Putzkurse für Flüchtlinge

18. Februar 2016 11:54; Akt: 18.02.2016 11:54 Print

«Das machen bei uns die Frauen»

von Roland Schäfli - Die Heilsarmee bringt Migranten bei, wie man einen Haushalt schmeisst. Und dass man als Mieter immer den Wasserhahn zudrehen soll.

(Video: Camille Marlene Kündig)
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Zehn junge Männer pauken das kleine Einmaleins, wie man sich in der Schweiz die Mietwohnung sauber hält. Wie man die Waschmaschine benutzt. Den Abfall rausstellt. Vor allem aber: wie man den Abfall vorher trennt.

Die Berner Heilsarmee setzt sich seit 30 Jahren für die Integration ein. Seit seinerzeit die Tamilen kamen. Jetzt haben ihre Kurse im Lern-Punkt, dem Bildungszentrum der Heilsarmee, neue Schüler gefunden. Die Männer aus Sri Lanka, Eritrea und Somalia hören gebannt zu. Denn spätestens als Mieter in der Schweiz müssen sie wissen, was eine Hausordnung ist. Da sie als Asylsuchende bald den Sprung vom Heim in die erste eigene Wohnung machen, ist es dafür höchste Zeit. Eine Hausordnung, das erfahren sie von den beiden Schweizer Kursleiterinnen, das sei der Zettel mit den Regeln, den der Vermieter aufhängt, «zum Beispiel, dass man nach 22 Uhr keinen Lärm mehr machen soll.» Doch wie erklärt man das Wort «Lärm», wenn die Schüler wenig Deutsch verstehen? Zum Glück gibts Zeichnungen.

140 Franken kostet der Integrationskurs. Was in der Regel von den Migrationsbehörden am Wohnort übernommen wird. Die Teilnahme gilt zwar als freiwillig. Doch im Gespräch ist zu erfahren: Einige wurden von der zuständigen Behörde hergeschickt. Nicht, weil sie den Kurs nötig hätten. «Wir haben auch in Eritrea WCs», sagt einer der Männer grinsend zu 20 Minuten, als wir nachfragen, ob ihm eine WC-Ente wirklich unbekannt sei. Er stammt aus einem modernen Ort. Aber natürlich hat er nichts dagegen, hier mal die Gummihandschuhe überzustreifen. Und die Praxis zu vertiefen, die im Heimatland meist der Frau vorbehalten ist.

Abfalltrennung wird grossgeschrieben

Am heutigen Unterrichtstag steht Abfalltrennung ganz oben auf dem Lehrplan. Die Ausbildnerinnen sprechen langsam und deutlich. Und wiederholen. Bis auch der Letzte das neue Wort gelernt hat: Abfalltrennung. Das Unterrichtspult sieht aus, als habe ein Abfallsünder seinen Kehricht darauf ausgeleert. Damit übungshalber PET-Flaschen von Milchtüten getrennt werden können. «Wussten Sie, dass es Füchse gibt, die nachts in die Stadt kommen und Essen aus dem Abfall holen?» Das wussten die Schüler tatsächlich noch nicht. Was er denn mit Essensresten mache, fragt Kursleiterin Esther Zingrich, die hören möchte, dass Essen nicht in den Abfallsack gehört. Die Antwort des Eritreers kommt prompt: «Ich esse es morgen!» Und was tun die neuen Verbraucher in der Schweiz mit hartem Brot? «Ich koche es!», wirft jemand ein. Auch mit dieser Antwort scheint Zingrich nicht gerechnet zu haben. «Aha, ja, das ist auch eine Idee.»

An der Wandtafel wird eine Rechenaufgabe durchexerziert.
Ein Schweizer produziert 709 Kilo Abfall im Jahr, «wir sind Champions im Abfallproduzieren!» Den dunkelhäutigen Gesichtern ist anzusehen: Ironie überfordert ihre Deutschkenntnisse. Wenn von diesen 709 Kilogramm dann 356 Kilo recycelt werden – wie viel Abfall hat man dann? Jetzt ist zur Integration auch noch Subtrahieren gefragt.

Selbst der Abfall ist sauber

Nachmittags zeigen die Kursleiterinnen, wie man die Bettwäsche wechselt, die Dusche schrubbt. Ihre künftigen Vermieter werden es mit Parademietern zu tun bekommen. Und dann: Prüfung. Genau wie in der Schule: unerwartet. Die Asylsuchenden greifen in den Abfallsack, müssen ein Stück dem richtigen Recycling-Pfeil zuordnen. Fast immer liegen sie richtig. Nur beim zerschlissenen T-Shirt nicht. «Das gehört in die Wäsche!», behauptet einer. Die Kursleiterin widerspricht: Wenn es Löcher hat, könne es nur noch als Putzlumpen Verwendung finden – in der Schweiz.

Dafür bekommen die Absolventen ein Diplom. Es könnte bei der Wohnungssuche hilfreich sein. In der Schweiz ist sogar der Abfall sauber, dieses Fazit können die Teilnehmer am Ende des Kurstages ziehen. Denn die Abfallprodukte, die auf den Tisch geleert wurden, stammen ja nicht wirklich aus dem Kehricht. Sondern wurden für diesen Lehrgang herausgeputzt. Und werden nicht weggeworfen. Sondern fein säuberlich für den nächsten Kurs wieder eingepackt.