Flüchtlingsmütter

27. Juli 2017 14:00; Akt: 08.08.2017 17:45 Print

«Dann landen sie in der Sozialhilfe-Falle»

von D. Pomper - Die Zahl der Flüchtlingsbabys aus Eritrea hat sich innert zehn Jahren verdoppelt. Die Gründe und die Folgen.

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Die Zahl der Geburten im Asylbereich hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Gab es im Jahr 2007 1086 Geburten, waren es mit 3153 Geburten im Jahr 2016 fast dreimal so viele. Am meisten Kinder gebaren seit Anfang Jahr Asylbewerberinnen aus Eritrea (611), gefolgt von Frauen aus Syrien (247), Afghanistan (134) und Somalia (92). Die Geburten eritreischer Flüchtlingsbabys nimmt stetig zu. Sie hat sich zwischen 2008 (119) bis 2016 (1326) mehr als verzehnfacht. Die Anzahl eritreischer Asylbewerber hat sich im gleichen Zeitraum weniger als verdoppelt (2008: 16606; 2016: 27207). Die in der Schweiz geborenen Kinder von Asylbewerbern erhalten den gleichen Status wie ihre Eltern. Im Bild: Junge Eritreer demonstrieren für die Rücknahme der Praxisverschärfung gegenüber eritreischen Flühchtlingen in Bern. Müssen Flüchtlinge nach dem Willen des Staatssekretariat für Migration SEM nach Eritrea zurückkehren, droht ihnen Bestrafung und Einberufung in den zeitlich unlimitierten Nationaldienst. Weder die Kinder noch ihre Eltern haben laut dem Staatssekretariat für Migration in der Schweiz einen Vorteil, nur weil die Geburt in der Schweiz erfolgt ist: «Die Geburt hat keinen Einfluss auf das Asylverfahren», sagt Projektleiter Idil Abdulle. «Wenn junge Asylbewerber Kinder bekommen, dann kann das für ihre Integration hinderlich sein», sagt Stefan Frey von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. Anstatt dass sie sich später um ihre Ausbildung und den Spracherwerb kümmern könnten, seien sie von der Erziehungsarbeit absorbiert. «Das Risiko ist hoch, dass diese jungen Eltern dauerhaft von der Sozialhilfe leben müssen.» SVP-Nationalrat Aeschi warnt ebenfalls: «Diese Kinder wachsen mit der Vorstellung auf, dass man einfach vom Staat leben kann. Das darf auf keinen Fall sein.» «Kinder, die ab Geburt in der Schweiz sind, haben die besten Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration», sagt Stefan Frey. Werden sie als Flüchtling anerkannt und hierzulande eingeschult, dann würden sie es mit Sicherheit weiter bringen als ihre Eltern.

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Die Zahl der Geburten im Asylbereich hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Gab es im Jahr 2007 1086 Geburten, waren es mit 3153 Geburten im Jahr 2016 fast dreimal so viele. Das entspricht 8,6 Geburten pro Tag. Das zeigen Zahlen der Asylstatistik des Staatssekretariats für Migration SEM. Am meisten Kinder gebaren seit Anfang Jahr Asylbewerberinnen aus Eritrea (611), gefolgt von Frauen aus Syrien (247), Afghanistan (134) und Somalia (92).

Was sind die Gründe dafür, dass insbesondere die Zahl eritreischer Flüchtlingsbabys so stark zunimmt?

Tatsächlich ist es gar nicht so einfach, die Gründe für die starke Zunahme zu eruieren. Folgende Punkte erklären das Phänomen zumindest teilweise.

1. Mehr und jüngere Asylbewerber: Die Zahl eritreischer Asylbewerber stieg bis 2016 – allerdings nicht so stark wie die Zahl der Geburten. Der Bestand von Personen aus Eritrea im Asylprozess hat sich zwischen 2008 und 2016 von 3956 auf 15’261 knapp vervierfacht.* Allerdings lässt sich eine strukturelle Veränderung feststellen: Zwischen 2010 und 2015 nahm der Anteil der unter 30-jährigen Asylbewerber aus Eritrea um bis zu 11 Prozent zu. Der Frauenanteil dagegen ist über die letzten Jahre relativ stabil geblieben (2010: 50%; 2016: 43%).

2. Pokern auf erleichtertes Verfahren? Im Januar hat das Bundesverwaltungsgericht entschieden, dass die illegale Ausreise aus Eritrea allein nicht mehr ausreicht, um in der Schweiz Asyl zu erhalten. Das heisst: Für Personen, die geflohen sind, bevor sie für den Nationaldienst antreten mussten, dürfte es in Zukunft schwieriger werden, in der Schweiz Asyl zu erhalten. SVP-Nationalrat Thomas Aeschi glaubt deshalb: «Einige Eritreer erhoffen sich, mit einem Kind ihre Chancen zu erhöhen, als Schutzbedürftige zu gelten und nicht zurückgeschickt zu werden.» Stefan Frey von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe dagegen bezweifelt, dass die Leute auf ein erleichtertes Verfahren spekulieren. «Sie sind gut informiert und wissen, dass es keinen Säuglingsbonus gibt.» Weder die Kinder noch ihre Eltern haben laut dem Staatssekretariat für Migration in der Schweiz einen Vorteil, nur weil die Geburt in der Schweiz erfolgt ist: «Die Kinder haben den gleichen Status wie ihre Eltern. Für diese hat die Geburt eines Kindes keinen Einfluss auf ihr Asylverfahren», sagt Projektleiter Idil Abdulle.


Was bedeuten mehr Flüchtlingskinder für die Schweiz?

1. Sozialhilfe-Falle droht: «Wenn junge Asylbewerber Kinder bekommen, dann kann das für ihre Integration hinderlich sein», sagt Stefan Frey von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. Anstatt dass sie sich später um ihre Ausbildung und den Spracherwerb kümmern könnten, seien sie von der Erziehungsarbeit absorbiert. «Das Risiko ist hoch, dass diese jungen Eltern dauerhaft von der Sozialhilfe leben müssen.» SVP-Nationalrat Aeschi warnt ebenfalls: «Diese Kinder wachsen mit der Vorstellung auf, dass man einfach vom Staat leben kann. Das darf auf keinen Fall sein.» Tatsächlich hat sich die Zahl der Sozialhilfeempfänger zwischen 2010 und 2015 auf 20’130 verdoppelt. Über die Hälfte davon stammte aus Eritrea.

2. Gut integrierte Flüchtlingskinder: «Kinder, die ab Geburt in der Schweiz sind, haben die besten Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration», sagt Frey. Werden sie als Flüchtling anerkannt und hierzulande eingeschult, dann würden sie es mit Sicherheit weiter bringen als ihre Eltern.


Was soll man tun?

1. Aufklärung und Integration: Stefan Frey plädiert dafür, die jungen Asylbewerber frühzeitig darauf hinzuweisen, sie sollten zuerst eine Ausbildung absolvieren, bevor sie eine Familie gründen. «Auf alle Fälle sollte das Integrationssystem an die Elternschaft von Flüchtlingen angepasst sein, und zwar im allgemeinen Interesse.»

2. Umgehend ausschaffen: Für Thomas Aeschi ist klar: «Es landen tausende Migranten bei uns, bei denen es sich nicht um echte, sondern um Wirtschaftsflüchtlinge handelt.» Diese dürften gar nicht erst ins Land reingelassen werden, andernfalls müssten sie umgehend ausgeschafft werden. «Viele Menschen aus afrikanischen Ländern wollen nach Europa, weil sie sich ein besseres Leben erhoffen. Diesen Anreiz müssen wir stoppen.»

*Korrigendum vom 8. August 2017: Im Artikel «Eritreische Flüchtlinge gebären 10-mal so viele Babys wie 2008» vom 27. Juli schrieb 20 Minuten, zwischen 2008 und 2016 habe sich die Anzahl eritreischer Asylbewerber knapp verdoppelt. Richtig ist: Der Bestand von Personen aus Eritrea im Asylprozess hat sich zwischen 2008 und 2016 von 3956 auf 15’261 knapp vervierfacht (Stichtag 31. Dezember 2008 und 20016).