Frauenschwingen

19. August 2019 11:51; Akt: 19.08.2019 15:41 Print

Mit Brunner Michelle legt man sich besser nicht an

von J. Käser - Das Eidgenössische Schwingfest versetzt die Schweiz in Ausnahmezustand. Doch wie läuft ein Frauenschwingfest ab? 20 Minuten hat eine Schwingerin begleitet.

Brunner Michelle im Portrait. (Video: Simona Ritter / pst)
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Sägemehl-Staub, feste Griffe und Edelweiss-Hemden: Das ist Schwingen – Frauenschwingen. Über 800 Zuschauer haben sich an diesem bewölkten Samstag in Uezwil AG versammelt, um rund 130 Frauen und Mädchen beim Ringen im Sägemehl zuzuschauen. Die Stimmung ist familiär, das Gelände überschaubar. Der Kontrast zu den Männern könnte nicht grösser sein. Deren Eidgenössisches Schwingfest versetzt die Schweiz alle drei Jahre in Ausnahmezustand: Riesige temporäre Arenen werden erbaut, die SBB organisiert Sonderzüge und ein Budget von 20 bis 30 Millionen Franken wird aufgebraucht, um ein gelungenes Fest zu stemmen.

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In Uezwil ist alles anders. «Jährlich gibt es zwischen fünf bis sieben Frauenschwingfeste, je nachdem, wie erfolgreich die Suche nach Organisatoren verläuft. Diese ist teils nicht so einfach. Noch immer wird Frauenschwingen nicht von allen akzeptiert», sagt Natalie Siffert, Sprecherin des Eidgenössischen Frauenschwingverbandes. Diesen gebe es seit 1992 und doch wüssten erstaunlich wenige Schweizer, dass auch Frauen ihren Nationalsport betreiben.

Frauen schwangen im Verborgenen

«Vor wenigen Jahrzehnten mussten Mädchen, die sich fürs Schwingen begeisterten, noch heimlich im Keller trainieren. Für viele Väter kam es unter keinen Umständen in Frage, ihre Töchter ins Sägemehl zu lassen. Deshalb übten die Frauen im Verborgenen», sagt Siffert. Das habe sich glücklicherweise geändert, Frauenschwingen finde in der Männerwelt zunehmend Beachtung. Mittlerweile komme es vor, dass Schwingerinnen mit den Männern zusammen trainieren könnten und dürften. «Jedes Jahr zählt unser Verband rund 10 bis 15 neue Mitglieder. Dieser Trend freut uns sehr.»

Während Natalie Siffert sagt, man würde sich schon mehr Zuschauer wünschen, ringen in drei verschiedenen Sägemehl-Kreisen kleine Mädchen miteinander. Blonde Zöpfe wirbeln durch die Luft, flinke Griffe werden geübt und am Ende gibts einen freundschaftlichen Händedruck. «Sie investieren viel in ihr Training. Die Wettkämpfe sind ebenso attraktiv wie jene der Männer, denn technisch stehen die Frauen diesen in Nichts mehr nach», berichtet Siffert. Einzig in der Schnellkraft hätten die Männer die Nase klar vor, doch das sei im Sport überall so.

Familiäre Stimmung wird geschätzt

«Frauen sind durchaus fürs Schwingen gemacht. Es braucht viel Training und vor allem viel Leidenschaft. Offensichtlich gibt es einige Mädchen, die Freude am Schwingsport haben, dann sollten sie diesen doch auch ausüben dürfen.» Eine junge Frau, der die Passion für den «Hoselupf» anzumerken ist, ist die 21-jährige Michelle Brunner – oder Brunner Michelle, wie man in Schwingerkreisen sagt. Der Schwingsport gebe ihr Selbstvertrauen und mache sie mutiger, erzählt sie 20 Minuten (siehe Video).

Stadien mit 56’000 Zuschauer wie am diesjährigen Eidgenössischen Schwingfest der Männer oder Preisgelder im Wert von rund 800’000 Franken fordern die Frauen nicht. Die familiäre Stimmung wird geschätzt und ist zu wertvoll, um sie aufzugeben. Doch mehr Sichtbarkeit fürs Frauenschwingen wünschen sich sowohl Siffert wie auch Brunner. «Und dass es nicht mehr so schwierig ist, überhaupt jemanden zu finden, der uns die Siegerinnen-Kränze sponsert», sagt Siffert.

Bittere Tränen und strahlende Siegerin

Punkto Regeln unterscheidet sich Frauenschwingen nur minimal vom männlichen «Hoselupf». Das Rad müsse ja schliesslich nicht neu erfunden werden, meint Siffert. Der grösste Unterschied ist die Jahreswertung. Schwingerkönigin wird nicht, wer das jährliche Eidgenössische Schwingfest gewinnt, sondern, wer über die ganze Saison die besten Resultate erzielt. An diesem Samstag, an dem am Nachmittag doch noch ein paar Regentropfen fallen, geht Brunner Michelle als Siegerin hervor.

Bei einem letzten Ringen, dem alle Zuschauer gebannt folgten, gelingt es ihr nach spannenden Minuten, ihre Gegnerin auf den Boden zu drücken. Die Emotionen sind deutlich spürbar, so fliessen bei der Bezwungenen sofort bittere Tränen. Michelle streicht ihr mit einer tröstenden Geste das Sägemehl vom Edelweiss-Hemd. Dann wird sie als Siegerin in die Luft gehoben. Nachdem ihr das Mikrofon gereicht wurde, bedankt sie sich bei jenen, die erst möglich machen, dass sie ihre grosse Leidenschaft in diesem Rahmen ausleben kann – denn das war als Frau lange nicht so selbstverständlich wie es heute in Uezwil scheint. Brunner Michelle strahlt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Eidgenossin am 19.08.2019 12:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Königin

    Herzlichen Glückwunsch zur Schwingerkönigin. Es schön, dass auch Frauen schwingen.

  • Heugümper am 19.08.2019 12:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sackstark

    Ja, die ist echt gut, kenne sie vom Hornussen, schade ist sie zu den Schwingerinnen gegangen

  • xMaMa am 19.08.2019 13:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sackstark!

    Einfach toll! Frau Brunner hat ihren ganz eigenen Charme und setzt sich lautlos & selbtbewusst über (Geschlechter)-Konventionen hinweg. Authentisch und charakterstark - das macht unglaublich attraktiv! Da können sich so einige etwas davon abschneiden. Ob Mann oder Frau.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Leo am 19.08.2019 20:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sieht fast so aus...

    Das erinnert mich - ohne beleidigen zu wollen - an Kampflesben.

  • Andy T. am 19.08.2019 20:15 Report Diesen Beitrag melden

    Oh holde Maid

    Mir gefällt es ehrlich gesagt besser, wenn Frauen Ballet tanzen.

  • Unwissend Peter am 19.08.2019 19:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer kennt die Antwort?

    Bin selber kein Schwinger/innen Kenner. Kann mir bitte jemand erklären warum immer der Nachname vor dem Vornamen genannt wird? Ich finde das komisch Danke vom Unwissend Peter

  • R. P am 19.08.2019 18:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jedem das seine

    Lasst doch jeden den Sport betreiben den er will und wenns euch nicht interessiert dann schauts euch nicht an oder lest es nicht. Allemal friedlicher als auf einem Fußballplatz

  • Berglädeli Rieden am 19.08.2019 18:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rieden SG

    Sie kommt auch vom schönest Ort der Schweiz Rieden SG