«Zu hoher Aufwand»

12. Juli 2018 06:49; Akt: 12.07.2018 08:32 Print

Beim eigenen Müll ist der Umweltschutz egal

Festivalgelände versinken nach dem Vergnügen im Müll. Sobald ein gewisser Aufwand betrieben werden müsse, verblasse das Umweltbewusstsein, so ein Experte.

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Das Drohnen-Video von Leser-Reporter Christian Tanner und seinem Sohn Marlon zeigt Müllberge, und haufenweise stehen gelassene Zelte auf dem Gelände des Openair Frauenfelds. Die eindrückliche Abfallansammlung sei ein «Abbild unserer heutigen Konsum- und Wegwerfgesellschaft», sagt Tanner.

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Die Bilder stehen in direktem Gegensatz zum vermeintlich gesteigerten Umweltbewusstsein in den letzten Jahren. In einer nichtrepräsentativen Umfrage von 20 Minuten im Mai sprachen sich etwa zwei Drittel der über 4000 Teilnehmer für ein Verbot von Einweg-Plastikverpackungen aus, Migros und Coop schafften vor zwei Jahren die Gratis-Plastiksäcke ab. Die EU will zudem Plastikröhrli und Plastikbesteck verbieten, was die Leute begrüssen. Umweltschutz ist also ein Dauerthema. Trotzdem wachsen die Müllberge.

Drohnenaufnahmen zeigen die Müllberge nach dem Openair Frauenfeld

Littering trotz Umweltbewusstsein?

Der Wirtschaftspsychologe Christian Fichter spricht von verschiedenen Gründen, die Littering trotz teils vorhandenem Umweltbewusstsein fördern. «Oftmals werden Regelverstösse von Einzelnen schnell von Nachahmern kopiert», sagt er. Innerhalb der sozialen Gruppen der Festivalgänger würden die individuellen Werte leicht zugunsten der kollektiven Normen verloren gehen, so Fichter. Zudem hätten die Menschen an Festivals durch Alkoholeinfluss und Schlaflosigkeit nur noch den Wunsch, nach Hause zu kommen, und das Umweltbewusstsein rücke in den Hintergrund. Fichter glaubt, dass es wirksam wäre, wenn am Festival auftretende Stars als Vorbild gegen Littering und für die Umwelt einstehen würden.

Gemäss dem Wirtschaftspsychologen ist es oft auch schlicht Bequemlichkeit, die zu Wegwerf-Verhalten verleitet. «Leute sind bis zu einem gewissen Punkt bereit, ihrem Umweltbewusstsein nachzugehen. Sobald dies jedoch mit einem zu hohen Aufwand verbunden ist, wird das Zelt schnell einfach mal liegen gelassen, und der Umweltgedanke ist zweitrangig.» Dass sich die Wegwerfkultur auch bei Kleidung oder Elektrogeräten festhält, begründet Fichter mit dem erhöhten Aufwand, den die korrekte Entsorgung jeweils mit sich bringt. Die Entsorgungswege seien noch nicht gleichermassen erleichtert wie jener für PET-Flaschen.

Kreative Strategien und strikte Abfalltrennung

Ein Festival, das weniger Abfall-Probleme als andere hat, ist das Paléo-Festival in Nyon. Die Pressechefin Michèle Müller nennt diverse Lösungswege, wie Littering entgegengewirkt werde. Besonders wichtig sei die Abfalltrennung. Während vor 15 Jahren bloss 22 Prozent des Abfalls getrennt worden seien, seien es 2017 schon 56 Prozent gewesen. Es gibt es auf dem Gelände sogar spezielle Abfallbehälter für das überschüssige Frittieröl der Imbissstände.

Weiter würden auf den Bühnen vor den Konzerten kreative Kurzfilme gezeigt, die vor dem Zu-Boden-Werfen von Zigarettenstummeln warnen. Müller sagt: «Zudem haben wir spezielle Aschenbecher, die zwei Einwurf-Löcher besitzen. Diese sind jeweils mit einem Namen einer bestimmten Band markiert. So kann man den Zigarettenstummel in das Loch mit dem Namen der präferierten Band werfen. Die Seite des Aschenbechers, die am Ende gefüllter ist, gewinnt.»

Umweltschonendes Verhalten durch Steuern

Die erfolgreichen Strategien der Paléo-Veranstalter legen nahe, dass Menschen kontinuierlich zu umweltschonendem Verhalten animiert werden müssen. Andreas Schaub vom Forschungsinstitut GFS Zürich spricht von einer Diskrepanz zwischen Bewusstsein und Verhalten: «Im Alltag, etwa beim Einkaufen oder Feiern, wenn Konsumenten seltener an die Umwelt denken, verhalten sie sich oft weniger umweltbewusst, als sie zu sein glauben.»

Umweltkatastrophen oder spezifische Gesetzeseinführungen erinnerten die Menschen daran, sich umweltbewusster aufzuführen. «Die Umwelt ist ein öffentliches Gut. Das heisst, Individuen haben einen Anreiz, die Pflege dieses Guts anderen zu überlassen», so der Soziologe Axel Franzen. Umweltbewusstes Konsumentenverhalten könne vom Staat gefördert werden, indem auf umweltschädigende Produkte wie Erdöl Steuern erhoben werden. Laut Franzen muss dies weltweit geschehen, damit das Trittbrettfahrerproblem umgangen und der übermässige Konsum nachhaltig gesenkt wird.

(jk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bruno am 12.07.2018 07:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schwarmintelligenz...

    ...nennt man das. Alles liegen lassen und sich danach für grüne und umweltschutz stark machen.

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  • Tschoertschi am 12.07.2018 07:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles egal

    Vielleicht hat das Ganze auch noch mit der Intelligenz der Festivalbesucher zu tun?

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  • Oliver S. am 12.07.2018 07:01 Report Diesen Beitrag melden

    Spiegel der Gesellschaft

    Es ist halt der Spiegel der Gesellschaft. Die Leute (sorry vorwiegend Jugendliche) wollen alles haben auch Umweltschutz. Doch man muss diesen auch Leben. Das sieht man auch in den Parks dass viel rumliegt anstelle 5 Meter weiter in den Abfallkübel zu schmeissen. Da bin ich wirklich enttäuscht....

Die neusten Leser-Kommentare

  • Andi am 13.07.2018 11:03 Report Diesen Beitrag melden

    überlst Büssen und Geld für Umweltschutz

    Man sollte das OpenAir Frauenfeld mit einer Millionen Busse beegen! Und das nächste Jahr ist deren Interesse Gross Ihr umweltverschmutzendes Publikum mit einer deftigen Gebür zu belegen.. Die eingenommenen Gelder sollen danach dem Umweltschutz zugute kommen.

  • ;) am 12.07.2018 21:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das Zauberwort

    Heisst "Konditionieren". Also das selbe wie bisher, aber halt irgendwie umgekehrt :D

  • Paul am 12.07.2018 20:58 Report Diesen Beitrag melden

    Ihr Heuchler

    Leider ist der Staat der das alles regulieren will und damit natürlich auch Geld verdienen will genau so schlimm. Die Leute sollen ja Konsumieren. Und wenn sie dann ihren billigschrott der unter widrigsten Bedingungen hergestellte wurde liegen lassen wundert ihr euch? Zuerst nehmt den Balken aus euren Augen und dann sieht zu wie ihr den Splitter im Auge eures Bruders entfern. Ihr Heuchler

    • Andi am 13.07.2018 11:05 Report Diesen Beitrag melden

      ausrede.. aber grob.

      Selbstverantwortung. Wettene ine Hileberg Zelt für 2000.- würde nicht liegen gelassen. sorry das ist übelst billigste Ausrede.. die lassen es liegen weil es billig ist. ja stimmt all den Schrott sollte verboten sein überhaupt verkaufen zu dürfen. nur damit die leute wieder Selbstverantwortung übernehmen.

    • s'Mimöseli am 13.07.2018 16:53 Report Diesen Beitrag melden

      Oberheuchler

      es braucht weder Balken noch Splitter, sondern bei der Erziehung mitgeteilt bekommen, dass man auch Billigschrott nach Gebrauch entsprechend entsorgen kann. Es ist alleine die Feigheit, in der grossen Masse anonym eine arrogante Bequemlichkeit ausleben zu können, aber zu Hause dann den Kindern beibringen wollen, wo das Deckeli und wo das leere Fläschchen hin sollte, sozusagen als Alibi Übung und fürs Gewissen.

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  • tom kisslig am 12.07.2018 20:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    alles umweltsünder

    an die umwelt denken die teilnehmer eh nicht, sonst würden sie erst gar nicht hin gehen. openairs und so sind pure umweltverschmutzung

    • Jugni am 12.07.2018 21:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @tom kisslig

      Und es so ist es.Open air ist für mich einen seich.Bin eh zu alt für den Mist!

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  • Trauriger Bürger am 12.07.2018 20:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bestrafen

    Tja.. 10mal so hohe Eintrittspreise verlangen und die Aufräumarbeiten sind bezahlt. Vielleicht nützt das ja was.. Aber auch an den Seeufern ist Littering ein übles Problem.. Aufklärung und hohe Bussen verteilen.. und diese jungen Litterer sollen unsere Zukunft sein.. wir sind verloren..)-;

    • Jugni am 12.07.2018 21:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Trauriger Bürger

      Das wäre mal was.Sofort damit umsetzen.Dann wird es vielleicht besser.Oder auch nicht.Kommt ganz darauf an wie der Mensch so tickt.Und ob der oder die das kleine Gehirn einschalten.

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