Inkonsequentes Verhalten

24. Februar 2019 11:36; Akt: 25.02.2019 10:44 Print

«Beim Fliegen ist der Verzicht am grössten»

Klimafreundliches Verhalten wird immer salonfähiger, doch aufs Fliegen verzichten die wenigsten. Ein Experte sagt, wieso es beim Fliegen besonders schwerfällt, konsequent zu sein.

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Grüne Politik predigen, aber selber nach Übersee in die Ferien fliegen? Kürzlich löste der linke Politiker Roland Gurtner eine kontroverse Debatte aus. Er setzt sich vermehrt für Klimaschutz ein, postete aber auf Facebook Fotos einer langen (Flug-)Reise aus Übersee. Daran störte sich der Bieler BDP-Stadtrat Reto Gugger und warf auf der Social-Media-Plattform die Frage auf: «Wie glaubwürdig ist für dich ein Politiker, der regelmässig Beiträge zum Thema Umweltschutz und Klimaveränderung verfasst – und dann fleissig Reisebilder aus Chile und von der Osterinsel postet?» «Die Diskussion ist ziemlich kleinlich. Dass vor allem Politiker, die sich selber nicht für die Umwelt einsetzen, nun die Moralkeule schwingen, kann ich nicht verstehen», so Gurtner gegenüber 20 Minuten. Dennoch sei klar, dass ein Politiker, der sich für grüne Anliegen einsetzte, ein gutes Vorbild sein müsse. Er selber verzichte seit 35 Jahren auf ein Auto und lebe strikt vegetarisch. «Problematisch für die Glaubwürdigkeit wird es dann, wenn ein Politiker Wasser predigt und Wein trinkt. Das heisst, wenn ein Politiker sich häufig so verhält, dass es der Kernbotschaft der eigenen Partei widerspricht», sagt Politologe Georg Lutz. «Keiner von uns, auch kein Politiker, lebt vollkommen konsequent und so, dass es zu hundert Prozent der eigenen Ideologie entspricht», sagt der Politologe. Es sei demnach nichts Verwerfliches dabei, sich für Dinge einzusetzen, die man selber nicht eins zu eins so umsetze. Für Christian Imark, SVP-Nationalrat und Umweltpolitiker, ist das ein bekanntes Phänomen. Von linker Seite werde den Leuten häufig eingeredet, wie schlimm der Klimawandel sei und wie man sich dagegen zu verhalten habe. «Auch in der Bundespolitik wird das Flugzeug ständig schlechtgeredet. Selber aber steigen Politiker regelmässig ins Flugzeug, mit der Ausrede, die Reise per Zug dauere viel länger. Als ob das nicht auch für das Volk gelte», sagt Imark. Umweltpsychologe Elmar Grosse Ruse sagt, dass beim Fliegen der Verzicht am grössten sei. Während man beim Auto auf ein Elektrowagen umsteigen könne und es immer mehr Fleischersatzprodukte gebe, könne die Reise nach Bali nur per Flugzeug unternommen werden. Es gelte deshalb, die eingene Bedürfnisse zu hinterfragen.

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Herr Grosse Ruse*, wieso fliegt jemand, der eigentlich sehr umweltbewusst lebt, regelmässig in die Ferien?
Umwelt- und Klimaschutz haben viele Facetten und meist sehen wir nur einen Teil davon. Nehmen wir an, ich habe mein Auto verkauft und fahre nur noch mit dem Velo zur Arbeit. Für weitere Strecken nehme ich den ÖV. Ich sage mir also, dass ich mich sehr klimabewusst verhalte. Dass ich zweimal pro Jahr in die Ferien fliege, blende ich aus. Das hat nichts mit bösem Willen zu tun und ist uns oft nicht mal bewusst. Wir neigen dazu, unser Selbstbild so zu gestalten, dass es positiv aussieht.

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Wieso können aber auch Personen, die sich an vorderster Front für den Klimaschutz einsetzen, die Fliegerei nicht lassen?
Leute, die sich auch politisch aktiv für den Klimaschutz einsetzen, wissen erst recht, dass das Fliegen nicht einfach ein beliebiger Teil des Klimaproblems ist, sondern ein sehr zentraler. Aber auch Wissen schützt nicht vor Verdrängung für ein positives Selbstbild. Vor allem lässt sich die Fliegerei nicht so leicht ersetzen wie etwa ein Auto. Hier kann ich auf ein Elektroauto umsteigen, ohne dabei auf etwas verzichten zu müssen. Wenn ich im Winter jedoch nur eine Woche Ferien habe und unbedingt an die Wärme will, geht das kaum anders als mit dem Flugzeug.

Das heisst, beim Fliegen ist der Verzicht am grössten?
Ja, das empfinde ich so. Deshalb ist die Flugdiskussion auch die emotionalste im ganzen Klimadiskurs. Hat man das Bedürfnis, entfernte Kulturen kennenzulernen oder bestimmte Orte am anderen Ende der Welt zu besuchen, ist die Flugreise meist die einzige Option. Solche Bedürfnisse lassen sich ohne die Fliegerei nur mit grossem Aufwand befriedigen. Beim ebenfalls klimaschädlichen Fleischkonsum hingegen weiss heute fast jeder, dass ein Menu ohne Fleisch auch lecker und gesund sein kann. Zudem gibt es hier immer bessere Ersatzprodukte.

Also hat es für mich persönlich gar keinen Nutzen, wenn ich aufs Fliegen verzichte?
Doch, ich tue dann etwas fürs Klima sowie für mein ökologisches Selbstbild und kann mich deshalb gut fühlen. Aber diesen Nutzen fürs Klima können wir mit unseren Sinnesorganen nicht direkt wahrnehmen. CO2-Emissionen lassen sich nicht riechen oder sehen, auch die Folgen des CO2-Ausstoss werden nicht direkt am Flughafen sichtbar. Bilder von entfernten Feriendestinationen, die wir verpassen, wenn wir künftig aufs Fliegen verzichten würden, sehen wir jedoch täglich. Es hilft, die Perspektive zu verändern. Auch wenn ich als klimabewusste Person fliege, verzichte ich auf einiges: auf eine fluglärm-freie Gesellschaft, oft auf ein wirklich entspanntes Reisen und auf ein gutes Selbstbild.

Was raten Sie jemandem, der sich gern ökologischer verhalten würde, aber beim Fliegen immer wieder schwach wird?
Als Erstes könnte man seine eigenen Bedürfnisse hinterfragen. Muss es wirklich Bali sein? Oder kann ich nicht auch entspannt mit dem Zug nach Frankreich reisen, um dem Alltag zu entkommen? Zudem sollte man sich bewusst sein, dass der Platz im Flugzeug nicht einfach nur leer bleibt. Je weniger die Leute fliegen, desto weniger heben die Flugzeuge ab. Mit dem Verzicht kann man also durchaus etwas bewirken.

Bedingt es nicht einen sehr starken Willen, auf die Bali-Reise zu verzichten, wenn das ganze Umfeld um die halbe Welt jettet?
Wenn der Bali-Flug auch noch günstiger ist als der Zug nach Rom oder Paris, wird es tatsächlich schwierig. Die Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen. Es kann nicht sein, dass wir für umweltfreundliches Verhalten auch noch bestraft werden. Hier würde eine faire Flugticket-Abgabe helfen. Und natürlich hilft das gute Gefühl, das Richtige zu tun – vor allem auch für die Generationen nach uns.

*Elmar Grosse Ruse ist Umweltpsychologe und Verantwortlicher für Klima und Energie beim WWF Schweiz.

(jk)

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Ausgewählte Leser-Kommentare

"Freiwillig verzichtet niemand auf nichts" Dem widerspreche ich. Ich will mich hier nicht als Gutmensch hinstellen aber ich kann ganz locker auf viele Dinge verzichten. Freiwillig. – Verzicht

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tanja am 24.02.2019 11:42 Report Diesen Beitrag melden

    Nächste

    Bei den Aktivisten ist sich halt jeder selbst der nächste.

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  • Pit Z. am 24.02.2019 11:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Egoismus

    Die Menschen sind inkonsequent. Genau wegen dieser Unvernunft, wird die grenzenlos wachsende Überbevölkerung, die Erde stezig mehr vermüllen. Selbst die grünen Naturschutz-Prediger bilden keine Ausnahme.

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  • No Fly am 24.02.2019 12:03 Report Diesen Beitrag melden

    Nichtflieger

    Ich bin seit 17 Jahren nicht mehr geflogen und hatte trotzdem sehr schöne, erholsame Ferien. Ich vermisse nichts.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Realist am 07.03.2019 17:13 Report Diesen Beitrag melden

    nie im Leben

    nie im Leben. Als würde es etwas ändern. Ich fliege auch weiter und fahre dicke Autos. Kinder auslassen macht sinn... es gibt genug arme Kinder zur Addoption. Wir sind zu viele Menschen. Das weiss auch die Politik und darum wird der 3. WK provoziert. Darum geniesst solang es noch geht.. bald gehen wir sowieso aufeinander los.

  • BiChaDe am 01.03.2019 08:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    versteh ich nicht

    Europa ist super schön... Das reden die Leute von "die Welt kennen lernen"... Kennt ihr Europa? Kennt ihr die Schweiz? Warum nicht den Tourismus im eigenen Land unterstützen, das käme allen zu Gute!

  • Teller Rand am 26.02.2019 21:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die bösen Grünen

    Irgendwie kriege ich die Denkweise all der "gegengrünepöbeln Schreiberlinge" nicht. Es gibt sehr viele konsequente "Grüne" und jeder von denen ist doch schon mal einiges Besser als all die "Problemverneinenden Egos" hier!? Sich mit seinen Argumenten einfach auf die "Schwarzen Schafe" zu beziehen scheint mir dann doch etwas zu billig. Und der ständige Hinweis auf die Überbevöllkerung hinkt übrigens auch und ist kein gutes Argument für die eigene Verantwortungslosigkeit!

    • Meimei am 01.03.2019 07:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Teller Rand

      viele meiner Bekannten aus ganz Europa fliegen regelmässig ab Do oder Freitag mit Easy Jet nach Hause und kommem meist am Sonntag wieder retour. Früher wurden sie per Autobus durch ganz Europa " gekarrt" heute per Flug. Liebe Fluggegner, jetzt missgönnt bitte meinen Bekannten nicht auch noch ihre Familien Zusammenkünfte. Übrigens, alle die übers Wochenende nach Hause fliegen, arbeiten und wohnen legal hier in der Schweiz und bezahlen ihre Steuern.

    • Mäxxle am 12.03.2019 12:15 Report Diesen Beitrag melden

      Ich bin nicht grün

      Ich verurteile niemanden, der seine Familie sehen will, stelle mir aber die Frage, wieso wandert eine Person zum Arbeiten in ein fremdes Land aus und kehrt in kurzen regelmässigen Abständen nach Hause zurück. Mir geht einfach gegen den Strich, wenn Junge gegen die Klimaerwärmung demonstrieren aber bei Umfragen unter diesen Jungen lediglich 31% aufs Fliegen verzichten würden resp. Einschränkungen hinnehmen würden. Das ist inkonsequent. Wenn ich für eine Sache einstehe, dann zu 1000% mit allen Abstrichen. Alles Andere ist Rosinenpickerei.

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  • Werner Fricker am 26.02.2019 16:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur einmal geflogen...

    An einer Diskussion sprach sich eine Grüne vehement gegen das Fliegen aus. Im gemütlichen Teil sprach man locker über die letzten Ferien. Sie seien auf den Azoren gewesen, sagte die Grüne. Waren Sie mit dem Schiff unterwegs oder sind Sie geschwommen? Nein, geflogen. Also fliegen Sie doch? Ja wegen einmal. Nein zweimal. Sie sind. ja zurückgekehrt! Werner Fricker

  • liz am 26.02.2019 12:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wenig lohn

    zug ist zu teuer... nach amsterdam 10x soviel wie fliegen..