Gewalt im Ausgang

04. Juni 2019 12:51; Akt: 04.06.2019 13:17 Print

«Das Messer hat mein Herz nur knapp verfehlt»

Philipp Borchhardt wurde bei einer hinterhältigen Messer-Attacke in Zürich schwer verletzt. Ein Experte sagt: Im Ausgang wird immer häufiger zum Messer gegriffen.

Bildstrecke im Grossformat »
«In der Nähe der Zürcher Langstrasse wurden ich und mein Kollege von drei Unbekannten angesprochen. Sie wollten uns Kokain verkaufen, doch ich antwortete ihnen, dass ich nichts von Drogen halte, erzählt Philipp Borchhardt (29). Dann sei alles schnell gegangen. Nachdem die Angreifer ihn mit den Fäusten geschlagen hätten, habe ihm einer von hinten ein Messer in den Rücken gerammt, erzählt der junge Mann. Im Spital stellte sich heraus, dass der linke Lungenflügel kollabiert war. Der Messerstich hatte die Herzklappe nur knapp verfehlt. Borchhardts Anzeige wegen schwerer Körperverletzung wurde fallen gelassen. «Daraufhin zeigte ich die drei wegen leichter Körperverletzung an, die Staatsanwaltschaft ordnete das Ganze schliesslich dem Tatbestand der Körperverletzung zu.» Für ihn als Opfer sei das milde Urteil die grösste Strafe, die er je erlebt habe. «Die Täter kamen besser davon als ich», sagt der junge Mann. Während 2014 noch 84 Fälle von Tötungsdelikten mit Schneid- oder Stichwaffen registriert wurden, waren es 2018 deren 109. Auch bei den schweren Körperverletzungen, die etwa mit einem Messer verübt wurden, zeigt sich eine leichte Zunahme. 2014 wurden schweizweit 94 solcher Taten verzeichnet, bis 2018 stieg die Zahl auf 107. (Symbolbild) Die Zunahme von Messerangriffen zeigt sich auch in der Praxis. «In den letzten paar Jahren haben wir festgestellt, dass zunehmend mehr Messer mit in den Ausgang genommen werden. In Situationen, in denen früher die Faust eingesetzt wurde, wird heute schneller zur Stichwaffe gegriffen», sagt Nino Graf, Inhaber des Sicherheitsunternehmens ISG AG. Laut Graf sind die Messerträger in der Regel gewaltbereiter als andere Clubbesucher. «Normalerweise wird die Stichwaffe bewusst eingesteckt, um auf eine mögliche Auseinandersetzung vorbereitet zu sein.» (Symbolbild) Auch Dirk Baier, Leiter Kriminalprävention an der ZHAW, sagt gegenüber dem «Tagesanzeiger», er beobachte schon länger, dass das Messer vor allem bei jüngeren Männern zu einer Art Lifestyleprodukt geworden sei. In Deutschland trage mittlerweile jeder Dritte eines bei sich. Einige Jahre nach der Messerattacke sagt Borchhardt heute: . «Zum Glück habe ich das Messer nicht gesehen. Ich glaube, das hätte mich psychisch sehr geschwächt. Nach dem Angriff blieben vor allem der Hass auf die Täter zurück und das Unverständnis, wieso jemand so etwas tut.»

Zum Thema
Fehler gesehen?

«In der Nähe der Zürcher Langstrasse wurden ich und mein Kollege von drei Unbekannten angesprochen. Sie wollten uns Kokain verkaufen, doch ich antwortete ihnen, dass ich nichts von Drogen halte», erzählt Philipp Borchhardt (29). Dann sei alles schnell gegangen. Die aggressiven Männer seien unverzüglich auf ihn losgegangen. Er habe sich nicht gewehrt, da er und sein Kollege in der Unterzahl gewesen seien und er so Schlimmeres verhindern wollte.

Umfrage
Wurden Sie auch schon mit einem Messer angegriffen?

«Während einer auf mich einschlug, hörte ich einen Knall in meinem Rückenbereich. Zuerst dachte ich, das sei ein weiterer Faustschlag», erinnert sich Borchhardt. Die Angreifer seien daraufhin weggelaufen und Borchhardt habe urplötzlich ein schmerzhaftes Stechen im Rücken wahrgenommen. Er habe festgestellt, dass sein Atem immer schwerer wurde. «Mein Kollege bemerkte, dass ich blutete und begriff, dass einer der Täter mir ein Messer in den Rücken gerammt hatte.» Bei einer nahegelegenen Bar hätten sie Hilfe geholt. Borchhardt wurde ins Spital gebracht.

«Die Täter wurden zu milde bestraft»

Dort stellte sich heraus, dass der linke Lungenflügel des jungen Mannes kollabiert war. Der Messerstich hatte die Herzkammer nur knapp verfehlt. Auch wenn der Vorfall nun einige Jahre zurückliegt, wird Borchhardt ihn nie mehr vergessen. «Zum Glück habe ich das Messer nicht gesehen. Ich glaube, das hätte mich psychisch sehr geschwächt. Zudem hatte ich eine Lederjacke an, welche die Wucht noch etwas dämpfte. Nach dem Angriff blieben vor allem der Hass auf die Täter zurück und das Unverständnis, wieso jemand so etwas tut.» Er und seine Kollegen seien zu diesem Zeitpunkt dabei gewesen, den Ausgang in Zürich erst kennen zu lernen.

Wie sich herausstellte, waren die Männer zum Tatzeitpunkt vorbestraft und durften am Tag des Angriffs auf Bewährung raus. Später in der besagten Nacht hätten sie weitere Delikte begangen, weiss Borchhardt. Seine Anzeige wegen schwerer Körperverletzung wurde fallengelassen. «Daraufhin zeigte ich die drei für leichte Körperverletzung an, die Staatsanwaltschaft ordnete das Ganze schliesslich dem Tatbestand der Körperverletzung zu.»

«Für mich als Opfer war das milde Urteil die grösste Strafe, die ich je erlebt habe. Die Täter kamen besser davon als ich», sagt der junge Mann. Er hätte nicht damit gerechnet, dass ihm hier so etwas zustossen würde. Bis heute schulden ihm die Angreifer für den ambulanten Aufenthalt sowie Gerichtskosten Geld.

Mehr Schwerverletzte durch Stichwaffen

Solche Messer-Attacken finden laut dem «Tages-Anzeiger» in Zürich seit einiger Zeit immer häufiger statt. Die Schweizer Kriminalstatistik stützt diese Feststellung für die ganze Schweiz. Während 2014 noch 84 Fälle von Tötungsdelikten mit Schneid- oder Stichwaffen registriert wurden, waren es 2018 deren 109. Auch bei den schweren Körperverletzungen, die etwa mit einem Messer verübt wurden, zeigt sich eine leichte Zunahme. 2014 wurden schweizweit 94 solcher Taten verzeichnet, bis 2018 stieg die Zahl auf 107.

Leichtsinniger Umgang mit Messer

Die Zunahme von Messerangriffen wird auch in der Praxis bemerkt. «In den letzten paar Jahren haben wir festgestellt, dass zunehmend mehr Messer mit in den Ausgang genommen werden. In Situationen, in denen früher die Faust eingesetzt wurde, wird heute schneller zur Stichwaffe gegriffen», sagt Nino Graf, Inhaber des Sicherheitsunternehmens ISG AG. Bei Kontrollen würden Türsteher immer mal wieder ein Messer konfiszieren. Sofern dieses nicht gegen das Waffengesetz verstosse, könnten Clubgänger ihr Messer nach der Party wieder abholen, andernfalls werde die Polizei hinzugezogen.

Laut Graf sind die Messerträger in der Regel gewaltbereiter als andere Clubbesucher. «Normalerweise wird die Stichwaffe bewusst eingesteckt, um auf eine mögliche Auseinandersetzung vorbereitet zu sein.»

Jeder dritte junge Deutsche hat ein Messer dabei

Es sei sehr wahrscheinlich, dass ein Messer oft zu leichtsinnig in den Ausgang mitgenommen werde: «Gerade Jugendlichen ist es wohl häufig nicht bewusst, dass der Einsatz eines Messers unter Umständen tödlich enden kann.» Präventive Arbeit, die über die Gefahr von Stichwaffen aufkläre, würde Graf deshalb begrüssen.

Auch Dirk Baier, Leiter Kriminalprävention an der ZHAW, sagt gegenüber dem «Tages-Anzeiger», er beobachte schon länger, dass das Messer vor allem bei jüngeren Männern zu einer Art Lifestyleprodukt geworden sei. In Deutschland trage mittlerweile jeder Dritte eines bei sich. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein junger Mensch eine Gewalttat begeht, sei doppelt so hoch, wenn er mit einem Messer unterwegs sei.

(jk)