Zugunglück

20. Februar 2015 13:50; Akt: 20.02.2015 15:34 Print

«Das ÖV-System kommt an seine Grenzen»

von V. Fehlmann/ D. Pomper - Erneut ist es in der Schweiz zu einem schweren Zugunglück gekommen. Die SBB müsse bei der Zugsicherheit aufrüsten, sagen Politiker.

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In Rafz ZH ist am Freitag ein Schnellzug mit einer S-Bahn kollidiert. Fünf Personen wurden verletzt, ein Lokführer schwer. Erst vergangenen August sprangen bei Tiefencastel GR wegen eines Erdrutsches drei Zugwagen aus den Schienen und stürzten einen Abhang hinunter. 2013 kam es in Neuhausen SH zu einem Zusammenstoss zwischen einem Regionalzug und einem Doppelstockzug, als ein Zugführer ein Rotlicht überfuhr. Ende Juli kollidierten in Granges-près-Marnand VD zwei Züge frontal miteinander. Es gab Dutzende Verletzte.

«Das ÖV-System kommt langsam an seine Grenzen. Die erhöhte Frequenz auf den Schienen ist eine riesige Herausforderung», sagt FDP-Nationalrat Beat Walti. Eigentlich sei unser Bahnsystem sicher. Trotzdem gebe es bei den Sicherungssystemen der Bahn Verbesserungspotenzial. «Der Faktor Mensch bleibt zwar immer ein Risiko, mit der Technik könnte man das Schienennetz aber deutlich sicherer machen», sagt der Verkehrspolitiker. Das ganze Netz maximal zu sichern, sei aus ökonomischer Sicht jedoch kaum zu bewältigen. Man müsse Prioritäten setzen und den Fokus auf besonders dicht befahrene Strecken und Anlagen richten.

«Grosse Verantwortung für Lokführer»

Peter Moor-Trevisan von der Gewerkschaft des Verkehrspersonals gibt zu bedenken: «Die Verantwortung für die Lokführer von S-Bahnen hat extrem zugenommen. Früher gab es noch einen Kondukteur und auch in kleineren Bahnhöfen Stationspersonal.» Jetzt aber müsste der Lokführer eigentlich drei Augenpaare haben. Deshalb müsste der Technikstandard umso besser sein.

Nur bemühe sich der Bund nicht gerade darum: «Nach den Zugunglücken in Neuhausen und Granges-près-Marnand hat die SBB zusätzliches Geld gefordert, um die neuste Generation bei der Signaltechnik schneller einzurichten. Der Bund aber hat nein gesagt.»

Moor räumt aber auch ein, dass die Schweiz über einen generell sehr hohen Technikstandard und hochgeschultes Personal verfüge. Aber in kaum einem anderen Land gebe es so ein dichtes Bahnnetz mit einem ebenso dichten Fahrplan. «Es besteht leider immer ein Restrisiko.»

«Sicherheit wichtiger als Pünktlichkeit»

Regula Rytz, Co-Präsidentin der Grünen, macht auf die Verdichtungsgrenzen aufmerksam: «Sind diese erreicht, muss die SBB die Bremse ziehen und klar sagen, wo ein Ausbau des Angebotes ohne zusätzliche Infrastruktur nicht mehr drinliegt.» Aus ihrer Sicht sei die Schweiz auf einzelnen Strecken nah an dieser Grenze. Jetzt sei es wichtig, dass die SBB bei der Technik und der Zugsicherheit weiter aufrüstet. «Die Sicherheit muss immer wichtiger sein als die Pünktlichkeit der Züge. Das hat absolute Priorität.»

Auch Pro Bahn Schweiz zeigt sich betroffen vom Unglück. Die Interessenvertretung wehrt sich aber dagegen, den Bahnverkehr generell als gefährlich einzustufen. «Trotz dieses Zwischenfalls sei einmal mehr darauf hingewiesen, dass Bahnfahren in der Schweiz nach wie vor sehr sicher ist», heisst es in einer Mitteilung.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Stephan Baumann am 20.02.2015 13:58 Report Diesen Beitrag melden

    Politiker

    Bevor die Ursache des Unglücks bekannt ist, wissen die Politiker schon was zu tun ist.... Dampfplauderer

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  • Lokführer P.M. am 20.02.2015 14:05 Report Diesen Beitrag melden

    Planung vor Sicherheit

    Die Planung unserer Vorgesetzten ist falsch! Früher durfte ein Lokführer ein viel grösseres Einzugsgebiet befahren. Heute darf ein Lokführer noch ein Bruchteil des SBB Netzes befahren und sieht jeden Tag die gleiche Strecke und fähr zu exakt den gleichen Zeiten von Bahnhof zu Bahnhof! Jeden Tag stand das Signal auf Grün wirklich jeden, heute war es doch auch grün oder? Vielen dank der öden Routine! Da hilft jedes ETCS Level nichts!

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  • Snuups Bernhardiner am 20.02.2015 13:58 Report Diesen Beitrag melden

    ETCS Level 1 LS

    ETCS Level 1 LS ist im Aufbau. Man kann das leider nicht herbeizaubern.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Bruno Drixl am 23.02.2015 15:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aussen Top, innen innen innen Flop

    Unfälle wird es wohl immer geben. Es sollten Köpfe Rollen. Es kann doch nicht sein , dass die Systeme so versagen und den Zug nicht recht erkennen und keine Bremse einleiten. Und das hat man gewusst. Im weiteren ist Führerstand auch nicht sicher. Im Vergleich zu anderen, Arbeitsplätze, werden keine Gurten getragen. Keinen Notzugang für die Rettung von dem Lokführer. Das bei dem harmlosen Zustand der Lok, die Bergung so schwer war, müsste nicht nicht sein. Da sollte man über die Bücher gehen

  • S.Oliver am 22.02.2015 16:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das ist jetzt ein Scherz oder!

    Hab gemeint der Unfall sei an einem,wie von der SBB gesagt wurde, modernsten Strecken Abschnitt passiert?!?. Was bringt es dann noch mehr Geld zu investieren, wenn der modernste Abschnitt gefährlich ist?.

  • Damian Edektiv am 22.02.2015 11:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch Wir haben Schuld

    Das Problem: mehr Züge in kürzeren Zeitabständen. Und da muss nur mal ein Fahrgast das Gefühl haben, den Zug warten zu lassen, damit sein verspäteter Kollege noch auf den Zug springen kann.. 2-3 minuten an dieser Haltestelle.. 2-3 minuten an der anderen.. Und schon haben wir eine Verspätung von 4-6 Minuten.. Bei manchen Gleisen kommen die Züge in 6 Minutenabständen.. Die Gefahr liegt auf der Hand.. Plötzlich müssen bei 10 Zügen innert kürzester Zeit die Ampeln umgestellt und Routenlinie verändert werden..

  • Michael Schnyder am 22.02.2015 02:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ähm...

    Zum Video: der Zugführer kann nichts dafür, wenn der Lokführer ein rotes Signal überfährt...

  • L. Ustiger am 22.02.2015 01:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frage an Radio Bern:

    Dann dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis es auf der "Hochgeschwindigkeitsstrecke" Rothrist - Mattstetten kracht?