Behörden warnen

31. Juli 2019 04:49; Akt: 31.07.2019 11:09 Print

«Das Fondsportal brachte mich um 80'000 Franken»

B. D. gab ihrem Anlageberater Zugriff auf ihren Laptop. Nun fehlen ihr 80'000 Franken. Die Behörden warnen vor ausländischen Anbietern.

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B. D. (36) wollte mit Fonds-Produkten Geld verdienen. Doch statt Gewinnen verlor die Mutter 80'000 Franken. Sie ist verzweifelt: «Ich weiss nicht, wie ich die Miete bezahlen soll», sagt sie. «Andere Menschen müssen vor diesen Machenschaften gewarnt werden.» Es gehe ihr so schlecht, dass sie mittlerweile in einer psychiatrischen Klinik sei.

Begonnen habe alles mit einer Tumordiagnose, die ihr Anfang Jahr gestellt worden sei, sagt D. Sie habe sich um ihren kleinen Sohn gesorgt, sollte sie sterben – und deshalb beschlossen, ihr Erspartes gewinnbringend anzulegen. In einer Zeitschrift sei sie auf ein Inserat des Anbieter Olympusmarkets.com gestossen.

Fingierte Website?

Die Handelsplattform, deren Betreiber auf der Südseeinsel Vanuatu sitzt und dessen Zahlungsverkehr über eine Marketing-Firma in Bulgarien abgewickelt wird, wirbt mit dem Slogan «Heben Sie ab». Angeboten werden sogenannte Differenzkontrakte (CFDs). Verkürzt gesprochen handelt es sich dabei um Spekulationen auf die Entwicklung einer Aktie, eines Aktienindex oder von Rohstoffpreisen.

Zunächst investierte D. 20'000 Franken. Ihr wurde von der Plattform der Spezialist F. Y. zur Seite gestellt. Als sich D. über den Fortschritt ihrer Investitionen erkundigen wollte, habe Y. sie aufgefordert, eine Software auf ihrem Laptop zu installieren, mit welcher der Betreuer auf den Laptop zugreifen konnte. Das entsprechende Mail liegt 20 Minuten vor. Y. habe ihr dann auf einer Website aufgezeigt, wie viel Profit sie schon gemacht habe. Heute vermutet D., dass es sich dabei um eine fingierte Website handelte.

«Wusste nichts von Überweisungen»

D. beendete die Software danach nicht unverzüglich. Zudem hatte sie gescannte Unterlagen ihrer Bank auf dem Laptop. Sie vermutet, dass sich Y. oder andere damit Zugang zu ihrer Kreditkarte und ihrem E-Banking verschafften. Denn einige Tage später erhielt D. vom Betreuer ihrer Schweizer Bank einen Anruf. Er fragte D., ob sie wissentlich mehrere Tausend Euro auf Konten in Osteuropa transferiere. D. traf der Schlag: «Davon hatte ich nichts gewusst», sagt sie. Sofort habe sie ihr E-Banking und das Portal ihrer Kreditkarte geöffnet. Das Ausmass des Schadens riss ihr den Boden unter den Füssen weg.

Zwischen Juni und Juli verzeichnen die Kontoauszüge von D. Zahlungen in der Höhe von insgesamt 80'000 Franken an die Plattform. Abgesehen von den ersten 20'000 Franken habe sie diese nicht selber in Auftrag gegeben, sagt D. «Ich wurde um mein Geld gebracht.»

Schlechte Noten für Portal

Im Internet finden sich Dutzende Erfahrungsberichte von Kunden, die mit der Plattform Olympusmarkets.com schlechte Erfahrungen machten. «Überweisen Sie kein Geld, sie bekommen es nie mehr», warnt ein Nutzer. Die Firma verweigere Auszahlungen, schreibt ein anderer Nutzer. «Geld ist weg, ohne je eine Transaktion durchgeführt zu haben», schreibt ein weiterer Nutzer.

Auf der Bewertungsplattform Trustpilot bewerten 83 Prozent das Portal mit der schlechtesten Note. Die deutsche Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht hat im April gegenüber der Next Trade Ltd, die hinter Olympusmarkets.com steht, die Einstellung des grenzüberschreitenden Einzelhandels angeordnet. Die Plattform handle in Deutschland unerlaubt. In diesem Zusammenhang warnten die deutschen Behörden vor «potenziell unseriösen Handelsplattformen» und dem «Verdacht der organisierten Kriminalität».

Keine Finma-Warnung

Auf der Warnliste der Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma findet sich Olympusmarkets.com nicht. Zu einzelnen Fällen äussere sich die Finma nicht, heisst es auf Anfrage. Man gehe Hinweisen nach und ergreife bei Bedarf und Möglichkeit Massnahmen.

D. hat mittlerweile bei der Kantonspolizei Thurgau Strafanzeige eingereicht. Das bestätigt Sprecher Andy Theler. Die Polizei habe Ermittlungen aufgenommen. «Vorerst geht es darum, weiteren Schaden zu verhindern und die relevanten Informationen zusammenzutragen.» Wenn Personen oder Firmen hohe Renditen versprechen, sei «höchste Vorsicht» geboten (siehe Box). Seit D. das Geld zurückfordert, werde sie zu allen Tages- und Nachtzeiten mit Anrufen aus der Firma von wechselnden Nummern überhäuft, sagt sie. Sie getraue sich nicht mehr, das Telefon abzunehmen.

«Sie hat selbst investiert»

Spezialist Y., der auf D.s Laptop Zugriff hatte, sieht die Sache allerdings anders. D. habe alle Einzahlungen selbst getätigt, schreibt er auf Anfrage. «Sie hat selbst investiert und selbst verloren. Da kann ich nichts tun, so ist der Markt.» Die Firma selbst liess eine Anfrage unbeantwortet.

Ganz überzeugt scheint aber selbst Olympusmarkets.com nicht von dieser Version. Immer wieder meldeten sich in den letzten Tagen Personen aus dem Umfeld der Firma bei D. Einige hätten ihr gedroht, sagt sie. Anders tönte es, als ihr am Montag Berater T. M. schrieb: «Ich gebe dir all meine Unterstützung und werde mein Bestes tun», verspricht er via Whatsapp. Doch das Geld bleibt verschwunden. «Ich hoffe, unsere Vermieter geben uns noch eine Chance», sagt D. «Sonst steht meine Familie bald auf der Strasse.»

(ehs)