Schüler

04. Dezember 2019 12:19; Akt: 04.12.2019 15:08 Print

«Lehrer las aus Buch vor – gelernt habe ich nichts»

von B. Zanni - Sie mussten sich den Stoff selber beibringen oder die Schule wechseln: Leser hatten mit unengagierten oder gar entmutigenden Lehrern zu kämpfen.

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S. M. (22), Sachbearbeiter: «In der zweiten Sek erhielten wir einen neuen Bio- und Physiklehrer. Gelernt habe ich bei ihm nichts. Im Unterricht stand er vor der Klasse und las uns einfach mehrere Kapitel vor.» L. G. (17), Lernender: «Mein Lehrer hat mir den Glauben, aus mir etwas machen zu können, gestohlen.» L. M. (24), Pädagogik-Studentin: «In der 4. Primarschulklasse hatte ich einen Lehrer, der mich nur schikanierte. Er las jeweils meine Hausaufgaben der ganzen Klasse vor und stellte mich wegen der Fehler bloss.» Rund 100'600 Franken verdienen Schweizer Lehrer nach dem zehnten Anstellungsjahr im Schnitt, wie eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zeigt. Doch Forderungen nach einem umgekrempelten Schulsystem bringen die Toplöhne ins Wanken. «Ich bin dafür, dass Lehrer nach den Leistungen ihrer Schüler bezahlt werden. Ich bin sicher, sie kämen sehr schnell selbst auf die Idee, ihren Schülern das Lernen beizubringen», fordert der österreichische Buchautor Benjamin Hadrigan in seinem Buch «#Lernsieg». «Bessere Honorare für besonders engagierte Lehrer könnten ein Anreiz sein», sagt FDP-Nationalrat Andri Silberschmidt. Wie in allen Branchen gebe es auch in der Schule Personen, die ihren Job mit weniger Leidenschaft machten, sagt Silberschmidt. «Das kann sich dann auf die Schüler auswirken.» «Um Boni gerecht verteilen zu können, braucht es ein 360-Grad-Feedback», sagt Silberschmidt. Er schlägt vor, dass die Schulleitung in Zusammenarbeit mit neutralen Profis Unterricht und Didaktik, Unterrichtsmaterial sowie die Klassendurchschnitte analysiert. Auch für Fabian Camenisch, Mediensprecher der Union der Schülerorganisationen (USO), sind Anpassungen denkbar. Bessere Evaluationen des Unterrichts seien dringend nötig. «Man könnte sich allenfalls Bonuszahlungen für Lehrpersonen überlegen oder die Ergebnisse bei Vertragsverlängerungen berücksichtigen», sagt Camenisch. Ob eine Lehrperson gute oder schlechte Leistungen erbringt, hängt laut Camenisch am Ende aber von einer Kombination aus «Noten, Unterrichtsmaterialien und Unterricht» ab. Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz: «Wir haben auf Kanti- und Sekstufen in einigen Kantonen mit Leistungslöhnen bereits negative Erfahrungen gemacht. Dieses System scheiterte daran, dass man die Leistungen von Schülern nicht einfach aufgrund ihrer Noten oder ihres Notenschnitts messen kann. Schüler kann man nicht messen wie ein Produkt, das man produziert.»

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Lehrer-Boni sollen einen Anreiz bieten, damit sich Lehrpersonen mehr für den Erfolg ihrer Schüler engagieren. FDP-Nationalrat Andri Silberschmidt und ein Vertreter der Union der Schülerorganisation (USO) sympathisieren mit dieser Forderung. Rund 50 Prozent der Leser stufen ihren Lehrer als zu wenig engagiert oder unterstützend ein. Leser machen ihrem Frust Luft:

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L. G.* (17), Lernender: «Mein Lehrer hat mir den Glauben, aus mir etwas machen zu können, gestohlen. Als es in der Sek B um die Berufswahl ging, hatte ich ein Gespräch mit ihm und meiner Mutter. Der Lehrer fragte mich, was ich machen wolle. Ich erzählte ihm, dass ich später einmal gerne ein eigenes Unternehmen aufbauen würde.

Da antwortete er: ‹Ich sehe für deine Zukunft schwarz. Ich denke nicht, dass aus dir etwas wird.› Darauf fragte er, was ich denn einmal für ein Auto haben wolle – und beantwortete die Frage gleich selbst: ‹Einen BMW. Ich denke aber nicht, dass du jemals ein solches Auto fahren können wirst.›

Meine Mutter sass wortlos neben mir. Sie wusste, dass mein Lehrer einfach so ist. Ich bekam von ihm auch immer automatisch die Schuld, wenn es irgendwelche Schlägereien in der Schule gab. Dabei hatte er gar keinen Grund, mich so fertig zu machen. Ich hatte einen Notendurchschnitt von einer 4,5. Mit mir hat er es sich verspielt. Sehe ich ihn heute auf der Strasse, grüsse ich ihn nicht. Mein Ziel ist, ihm eines Tages beweisen zu können, dass ich es doch geschafft habe. Daran arbeite ich hart.»

«Wir brachten uns den Stoff gegenseitig bei»

S. M.* (22), Sachbearbeiter: «In der zweiten Sek erhielten wir einen neuen Bio- und Physiklehrer. Gelernt habe ich bei ihm nichts. Im Unterricht stand er vor der Klasse und las uns einfach mehrere Kapitel vor. Experimente machten wir im Unterricht nie. Hatte man eine Frage, sagte er: ‹Wenn es euch nicht passt, müsst ihr im Internet nachschauen.› Zum Glück hatte ich eine gute Clique, in der wir uns den Stoff gegenseitig beibrachten. Mit viel Lernen ausserhalb des Unterrichts schaffte ich es in den Naturwissenschaften auf eine 4 und in der Physik auf eine 4,5.

Hätte mein Lehrer mehr gemacht, als den Stoff einfach vorzulesen, hätte ich bestimmt bessere Noten geschrieben und auch mehr Freude an den Fächern gehabt. Denn gerade das Fach Physik lag mir eigentlich noch gut. Auch hätte ich die zusätzliche Lernzeit besser nutzen können.»

«Mein Lehrer stellte mich bloss»

L. M.* (24), Pädagogik-Studentin: «In der 4. Primarschulklasse hatte ich einen Lehrer, der mich nur schikanierte. Er las jeweils meine Hausaufgaben der ganzen Klasse vor und stellte mich wegen der Fehler bloss. Alle Kinder lachten mit. Irgendwann erledigte ich die Aufgaben zu Hause zwar noch, nahm sie aber aus Angst nicht mehr mit in die Schule. In der Folge rasselte mein Notendurchschnitt von einer 5 auf eine 3,5.

Unzählige Gespräche meiner Eltern mit dem Lehrer nützten nichts. Meine Mutter begleitete mich auch im Unterricht, um sein Verhalten zu beobachten. Dann liess sich der Lehrer aber natürlich nichts anmerken. Es half also nur noch ein Schulwechsel. Kaum war ich in der neuen Schule, ging es auch wieder bergauf: Ich hatte einen Schnitt von über einer 5. Ohne Probleme schaffte ich den Übertritt in die Sek A, obwohl mein vorheriger Lehrer der Meinung gewesen war, dass meine Leistungen einem Sek-C-Schüler entsprächen. Heute studiere ich Pädagogik und möchte gerne selber Lehrerin werden. Ein Grund dafür sind natürlich meine Erfahrungen: Es darf auch keinen Fall noch mehr Lehrer geben, die ihre Schüler kaputtmachen.»

«Er sagte, ich würde es nie ins Gymi schaffen»

Auch anderen Lesern machten Lehrer Fächer zur Hölle. Leser N. D.* (15) schreibt: «Ich wollte ins Gymi gehen. Ich hatte gute Noten und war auch schlau genug. Nur hat mein damaliger Klassenlehrer mir so oft gesagt, dass ich es nie schaffen würde. In der Folge verschwand meine Motivation und ich ging in die Sekundarschule. Jetzt mache ich eine Lehre als Tiefbauzeichner. Dennoch hat der Lehrer meine Motivation geklaut.»

Auch der Lehrer von Leserin T. G.* spornte nicht zum Lernen an. «Der Mathelehrer in der dritten Sek ‹erklärte› es einmal kurz an der Tafel. Hatte ich Fragen, wurden sie nicht beantwortet. Mir verleidete es so, dass ich das ganze Semester nur zeichnete. Das endete mit einer 2,5 im Zeugnis. Handwerkliche Lehrstellen bekam ich dadurch keine. Bin nun Fachfrau Behindertenbetreuung und total unglücklich.»

*Namen der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • T. Aebli am 04.12.2019 12:36 Report Diesen Beitrag melden

    Gute und schlechte Lehrer

    Ja, die Lehrer haben einen grossen Einfluss auf die Motivation der Kinder und ihre Lernbereitschaft. Aber nachdem wir jetzt Beispiele von schlechten Lehrern gesammelt haben, sollten wir auch welche von guten sammeln. Ich habe Wirtschaft studiert weil ich am Gymnasium einen super Wirtschaftslehrer gehabt habe und lese unglaublich gerne weil mein Deutschlehrer uns immer interessante Bücher gezeigt hat, welche wir dann diskutiert haben.

  • G.Graf am 04.12.2019 13:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Esgibt auch andere!

    Es wäre sehr fair, wenn Sie nun auch etwas über die sehr engagierte und motivierten Lehrerinnen und Lehrer bringen würden. Die gibt es nämlich auch..

  • Naja am 04.12.2019 12:28 Report Diesen Beitrag melden

    Schwarze Schafe gibt es überall

    ... jedoch die heutige Arbeitssituation dem früheren Lehrer in die Schuhe zu schieben, ist dann schon gar einfach.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • N.S. am 04.12.2019 15:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nicht gut genüg fürs Gymi

    Mein Lehrer riet mir immer wieder stark vom Gymi ab, ich sei nicht gut genug und werde es nicht schaffen, ich folgte seinem Rat und fing eine Lehre an. Ich habe im 1.Lehrjahr abgebrochen, die Gymiaufnahmeprüfung gemacht und bin jetzt mit guten Noten im Gymi, welches mir tausend mal besser gefällt...

  • A.T. am 04.12.2019 15:10 Report Diesen Beitrag melden

    So oder so.

    Hatte viele schlechte Lehrer in meiner Vergangenheit, doch Herr Hauser an der Schule Sihlfeld war eine Legende! Wir haben Museen besichtigt, Gruppenarbeiten und vieles mehr. Danach hatte ich nur noch welche die mich nicht fördern wollten. Vor allem den Berufswahl-"Spezialist" würde ich gerne wieder sehen.

  • power Frau am 04.12.2019 15:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stark bleiben

    Ich hatte einen Lehrer der hätte niemals Lehrer werden sollen und dann hatte ich auch eine Lehrerin die nicht nur Lehrerin,sondern auch eine enge Freundin wurde.Es gibt alles.Man sollte sich nie seine Ziele von jemandem zerstören lassen.Wenn jemand mich fertig machen will dann zeige ich ihm erstrecht das ich es kann.

  • Hs am 04.12.2019 15:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Oft so

    Der Lehrer hat mir den Glauben, etwas aus mir zumachen gestohlen? Was für ein Satz. Etwas aus sich zu machen, für das ist man selbst zuständig. Wenn man in eine Klasse schaut, ist mitmachen und aufpassen eher rar. Da läuft der Wettbewerb: "Wer hängt am unbeteiligtsten und coolsten im Stuhl."

  • Bjørn Ironside am 04.12.2019 14:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tragisch

    Wenn ich mir die heutigen Schüler so ansehe kann ich verstehen warum die Motivation sinkt. Die meisten Schüler können ja nichtmal mehr richtig reden.