Crans-Montana

20. Februar 2019 09:19; Akt: 20.02.2019 11:07 Print

«Bergbahnen schätzten Lage komplett falsch ein»

von R. Lieberherr - Ein Insider erhebt schwere Vorwürfe gegen die Bahnbetreiber in Crans-Montana: Sie hätten das Lawinenunglück verhindern können.

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E. B.* (52), Sie waren am Dienstag als Skilehrer in Crans-Montana tätig, als die Lawine niederging. Wie haben Sie davon erfahren?
Ich war mit Kunden am Berg, als mich nach 15 Uhr ein Kollege anrief. Bei einem solchen Ereignis heisst es für uns: sofort helfen. Das gehört zum Job. Ich ging vor Ort. Da ich mein Barryvox (Lawinensuchgerät) nicht dabeihatte, begleitete ich dann mehrere Touristen, die unter Schock standen, ins Dorf.

Ihre Berufskollegen halfen bei der Vermisstensuche mit. Was haben sie erlebt?
Ich konnte erst mit zwei Kollegen sprechen. Einer davon hat einen Mann aus den Schneemassen herausgezogen. Der Mann hatte einen Herzstillstand, nach der Rettung musste er vor Ort wiederbelebt werden. Zudem hat dieser Kollege mitgeholfen, ein Kind und eine Frau aus der Lawine auszubuddeln und zu befreien. Er war ganz aufgewühlt und hat mir erzählt, er habe im Lawinenkegel noch ein blutiges Stirnband gefunden.

Sie sind seit Jahren hier Skilehrer …
Ja, mit Unterbrüchen fast 20 Jahre. Dass eine Lawine so auf die Piste donnert, hat es noch nie gegeben. Es hätte 20 bis 30 Tote geben können. Schon am Morgen habe ich gesehen, dass die Lawinengefahr an vielen Hängen akut war. Bis vor einer Woche war es bitterkalt und es gab Neuschnee en masse. Die letzten Tage wurde es aber so warm, dass Hangrutschungen zur Tagesordnung gehören. Die Bahnbetreiber waren viel zu naiv.

Inwiefern?
Die Bergbahnen haben die Situation komplett falsch eingeschätzt. Seit Tagen haben wir hier Temperaturen wie im Frühling (März/April). In dieser Zeit wird die Gondelbahn (auf den Plaine Morte, dort, wo es passiert ist) normalerweise zwischen 12 und 14 Uhr immer abgestellt, weil die Lawinensituation so prekär ist. Bei solchen Schneemengen und diesen Temperaturen wie gestern hätte man das unbedingt auch machen müssen.


Ein Video, das im Netz kursiert, zeigt, wie die Schneemassen auf die Piste donnern.

Warum wurde das gestern nicht gemacht?
Dafür gibt es keine Entschuldigung und es ist nicht nachvollziehbar. Die Gefahr hätte man sehen müssen, wenn man nur einen Funken Erfahrung hat. Einfach unverständlich: Denn die Sicherheitsleute hier sind eigentlich Vollprofis, arbeiten stets vorbildlich. Ich kann mir nur einen Grund vorstellen: Offenbar wollten die Bergbahnen aus wirtschaftlichen Gründen die Gondelbahn nicht abstellen. Zurzeit ist Hauptsaison in Crans-Montana: Hunderte Zürcher, Genfer und Pariser sind hier. Die wollte man wohl nicht vergraulen. Diese Gondel gehört zum Highlight des Gebiets – darum fürchteten sich wohl die Betreiber, diese an einem so tourismusstarken Tag anzuhalten.

Ist das im Frühling eher akzeptabel?
Im Frühling kann man die Gondel problemlos für ein bis zwei Stunden abstellen. Dann hat es kaum Leute auf den Pisten. Das Verhalten der Bergbahnen war fahrlässig. Vermutlich hätten sie das Unglück verhindern können.

Warum haben die erfahrenen Sicherheitsleute nicht interveniert?
Ich befürchte, die Chefetage der Bergbahnen hat nicht auf sie gehört. Vielleicht haben sie die Angestellten unter Druck gesetzt, sie überstimmt. Aber das ist nur eine Vermutung. Trotzdem muss man die Frage stellen, ob das Unglück nicht auf das Fehlverhalten der Bergbahn-Direktion zurückzuführen ist.

Wie gross ist die Chance, noch Überlebende im Lawinenkegel zu finden?
Für mich ist das aussichtslos. Es war eine Nassschneelawine, die hat eine unglaubliche Kraft. Der Schnee ist so schwer, wirkt wie eine Presse. Da werden Menschen innert Kürze schlicht erdrückt. Ein Freund von mir musste einmal ein totes Lawinenopfer bergen, dessen Körper aufgrund des Drucks etwa 2,5 Meter in die Länge gezogen wurde. Ein übler Anblick.

Bislang wurde ein Todesopfer geborgen …
Es hätten auch mehr sein können. Ein möglicher Grund für die tiefe Opferzahl ist vielleicht, dass Nassschneelawinen im Vergleich sehr langsam sind. So konnten sich vielleicht viele noch in Sicherheit bringen.

* E. B. ist Skilehrer in Crans-Montana.

*Name der Redaktion bekannt.