Aufstand der Landwirte

14. Februar 2020 04:58; Akt: 14.02.2020 04:58 Print

«Bauern werden als ‹Giftspritzer› beleidigt»

Schweizer Bauern mussten in den letzten Monaten viel Kritik aus der Bevölkerung einstecken. Laut den Bauern liegt das an fehlendem Wissen.

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Pestizid-Rückstände im Trinkwasser, Insektensterben oder Kritik an der Tierhaltung und am Einsatz von Antibiotika: Den Schweizer Bauern weht derzeit ein rauer Wind entgegen. Mehrere Volksinitiativen wollen die Landwirtschaft umkrempeln. Zwei Volksbegehren richten sich gegen den Einsatz von künstlichen Pflanzenschutzmitteln. Die Massentierhaltungsinitiative verlangt Bio-Standards bei der Haltung für alle Betriebe.

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Wird den Bauern der schwarze Peter zugeschoben?

Bei den Bauern selbst sitzt der Frust über die gekippte Stimmung tief – sie werden gar angefeindet: «Bei mir haben sich schon mehrmals Landwirte gemeldet, die angepöbelt wurden, weil sie Pflanzenschutzmittel ausbringen», sagt Bauernpräsident Markus Ritter. Das seien wüste Sachen gewesen, man habe sie beleidigt oder ihnen den Vogel gezeigt. «Mir als Bauernpräsident tut das sehr weh.» Bauern würden nicht mehr nur als Subventionsprofiteure an den Pranger gestellt. Das Bauern-Bashing sei in Mode gekommen. «Die Landwirte werden per se als Hauptverursacher vieler Probleme abgestempelt – zu Unrecht.»

Bauern als Giftverspritzer beleidigt

In weiten Teilen der Bevölkerung fehle das Wissen, wie die Landwirtschaft in der Praxis funktioniere, sagt Ritter. Wieso man spritzen müsse, wie ein solcher Betrieb überhaupt funktioniere und wie das Rüebli jetzt vom Boden auf den Teller komme. «Die meisten Leute leben heute weit weg vom Land und kennen die Abläufe nicht mehr.» Und im Supermarkt würden sie trotzdem nicht den Apfel mit dem schwarzen Flecken auswählen.

Hört man sich bei weiteren Bauern um, tönt es gleich: «Im Moment wird die ganze Landwirtschaft beschimpft und beleidigt. Das muss aufhören», sagt auch Bäuerin Christine Fahrni (48). «Der Bauer wird beschuldigt, das Wasser, die Umwelt und das Klima zu verpesten und den Boden zu zerstören.» Man befinde sich dauernd in einer Verteidigungsposition. «Ich höre es von meinen Kollegen – wenn die mit einer Feldspritze unterwegs sind, gleicht ihre Arbeit einem Spiessrutenlauf», sagt Fahrni.

«Auch in der Bio-Landwirtschaft spritzt man»

Viele hätten das Gefühl, es befinde sich hochgiftiges Spritzmittel drin, auch wenn man mit biologisch abbaubarem Pflanzenschutzmittel unterwegs sei. Die Bauern würden als «Giftverspritzer» beleidigt. «Das Problem ist, dass die Leute einen nicht ansprechen. So kann man sich nicht erklären», sagt Fahrni.

«99 Prozent der Bauern machen jeden Tag einen super Job und sorgen für gesunde Lebensmittel und für unser Kulturland», sagt Fahrni. Den Konsumenten werde vermittelt, dass die Lebensmittel pestizidfrei produziert werden können, ohne Einbussen in der Produktion oder Qualität hinzunehmen. «Das ist aber nicht so, auch in der Bio-Landwirtschaft spritzt man – einfach mit Spritzmitteln natürlichen Ursprungs.»

«Werbung zieht an der Realität vorbei»

Man habe es in der Vergangenheit verpasst, dem Konsumenten ein realistisches Bild der Landwirtschaft zu vermitteln, sagt auch der Solothurner Landwirt Adrian Eberhard (30). «Die Werbungen im TV mit fünf glücklichen Kühen, zwei Schweinen und drei Hühnern zielen an der Praxis vorbei.» Das sehe er bei Gruppen, denen er bei Hofbesichtigungen seinen Hühnerstall zeigt. «Die meisten erschrecken im ersten Moment, wenn sie das erste Mal sehen, wie viele Hühner in einem praxisüblichen Betrieb gehalten werden.»

Dass die Bevölkerung in letzter Zeit immer stärker gegen Bauern schiesse, habe auch er beobachtet, sagt Eberhard. «Als Bauer steht man derart unter Druck, dass man sich gar nicht gegen alle Vorwürfe wehren kann.» Man fühle sich mit der Zeit persönlich angegriffen. «Es ist halt einfach, einer Minderheit den schwarzen Peter zuzuschieben.»

(dk/les)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • E Egger am 14.02.2020 07:05 Report Diesen Beitrag melden

    Tropfen auf den heissen Stein

    Als Imker unterstütze ich diese Richtung. Allerdings gehören erstens alle Pestizide für Private verboten. Wenn ich sehe was im Handel erhältlich ist, schockiert mich das mehr. Zweitens müsste die Politik den Import behandelter Güter verbieten. Dadurch würde unser Land Verantwortung übernehmen. Fakt ist leider, dass man einen Sündenbock braucht, aber selber nich bereit ist auf Billigware aus dem Ausland zu verzichten.

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  • Sm am 14.02.2020 07:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wasser

    Dennoch muss sich etwas ändern. Unser Wasser ist das wertvollste was wir haben.

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  • UND DIE INSEKTEN? am 14.02.2020 07:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ruth

    Warum gibt es fast keine Insekten mehr? Es nützt nichts zu leugnen dass der massive Missbrauch von Spritzmitteln in der Landwirtschaft nichts damit zu tun hat!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ruedi am 14.02.2020 08:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Payback / Erwartung

    Unsere Erwartung : Wer so viel Geld (Subventionen) kriegt , sollte sauber und verantwortungsvoll arbeiten.

  • Peter Keller am 14.02.2020 08:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ohne Pestizidde

    Wenn initiative Bauern einen Plastiktunnel (bewilligt) aufstellen, praktisch ohne Pestizide auskommen, müssen sie diesen wieder abreissen, ausgerechnet die Grünen haben dies im Kt, Aargau bewirkt. Hier versagt die Politik und nicht die Bauern.

  • S.R. am 14.02.2020 08:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht immer die Landwirtschaft

    Wenn die Landwirtschaft keine Pestizide einsetzt, schaffen wir es gar nicht unsere ganze Bevölkerung zu ernähren. Unser Wasser ist sehr gut und hat fast keine Rückstände. Die Bauern geben sich Mühe, so wenig wie möglich einzusetzen und versuchen die sehr giftigen zu vermeiden. Ein anderes Problem ist, man sollte eine Bewilligung haben um Pestizide zu kaufen. Im Handel bekommt es jeder. Ich weiss wie es ist und wieviele Haushälter, Hausabwarte, Gemeinden und Gärtner schnell vorbei kommen um Glyphosat zu kaufen, damit das Gras an der Strasse abstirbt. Es sind nicht immer nur did Bauern.....

  • Ruth am 14.02.2020 08:17 Report Diesen Beitrag melden

    Ritters Lobby

    Herr Ritter und Bauernverband gehen aber auch bei der kleinsten Regeländerung auf die Barrikaden. Das konnte nicht ewig gut gehen. Ein IP-Bauer.

  • Andrea Stillhart am 14.02.2020 08:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Preise werden teurer

    Anstatt Pestizidverbot wäre es doch sinnvoll, allen Konsumenten zu verbieten, pestizidbehandelte Lebensmittel zu kaufen. Dann wäre das Problem gelöst... Dann entscheiden die Bürger über sich selber und nicht nur über den bösen Landwirt...