Zehn Jahre Schmerzen

12. September 2019 19:03; Akt: 12.09.2019 19:10 Print

«Beim Sex musste ich weinen»

von Zora Schaad - Jahrelang litt Sarah Kramer* (28) beim Sex höllische Qualen. Ihr Arzt und ihre Freunde nahmen die Beschwerden nicht ernst. Dank 20 Minuten geht es ihr heute besser.

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Mehr als zehn Jahre lang litt Sarah Kramer* (28) beim Sex mit ihrem Freund höllische Qualen. * Name geändert «Eigentlich war ich nur noch da, um den Trieb meines Freundes zu befriedigen. Ich habe zwar kein Geld genommen, aber ich fühlte mich wie eine Dienstleisterin, wie eine Prostituierte.» Weil Sarah Kramer trotzdem eine Beziehung haben wollte, biss sie die Zähne zusammen. Sarah Kramer durchlebte eine Odyssee und ging zu etlichen Ärzten. Weil die Vulväre Vestibulitis relativ unbekannt und ohne Mikroskop kaum zu erkennen ist, dauert es oft lange, bis die richtige Diagnose vorliegt. Erfolglose und lange Behandlungen sind keine Seltenheit. Auch am Inselspital in Bern konnte Sarah Kramer nicht geholfen werden. Sarah Kramer erhielt Salben und Psychopharmaka, um ihre Beschwerden zu lindern. Nichts von allem half.« Sex fühlte sich an, wie wenn man irgendwo eine entzündete Stelle hat und dort reinsticht. Der kleinste Druck schmerzt höllisch. Sogar einen Tampon einzuführen, tat unglaublich weh.» In einem Artikel von 20 Minuten las Sarah Kramer schliesslich über die Krankheit Vulväre Vestibulitis – und erkannte ihre Beschwerden sofort wieder. Martin Heubner, Chefarzt Gynäkologie am Kantonsspital Baden, schätzt, dass etwa 10 Prozent aller Frauen einmal im Leben daran leiden. Vulväre Vestibulitis ist eine chronische Hautveränderung am Scheideneingang und eine der häufigsten Ursachen für Schmerzen beim Geschlechtsverkehr bei Frauen im gebärfähigen Alter. Doch selbst Frauenärzte erkennen die Krankheit oft lange nicht. «Leider ist diese Erkrankung auch bei Ärzten wenig bekannt. Die Beschwerden werden oft zu Unrecht als ‹dauernde Infektionen› oder ‹Psychoproblem› abgetan», so Prof. Dr. med. Martin Heubner. Mit einer Operation könne vielen Patientinnen geholfen werden. Beim Eingriff wird die kranke Haut weggeschnitten und der Körper wird gezwungen, neue Haut zu bilden. Die Schmerzen, die Sarah Kramer mehr als zehn Jahre lang geplagt haben, sind weg. Allerdings hat die lange Leidenszeit Spuren hinterlassen: «Weil ich Narben habe, muss ich meinen Scheideneingang regelmässig eincremen und Übungen machen, um das Narbengewebe zu dehnen. Daneben leide ich an psychischen Folgen: einerseits, weil ich mit meinen Beschwerden von mehreren Ärzten nicht ernst genommen wurde. Andererseits gelingt es mir bis heute nicht, Nähe zu einem Mann zuzulassen. Eines Tages möchte ich gerne eine Familie haben, aber zurzeit ist eine Beziehung für mich noch unvorstellbar.»

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Fehler gesehen?

Sarah Kramer, wann haben Sie gemerkt, dass bei Ihnen etwas nicht stimmt?
Mit 16 erlebte ich mit meinem damaligen Freund mein erstes Mal. Es war sehr schmerzhaft, aber ich dachte, das liege am Reissen des Jungfernhäutchens oder an der ungewohnten Dehnung und sei normal. Doch es wurde nicht besser, und irgendwann fragte ich meine Mutter um Rat. Darauf ging ich zum Frauenarzt.

Der Ihnen aber nicht helfen konnte?
Mein Gynäkologe sah nichts bei der Untersuchung und gab mir eine Östrogensalbe. Als die Beschwerden nicht besserten, überwies er mich an eine Sexualpsychologin. Sie riet mir zu Beckenbodentraining und Entspannung sowie zum Kauf eines Dilatators. Mit diesem dildoförmigen Vaginaltrainer sollte ich meine Scheide dehnen. Damals war ich 17. Gebracht hat es nichts. Als ich wieder bei meinem Frauenarzt anklopfte, wurde er sauer und meinte, ich müsse mich mit diesen Schmerzen abfinden, das sei jetzt halt so. Dazu war ich in meinem Alter nicht bereit.

Wie ging es weiter?
Es folgten der Besuch bei einer Sexualphysiotherapeutin, bei einer weiteren Frauenärztin und im Frauenzentrum des Inselspitals in Bern. Dort verschrieben sie mir eine Salbe mit Capsaicin, das ist der Wirkstoff, der die Chilis scharf macht. Die Ärzte dort meinten, die Schmerzfasern an meinem Scheideneingang seien überempfindlich und müssten mit der brennenden Salbe abgetötet werden. Rückblickend eine haarsträubende Erklärung, aber damals war ich so verzweifelt, dass ich alles glauben wollte. Die Behandlung war eine Tortur. Schliesslich kam ich in ein Zentrum zur Schmerztherapie, wo mir Psychopharmaka verschrieben wurden, um die Schmerzerinnerung in meinem Gehirn zu löschen. Doch da der Schmerzreiz noch da war, machte Löschen für mich keinen Sinn. Das Rezept für das Antidepressivum habe ich umgehend in den Abfall geworfen und alle weiteren Termine am Schmerzzentrum abgesagt.

Sie hatten aber weiterhin Geschlechtsverkehr?
Zwischendurch war ich Single, aber wenn ich einen Freund hatte, schon. Meine Partner haben meine Beschwerden aber jeweils nicht wirklich interessiert, sie dachten, ich wolle einfach keinen Sex oder mich davor drücken. Ich habe kiloweise Gleitcreme benutzt, geholfen hat es nichts. Mit der Zeit habe ich einfach die Zähne zusammengebissen und es über mich ergehen lassen. Ich hätte die Wände hochgehen können und versuchte mit beruhigenden Atemtechniken, den Sex irgendwie zu überstehen. Eigentlich war ich nur noch da, um den Trieb meines Freundes zu befriedigen. Ich habe zwar kein Geld genommen, aber ich fühlte mich wie eine Dienstleisterin, wie eine Prostituierte. Weil ich trotzdem eine Beziehung haben wollte, habe ich durchgehalten.

Können Sie diesen Schmerz beschreiben?
Es fühlt sich an, wie wenn man irgendwo eine entzündete Stelle hat und dort reinsticht. Manchmal musste ich weinen beim Sex. Der kleinste Druck schmerzte höllisch. Sogar einen Tampon einzuführen, tat unglaublich weh.

Heute ist es besser?
Ja, und zwar dank euch! Ich habe in einem Artikel von 20 Minuten über die Krankheit Vulväre Vestibulitis gelesen und meine Beschwerden sofort wiedererkannt. Danach ging es sehr schnell: Ein Spezialist am Kantonsspital Baden stellte die Diagnose und operierte mich. Beim Eingriff wird die kranke Haut weggeschnitten und der Körper wird gezwungen, neue Haut zu bilden. Die Schmerzen, die mich mehr als zehn Jahre lang geplagt haben, sind weg.

Welche Folgen hinterlässt die Krankheit?
Weil ich Narben habe, muss ich meinen Scheideneingang regelmässig eincremen und Übungen machen, um das Narbengewebe zu dehnen. Daneben leide ich an psychischen Folgen: Einerseits, weil ich mit meinen Beschwerden von mehreren Ärzten nicht ernst genommen wurde – das schlägt sehr auf das Selbstbewusstsein eines jungen Mädchens. Ich hätte mir so sehr gewünscht, die Ärzte hätten besser reagiert! Andererseits gelingt es mir bis heute nicht, Nähe zu einem Mann zuzulassen. Eines Tages möchte ich gerne eine Familie haben, aber zurzeit ist eine Beziehung für mich noch unvorstellbar. Um alles zu verarbeiten, mache ich eine Traumatherapie.

Sie sprechen sehr offen über ein intimes Thema …
Vulväre Vestibulitis ist eigentlich gar nicht so selten, aber viele Ärzte haben keine Ahnung von der Krankheit. Das ist verheerend für die Betroffenen. Jede Frau, der dieser Leidensweg, den ich hatte, erspart wird, freut mich persönlich.

* Name von der Redaktion geändert

Vulväre Vestibulitis: Jede zehnte Frau betroffen

Vulväre Vestibulitis ist eine chronische Hautveränderung am Scheideneingang und eine der häufigsten Ursachen für Schmerzen beim Geschlechtsverkehr bei Frauen im gebärfähigen Alter. «Man schätzt, dass etwa 10 Prozent aller Frauen einmal im Leben daran leiden», sagt Martin Heubner, Chefarzt Gynäkologie am Kantonsspital Baden. «Leider ist diese Erkrankung auch bei Ärzten wenig bekannt. Die Beschwerden werden oft zu Unrecht als ‹dauernde Infektionen› oder ‹Psychoproblem› abgetan.» Erfolglose und lange Behandlungen wie bei Sarah Kramer* sind daher keine Seltenheit. Mit einer Operation kann vielen Patientinnen geholfen werden.