Konflikt in Nordsyrien

23. Oktober 2019 20:55; Akt: 24.10.2019 11:18 Print

«Das war ein Hilferuf, die UNO muss jetzt handeln»

Der Konflikt in Nordsyrien bringt Schweizer Kurden zum Verzweifeln. Dass sich ein Mann sogar anzünde, zeige die grosse Hilflosigkeit, sagt ein Kulturverein.

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«Das war ein Hilferuf, dass die UNO jetzt endlich für die Kurden handeln muss», sagt Ibrahim Halil Güçük, Präsident des Kurdischen Kulturvereins von Rapperswil-Jona im Kanton St. Gallen. Am Mittwochmorgen hinterliess der Konflikt auch in der Schweiz direkte Spuren: Ein Kurde aus Syrien und wohnhaft in Deutschland zündete sich vor dem Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) an. Laut Güçük herrscht unter den Kurden trotz der Waffenruhe eine grosse Unruhe. «Die grosse Ungewissheit lässt viele Kurden verzweifeln.» In der Schweiz ist die Solidarität mit den Kurden gross. Das Rojava-Komitee Bern ruft am 26. Oktober 2019 zu einer Demo «gegen den Angriffskrieg der Türkei in Nordsyrien» auf. Güçük betont, dass die Kurden in Nordsyrien mit Unterstützung der USA den IS erfolgreich bekämpften. «Ein paar Jahre lang herrschte dort Frieden. Der plötzliche Angriff der Türkei zerstörte aber alles. Viele Menschen kamen ums Leben. Die Frustration ist gross.» Zum Vorfall vom Mittwochmorgen zeigte sich die UNO tief betroffen. «Unsere Gedanken sind bei ihm und seiner Familie», sagte Sprecher Andrej Mahecic. Der Kurde habe versucht, in das Gebäude zu gelangen. Dieses war bereits geöffnet, Angestellte waren zu dem Zeitpunkt schon bei der Arbeit. Auch während der soeben beendeten Waffenruhe: In Tel Tamer, rund 40 Kilometer von der mittlerweile eroberten Stadt Sere Kaniye entfernt, brennen Reifen. Damit sollen türkische Drohnenangriffe erschwert werden. Ein in Sere Kaniye verletzter YPG-Kämpfer wurde während der Waffenpause nach Qamishli gebracht. Laut den von der Kurdenmiliz YPG angeführten Syrian Democratic Forces (SDF) ... ... sind mittlerweile alle syrisch-kurdischen Kämpfer aus der Stadt geholt worden. Sere Kaniye ist mittlerweile gefallen und die kurdische Bevölkerung geflohen, während ... ... von der Türkei unterstützte islamistische Kämpfer die Stadt eingenommen haben. Während der türkischen Offensive starben gemäss Amnesty International ... ... bislang über 200 Zivilsten im de facto autonomen Kurdengebiet Rojava, über 650 Personen wurden verletzt. Ankara gibt 18 getötete Zivilisten und 150 Verletzte auf der türkischen Seite der Grenze an (im Bild: syrische Kurden mit einem Konterfei ihres Volkshelden Abdullah Öcalan). Gemäss dem Kurdischen Roten Halbmond sind seit der Türkei-Offensive 200'000 Menschen in Nordsyrien auf der Flucht. Die Türkei will die Kantone Rojavas voneinander isolieren und über zwei Millionen syrisch-arabische Flüchtlinge aus der Türkei in das Gebiet umsiedeln. Doch wohin sollen dann die Millionen von Kurden, die während des Bürgerkrieges in diesen Kantonen Infrastruktur und Geschäfte aufgebaut haben?

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Trotz Waffenruhe attackierten in den letzten Tagen von der Türkei unterstützte islamistische Milizen in Nordsyrien weiterhin Kurden. Am Mittwochmorgen hinterliess der Konflikt auch in der Schweiz direkte Spuren: Ein Kurde aus Syrien und wohnhaft in Deutschland zündete sich vor dem Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) an.

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Kurden in der Schweiz sind schockiert. «Das war ein Hilferuf, dass die UNO jetzt endlich für die Kurden handeln muss», sagt Ibrahim Halil Güçük, Präsident des Kurdischen Kulturvereins von Rapperswil-Jona SG. Ein deutlicheres Zeichen, als sich selbst anzuzünden, könne ein verzweifelter Mensch nicht mehr setzen. «Wir erwarten, dass die UNO ihre Macht als Hüterin des Friedens ausübt.»

Ungewissheit lasse viele verzweifeln

Laut Güçük herrscht unter den Kurden trotz der Waffenruhe eine grosse Unruhe. «Die grosse Ungewissheit lässt viele Kurden verzweifeln.» Jeder Kurde fühle sich für die Kurden in Nordsyrien verantwortlich, könne aber nichts machen. «Wir fühlen uns von der Politik im Stich gelassen.»

Güçük betont, dass die Kurden in Nordsyrien mit Unterstützung der USA den IS erfolgreich bekämpften. «Ein paar Jahre lang herrschte dort Frieden. Der plötzliche Angriff der Türkei zerstörte aber alles. Viele Menschen kamen ums Leben. Die Frustration ist gross.»

Solidarität in der Schweiz

In der Schweiz ist die Solidarität mit den Kurden gross. Das Rojava-Komitee Bern ruft am 26. Oktober 2019 zu einer Demo «gegen den Angriffskrieg der Türkei in Nordsyrien» auf. Vom Bundesrat fordert das Komitee als erster Punkt, dass er alle Ressourcen für eine diplomatische Offensive einsetzt, damit die UNO einen sofortigen Waffenstillstand beschliesst und eine Flugverbotszone in Nordsyrien errichtet.

20 Minuten hat die Vereinten Nationen mit den Forderungen am Dienstag zu konfrontieren versucht. Bis Redaktionsschluss reagierte die Organisation nicht. Zum Vorfall vom Mittwochmorgen zeigte sie sich tief betroffen. «Unsere Gedanken sind bei ihm und seiner Familie», sagte Sprecher Andrej Mahecic. Der Kurde habe versucht, in das Gebäude zu gelangen. Dieses war bereits geöffnet, Angestellte waren zu dem Zeitpunkt schon bei der Arbeit.

(bz)