiwillige finanzielle Zuwendungen machen. «Aber zu behaupten, davon profitiere Pastor J persönlich, ist ebenso unzutreffend wie lächerlich: Die You Church verfolgt ausschliesslich gemeinnützige Zwecke.» Die You Church erhalte kein Geld vom Staat und auch keine Beiträge aus der Kirchensteuer. «Dass der Betrieb einer modernen Kirche hohe Kosten verursacht, dürfte jedermann klar sein.»

Anhängeraquise

Mehrere Ex-Mitglieder geben an, dass die Gewinnung von neuen Mitgliedern eine zentrale Rolle einnimmt – der Druck, neue Anhänger zu werben, sei hoch. Der Ehemalige W. führt aus: «Neue Anhänger sind der Treibstoff der Gruppe. Sie bedeuten Geld.» Und das ehemalige Mitglied A.*: «Irgendwann einmal wusste ich gar nicht mehr, wen ich sonst noch einladen soll. Die meisten kamen eh nur einmal. Ihnen kam bereits der Gottesdienst seltsam vor.» Der ehemalige Anhänger W. sagt, dass Instagram und Co. bei der Gewinnung von Mitgliedern eine wichtige Rolle spielten: «Vorzeigbare Leute sind gute Werbung. Das ist eine Strategie.» So würden gut aussehende Mitglieder gezeigt.

Auf Anfrage heisst es bei der You Church, dass sie keinerlei Akquise mache. « Jesus Christus hat allen Gläubigen den Auftrag gegeben, jedem die gute Nachricht zu verkündigen. Jeder ist frei, die Gottesdienste der You Church zu besuchen oder nicht.»

Isolation und Eheberatung

Weiter erklären Aussteiger, dass die Gruppe sehr einnehmend sei. Schritt für Schritt werde man durch verschiedene Aktivitäten immer mehr eingespannt, sodass weniger Zeit für einen selbst, Familie und Freunde bleibe. «Ich zog mich über die Jahre vollkommen von all meinen Freunden und Familie zurück, da ich euphorisch nur noch dort alles investieren wollte», gibt die Ehemalige Z. an. W. stellt fest: «Als Mensch kann man sich darin nicht weiterentwickeln. Man wird lediglich in die Gruppe integriert, aber von der Aussenwelt isoliert.»

Der Pastor Wojacek habe auch auf der privatesten Ebene mitgeredet, so die ehemaligen Mitglieder. J.* berichtet – wie viele andere Aussteiger auch –, dass Wojacek sogar als Eheberater tätig gewesen sei. «Wenn Wojacek meinte, dass ein Partner zum anderen nicht passte, trieb er sie auseinander. So sagte er zu Frauen Dinge wie ‹Du hast etwas Besseres verdient als den Typen, mit dem du zusammen bist.›» Etliche Paare seien seinetwegen auseinandergegangen. Eine andere ehemalige Anhängerin berichtet: «Schlussendlich kam es so weit, dass Wojacek allen Paaren, die nicht verheiratet waren, Sexverbot erteilte», so S.* Ein Anhänger habe deshalb sogar in einem Keller schlafen müssen. Auch geben mehrere Mitglieder an, dass Wojacek mindestens zwei Abtreibungen empfohlen habe.

Laut You Church gab Pastor J nie den Rat, dass abgetrieben werden solle: «Die You Church ist gegen Abtreibungen. In Fällen von Missbrauch oder Vergewaltigung bedarf es immer einer tieferen Betrachtung und auch hier steht die You Church den Betroffenen und deren Angehörigen mit dem Wort Gottes zur Verfügung, sodass diese sich dann selber entscheiden können.»

Körperliche Züchtigung

Laut einigen ehemaligen Mitgliedern wurden Anhänger auch zusammengestaucht und gar geschlagen, falls Jella Wojacek oder seine Frau Jeannine Wojacek mit etwas nicht zufrieden waren. Anhänger müssten nicht nur bei den Vorbereitungen des Gottesdiensts mithelfen, sondern auch immer wieder privat bei den Wojaceks arbeiten, erinnert sich die ehemalige Anhängerin B.* So müssten sie kochen, putzen, einkaufen, Koffer tragen oder Security spielen. Es komme dann auch vor, dass Wojacek sich an abgemachte Zahlungsversprechen nicht halten würde. Auch müssten die Mitglieder der You Church regelmässig nach Afrika fliegen zu einem befreundeten Pastor. S. erklärt: «Dort mussten wir uns wie Sklaven verhalten. Konnten wir uns die Reisen nicht leisten, wurde uns ein Vorschuss gewährt. So standen wir wieder Monate lang in der Schuld vom selbsternannten Mann Gottes.»

You Church bestätigt, dass es Freiwilligenarbeit gebe, wie sie auch «in jeder anderen Kirche oder gemeinnützigen Organisation gang und gäbe ist». Es wird bestritten, dass Zahlungsversprechen nicht eingehalten worden seien. Weiter erklärt You Church, dass sie «sich vehement gegen jegliche Form der Gewaltanwendung wendet».

Aussteiger «von Dämonen getrieben»

Die Gründe für den Ausstieg waren unterschiedlich: Einige konnten nicht mehr mit dem Druck umgehen, der von Wojacek ausging. Andere wollten bei diesem Tun einfach nicht mehr mitmachen. Wiederum andere wollten sich nicht mehr erniedrigen lassen. Nachdem sie ausgetreten seien, habe Wojacek oder dessen zweite Ehefrau Jeannine den Anhängern verboten, Kontakt mit den Aussteigern zu halten, berichten mehrere Insider. Über die Aussteiger werde jeweils ein Grund erfunden, weshalb sie ausgetreten seien. So heisse es beispielsweise, dass das ehemalige Mitglied nicht genug geglaubt habe oder von Dämonen getrieben sei.

Um zu beschreiben, wie sie sich nun nach dem Ausstieg fühlen, verwenden mehrere Ex-Anhänger die Begriffe «seelischer Missbrauch» oder «geistlicher Missbrauch». Sie hätten so stark an etwas geglaubt, dass sie sich selbst geopfert hätten. Dabei sei nur ihr Vertrauen in etwas Höheres missbraucht worden. Z.: «Nach dem Ausstieg wollte ich mir die Kugel geben.»

You Church erklärt, dass sie «eine Freikirche ist, in der jedermann freiwillig am Gottesdienst teilnimmt. Wir respektieren selbstverständlich jeden Entscheid eines Mitglieds und kommentieren ihn nicht.»

*Initialen geändert, Namen der Redaktion bekannt