Besuch in Montagnola

29. August 2017 05:41; Akt: 29.08.2017 07:42 Print

«Cassis hat sich noch in keiner Beiz blicken lassen»

von Bettina Zanni - Bewohner im Dorf des Tessiner Bundesratskandidaten schimpfen, dass er sich nicht unter die Leute mische. Andere dagegen schwärmen von ihm.

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Dass der Tessiner FDP-Nationalrat Ignazio Cassis für den Sitz des abtretenden Bundesrats Didier Burkhalter nominiert wurde, passt den Gästen in der Osteria Donada in Montagnola nicht. Marco Wazzao: «Cassis ist einem Bundesrat nicht gewachsen.» Er verteidige nicht die Interessen der Tessiner. «Die italienischen Grenzgänger sind ihm total egal, dabei haben wir einen Haufen Arbeitslose.» Etwas abseits sitzt Sergio Luisoni. Schweigend verfolgt er die Diskussion. «Ich kenne Cassis vom Sehen, wenn er im Dorfzentrum vorbeigeht. Er wäre ein passender Bundesrat», findet Luisoni. FDP-Nationalrat Ignazio Cassis aus Montagnola wurde als Bundesratskandidat für den frei werdenden Sitz von Didier Burkhalter (FDP) nominiert. In Montagnola hat Ignazio Cassis mindestens so viele Freunde wie Feinde. Nadine Dalla Bona (41), Inhaberin des Coiffeursalons Ornella, schwärmt von ihm. «Ich lernte ihn als sehr menschliche Person kennen. Und genau solche Leute brauchen wir im Bundesrat.» Die Luzernerin zog vor 25 Jahren der Liebe wegen ins Tessin. Bald übernimmt sie den Coiffeursalon von Inhaberin Ornella Patricolo Fontana (rechts). Auch Giovanni Lucchini, Inhaber der Metzgerei Collina d'Oro, unterstützt Cassis. «Die Italiener sind schlau. Ein Bundesrat wie er könnte die gewissen Nuancen der italienischen Politiker und Behörden herauslesen.» In diesem Haus wohnt Ignazio Cassis. Im Moment versperrt eine Baustelle seine Aussicht. Mario Cameroni wohnt nur wenige Meter entfernt von Ignazio Cassis' weisser Villa. «Ich sehe ihn kaum. Er ist immer weg. Aber wenn ich ihm begegne, sehe ich eine strahlende Persönlichkeit. Er lächelt immer.» Nelftije Kurtaj, Verkäuferin im kleinen Supermarkt im Zentrum, hat den Bundesratskandidaten im Laden noch nie angetroffen. Dennoch hoffe sie, dass er den Sprung nach Bern schaffe. «Er ist sympathisch und nett und vor allem: er kommt aus Montagnola.» Das Zentrum von Montagnola besteht aus einem Park ... ... einer Post ... ... dem Schulzentrum ... ... einem grossen Parkplatz, ein paar Beizen und kleinen Läden. In der direkten Umgebung von Cassis' Haus reiht sich Villa an Villa. Ab und zu kurven edle Offroader in die Garagen. «Hier hat man keinen Kontakt zu den Nachbarn. Heute wohnen hier Russen, Chinesen und Deutsche. Auch wechseln sie ständig», sagt eine Bewohnerin. Viele Villen bieten einen direkten Blick auf den Luganersee. In dieser Gasse befinden sich vor allem Häuser von Touristen. Montagnola befindet sich hoch über Lugano.

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Alle schwatzen durcheinander. «Ist sein Vater überhaupt Schweizer? Das müsste man mal abklären», stichelt ein Gast. Einige Bewohner haben sich auf der Veranda der Osteria Donada im Herzen des Tessiner Dörfchens Montagnola oberhalb von Lugano zum Frühschoppen getroffen. Beim Namen ihres Dorfgenossen Ignazio Cassis gehen die Emotionen hoch. Es sei Zeit, dass ein Tessiner in Bern an die Macht komme, finden sie. Aber dass der Tessiner FDP-Nationalrat für den Sitz des abtretenden Bundesrats Didier Burkhalter nominiert wurde, passt ihnen nicht.

Umfrage
Soll sich ein Politiker unter die Leute mischen, um als Bundesrat infrage zu kommen?
69 %
9 %
20 %
2 %
Insgesamt 2463 Teilnehmer

Cassis mische sich nicht unter die Leute. «Er hat sich hier noch in keiner Beiz blicken lassen und noch nie mit jemandem von uns geredet», sagt A. L.* (56). Spöttisch fügt Rentnerin P. L.* (67) hinzu: «Er fährt nur in seinem Mercedes vorbei.» Auch sein Auftritt am 1. August im Nachbardorf Agra habe sie nicht überzeugt. Er habe eine Rede für ihn selbst gehalten, damit die Politik ihn wähle. Cassis sei keiner «von ihnen», sagt A. L. «Er ist ein reicher Mann, ihm geht es gut.» In der direkten Umgebung von Cassis' Haus reiht sich Villa an Villa. Ab und zu kurven edle Offroader in die Garagen.

Sehen Sie im Video Stimmen aus dem Dorf:

«Die Grenzgänger sind ihm egal»

Marco Wazzao (66) bricht mit seinem Hund zum Spazieren auf. Bevor er die Osteria verlässt, bekräftigt er: «Cassis ist einem Bundesrat nicht gewachsen.» Er verteidige nicht die Interessen der Tessiner. «Die italienischen Grenzgänger sind ihm total egal, dabei haben wir einen Haufen Arbeitslose.» Die anderen Gäste gehen mit ihm einig: «Gobbi wäre der Richtige gewesen.» Sie beklagen, dass das Parlament Norman Gobbi, Regierungsrat der Lega dei Ticinesi, 2015 «einfach abserviert» habe. «Dabei war er einer, der unsere Sorgen kennt. Er war mit den Leuten in Kontakt», betont P. L.* Es sei wichtig, dass sich ein Bundesrat unter die Leute mische, stimmen ihr die anderen Gäste zu.

Etwas abseits sitzt Sergio Luisoni. Schweigend verfolgt er die Diskussion. «Ich kenne Cassis vom Sehen, wenn er im Dorfzentrum vorbeigeht. Er wäre ein passender Bundesrat», findet Luisoni. Der Polizist sieht für das Tessin nur Vorteile. «Er könnte unsere Probleme direkt im Bundesrat platzieren.» Werde jetzt nicht Cassis Bundesrat, werde es in den nächsten 30 Jahren auch kein anderer Tessiner richten.

«Menschlich, besonnen, pragmatisch»

In Montagnola hat Cassis aber mindestens so viele Freunde wie Feinde. Nadine Dalla Bona (41), Inhaberin des Coiffeursalons Ornella, schwärmt von ihm. Im Salon, in dem sie vorher arbeitete, liess sich Cassis die Haare schneiden. «Er ist ein fröhlicher, aufgestellter, angenehmer und einfacher Mensch», erzählt die Luzernerin, die vor 25 Jahren der Liebe wegen ins Tessin zog. Cassis habe bei seinen Besuchen über Gott und die Welt geplaudert. Für Dalla Bona ist klar, warum er der ideale Bundesrat wäre. «Ich lernte ihn als sehr menschliche Person kennen. Und genau solche Leute brauchen wir im Bundesrat.»

Auch Giovanni Lucchini, Inhaber der Macelleria Collina d’Oro, unterstützt Cassis. «Ich denke, dass Ignazio Cassis bei den Leuten gern gesehen ist», sagt der Metzger. Er habe ihn an diversen öffentlichen Veranstaltungen im Tessin gesehen und einen guten Eindruck gemacht. «Er ist dynamisch, besonnen und pragmatisch und weiss, was die Tessiner beschäftigt.» Auch traue er ihm zu, dem Problem mit den italienischen Grenzgängern mit Härte zu begegnen. «Die Italiener sind schlau. Ein Bundesrat wie er könnte die gewissen Nuancen der italienischen Politiker und Behörden herauslesen.»

Mario Cameroni (73) wohnt nur wenige Meter entfernt von Ignazio Cassis' weisser Villa. «Ich sehe ihn kaum. Er ist immer weg. Aber wenn ich ihm begegne, sehe ich eine strahlende Persönlichkeit. Er lächelt immer.» Der pensionierte Bankangestellte schätzt Cassis durch die Informationen aus den Zeitungen und Fernsehen als fähig für das Amt als Bundesrat ein. «Er weiss, was er tut.»

*Initialen der Redaktion bekannt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • M.M. am 29.08.2017 06:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine Lakaien...

    Es sollten keine Personen in den BR gewählt werden die vorallem irgendeiner Interressengemeinschaft dienen. Cassis ist ein Lakaie der Krankenkassen. Er hat NULL Interesse das der Prämienzahler weniger Prämien bezahlt. Eins und eins gibt Zwei....

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  • Scorpione am 29.08.2017 06:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nein danke

    Würde ihn so odere so nicht wählen diesen Krankenkassen-Hai.

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  • Klärer am 29.08.2017 06:49 Report Diesen Beitrag melden

    Lobbyismus

    Bin ich der einzige, der glaubt, dass dieser cassis schon lange ausgewählt wurde und jetzt einfach dem wahlvieh verkauft werden muss? Lasst die daumen sprechen..

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Wältel am 29.08.2017 14:49 Report Diesen Beitrag melden

    Warum nur?

    Welcher Bundesrat ausser Herr Maurer kann denn noch ohne Schutz sich bewegen und warum nicht? Ja denkt mal nach warum. Cassis wird nicht für das Fussvolk sein.

  • Kassandra am 29.08.2017 11:17 Report Diesen Beitrag melden

    Ein normaler Reicher im Tessin

    Im Tessin habe ich dies an vielen Orten gesehen, wie sich die "etwas" Reicheren und die wirklich Reichen von der normalen Bevölkerung abgrenzen. Gerade rund um Locarno & Lugano, z.B. Comano, wunderschöner Fleck: Wirkt wie ein normales Dorf, wird aber fast nur von Millionären bewohnt. Da wohnt der CEO neben dem anderen CEO und dem Verwaltungsrat von XY und die bekommt man nur zu "Gesicht", wenn sie im Luxuswagen wegfahren. Wenn man nun einen von diesen zum BR machen möchte, dann wird das auch passieren, egal wessen Lakai er ist oder welches Fähnchen er gerade schwenkt...

  • ichmöchtdebescht am 29.08.2017 11:11 Report Diesen Beitrag melden

    Karin Keller-Suter

    Ach ewig diese Diskussion wegen der Sprach und Regionenzugehörigkeit! Die besten Kandidatin wäre wohl Frau Karin Keller-Suter und das sage ich ohne der FDP nahe zu stehen. Ich möchte einfach fähige Leute haben, die wieder für das Volk politisieren.

  • PascalK2015 am 29.08.2017 10:41 Report Diesen Beitrag melden

    Wie man die Leute überzeugen kann.

    Er hat so ein schönes Lächeln, ja und darum soll er ohne wenn und aber Bundesrat werden. Respekt, wenn einem dies schon reicht. Mir würde mal ein Bundesratkanditat gefallen der nicht viel Geld hat. Einer der krampfen muss, einer der halt nicht so ein schönes Lächeln hat. Einer der weiss wie hart es ist. Immer kommen reiche zum Zuge, fällt das eigentlich keinem auf? Ergo bist du reich, darfst du Bundesrat werden. Keine Partei würde mal einen armen Kandidaten vorschlagen.

  • Reto am 29.08.2017 10:39 Report Diesen Beitrag melden

    Wozu sollte er das tun

    Wieso sollte er in Beizen im Dorf herumhocken? Und dann müsste er ja auch noch in alle Beizen gehen, weil sonst sofort das Genörgel los geht wieso er in der aber nicht in der anderen war. Und wieso sollte er überhaupt in diesem Dorf irgend etwas tun. Er ist als Bundesratskandidat unterwegs und deshalb für die ganze Schweiz. Das Dorf hat überhaupt gar nichts damit zu tun.