Pestizid-Initiative

23. August 2018 19:09; Akt: 23.08.2018 19:09 Print

«Bundesrat setzt unsere Gesundheit aufs Spiel»

Kein Pestizid-Verbot und auch kein Gegenentwurf: Die Initianten werfen dem Bundesrat Untätigkeit im Kampf gegen das Insektensterben vor.

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Der Bundesrat empfiehlt die Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» ohne Gegenvorschlag zur Ablehnung. Er argumentiert, dass das Pestizid-Verbot die Land- und Ernährungswirtschaft mit gravierenden Einschränkungen konfrontieren, das Angebot und die Vielfalt an Lebensmitteln einschränken und zu einem höheren Einkaufstourismus führen würde. «Der Bundesrat verkennt die Wichtigkeit des Anliegens und setzt damit die Gesundheit der ganzen Schweizer Bevölkerung aufs Spiel», sagt Biologe Caspar Bijleveld. Es gehe nicht an, mit dem Pestizid-Verbot noch Jahrzehnte zu warten, oder ein solches gar nicht anzustreben. Auch der Weinbauer Jean-Denis Perrochet, der im Initiativkomitee «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» sitzt, kann die ablehnende Haltung des Bundesrates nicht verstehen. «Das Problem ist, dass die Bauern-Lobby sehr stark ist und zu viele Personen vom Subventionstropf abhängig sind», sagt Perrochet. «Wir haben uns an einen Lebensmittelüberschuss gewöhnt, der überhaupt nicht nachhaltig ist», sagt Perrochet. «Bis zu 30 Prozent der Lebensmittel werden weggeworfen, das ist doch nicht normal.» Gegner der Initiative loben den Bundesrat: «Bei einer allfälligen Annahme der Pestizid-Initiative dürfte die produzierte Menge an Lebensmitteln in der Schweiz deutlich zurückgehen», sagt Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbands. Die Diskussion um die Initiative sehe er allerdings als Chance, um zu erklären, wieso die Landwirtschaft auf Pflanzenschutzmittel angewiesen sei. «Beispielsweise Raps oder Zucker lassen sich nur schwer ohne chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel anbauen», sagt Ritter, der selber Biobauer ist.

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Der Bundesrat will den Einsatz von Glyphosat und ähnlichen Produkten auch weiterhin erlauben: In seiner am Mittwoch veröffentlichten Mitteilung empfiehlt er die Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» ohne Gegenvorschlag zur Ablehnung. Der Bundesrat argumentiert, dass das Pestizid-Verbot die Land- und Ernährungswirtschaft mit gravierenden Einschränkungen konfrontieren, das Angebot und die Vielfalt an Lebensmitteln einschränken und zu einem höheren Einkaufstourismus führen würde.

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«Der Bundesrat verkennt die Wichtigkeit des Anliegens und setzt damit die Gesundheit der ganzen Schweizer Bevölkerung aufs Spiel», sagt Caspar Bijleveld, Biologe und Papiliorama-Direktor. «Der Rückgang der Biodiversität und das Bienensterben haben den Leuten klargemacht, dass wir uns in einer Sackgasse befinden.» Daher werde die Initiative auch von Leuten des ganzen politischen Spektrums unterstützt – und auch von Bauern.

«Spiel mit dem Feuer»

Es gehe nicht an, mit dem Pestizid-Verbot noch Jahrzehnte zu warten, oder ein solches gar nicht anzustreben – wie es im bundesrätlichen Aktionsplan Pflanzenschutz vorgesehen sei. «Man priorisiert wirtschaftliche Interessen und ignoriert Warnhinweise en masse», sagt Bijleveld. «Das ist ein Spiel mit dem Feuer – um die Zukunft unserer Kinder», sagt Bijleveld.

Auch der Weinbauer Jean-Denis Perrochet, der im Initiativkomitee «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» sitzt, kann die ablehnende Haltung des Bundesrates nicht verstehen. «Das Problem ist, dass die Bauern-Lobby sehr stark ist und zu viele Personen vom Subventions-Tropf abhängig sind», sagt Perrochet. Das ambitiöse Vorhaben verlange aber auch von den Bauern ein Umdenken.

«Die landwirtschaftlichen Betriebe werden sicher kleiner werden, aber dafür umweltschonender produzieren», sagt Perrochet. Gemüse oder Früchte würden aber auch in Zukunft nicht zum Luxusprodukt, trotzdem werde sich die ganzjährige Verfügbarkeit von Lebensmitteln eventuell ändern. «Wir haben uns an einen Lebensmittelüberschuss gewöhnt, der überhaupt nicht nachhaltig ist», sagt Perrochet. «Bis zu 30 Prozent der Lebensmittel werden weggeworfen, das ist doch nicht normal.»

Wahlfreiheit werde eingeschränkt

Gegner der Initiative loben den Bundesrat: «Bei einer allfälligen Annahme der Pestizid-Initiative dürfte die produzierte Menge an Lebensmitteln in der Schweiz deutlich zurückgehen», sagt Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbands. Da ebenfalls nur Produkte in Bioqualität importiert werden dürften, würden die Preise entsprechend teurer werden. Nicht jeder sei bereit, bis zu 40 Prozent höhere Preise für Produkte in Bioqualität zu bezahlen. «Der Konsument wird seiner Wahlfreiheit beraubt.»

Derjenige, der es sich nicht leisten kann oder möchte, würde daher eher im Ausland einkaufen gehen. Seiner Meinung nach reiche der «Aktionsplan Pflanzenschutz» des Bundesrates aus, die Belastungen durch Pestizide zu minimieren: «51 Massnahmen haben zum Ziel, das Risiko durch Pflanzenschutzmittel um 50 Prozent zu reduzieren.»

Die Diskussion um die Initiative sehe er allerdings als Chance, um zu erklären, wieso die Landwirtschaft auf Pflanzenschutzmittel angewiesen sei. «Beispielsweise Raps oder Zuckerrüben lassen sich nur schwer ohne chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel anbauen», sagt Ritter, der selber Biobauer ist.

(dk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • hgidl am 23.08.2018 19:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aufwachen ....

    Der Bundesrat verpasst eine immense Chance für einen wegweisenden Entscheid! Das Wohl des Volkes sollte nach allgemeinem Verständnis zuoberst stehen! Der Bundesrat verpennt es leider völlig!

  • Céline Strahm am 23.08.2018 20:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verklagt den Bundesrat!

    Wenn ich als Büetzer Mist baue komme ich auch vor den Kadi. Soll bei Politiker und der Regierung auch gelten.

  • Ein Leser am 23.08.2018 19:24 Report Diesen Beitrag melden

    Es geht ums Geld

    Wenn die Geldgierigen merken, das sie nichts mehr zu futtern haben, aufgrund der Insekten. Erst dann werden sie einlenken aber dann ist es schon zu spät. Dann können wir es so machen wie in China wo jemand auf ein Baum klettert um die Blüten zu bestäuben.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Olli am 23.08.2018 22:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Poker?

    Mir scheint, unser Bundesrat setzt so einiges auf's Spiel. Unsere Gesundheit ist nur ein Beispiel von vielen...

  • Mike K. am 23.08.2018 21:37 Report Diesen Beitrag melden

    Pestiziede braucht es nicht!

    Es geht auch ohne Pestiziede! Aber es ist halt einfacher, und vor allem lukrativer für die Erträge der Landwirtschaft, sowie für diejenigen welche die Gifte herstellen, denn diese gehören mit zu den besten Steuerzahlern der Schweiz. Ich hoffe das Schweizer Volk lässt sich von den "Mächtigen" diesmal nicht einschüchtern, und entscheidet sich für eine lebenswerte Zukunft unser aller Kinder, ohne Pestiziede.

  • Jaho am 23.08.2018 21:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zurück zur Natur

    Mich würde interessieren, wieviel Pestizide ein normaler Bauernbetrieb mit Wiese und Getreide oder Obst benötigt. Bestimmt eine riesen Menge, wollen wir das wirklich? Diese Pestizide konsumieren wir wieder, mit dem Trinkwasser oder Obst und Gemüse! Besser keine, dafür halt nicht nur 1A, Früchte und Gemüse, Riesenauswahl, alles immer zur Verfügung, sondern wie es halt in der Natur wächst! Zurück zu einem Leben mit der Natur, krebsfrei, Tiere in der alten Vielfalt, das sollte unser langfristiges Ziel sein...

  • reiner heiser am 23.08.2018 21:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ja dem ist so

    es ist einfach so.. und das war schon einige male der fall.. es wird in einem riesigen ausmass ein insektizid verwendet.. früher zum beispiel lindan.. bis man gemerkt hat..,pures gift für alle.. missbildungen.. krebs.. parkinson.. andere krankheiten.. warum sollten andere insektizide einfach so harmlos sein..

  • Do Me am 23.08.2018 21:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer will kann ja BIO kaufen

    Diese Argument lasse ich nicht zählen. Insektensterben, vergiftete Gewässer usw. betreffen uns alle! Ich kann keinem verbieten vergiftete Nahrungsmittel zu konsumieren, doch kann ich mit der Unterstützung von Initiativen wie dieser wengstens dafür sorgen, dass die Natur zumindest in der Schweiz besser geschützt wird.