HIV-Prävention mit Pillen

15. Juli 2014 11:17; Akt: 15.07.2014 11:21 Print

«Das würde enorme Summen kosten»

von Marco Lüssi - Die WHO empfiehlt Schwulen, sich mit Medikamenten vor einer HIV-Ansteckung zu schützen. Infektiologe Pietro Vernazza sagt, andere Massnahmen seien günstiger und effizienter.

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Mit diesem Medikament kann man sich vor der Ansteckung mit dem HI-Virus schützen. (Bild: Keystone/Maurizio Gambarini)

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Herr Vernazza, was halten Sie von der neuen Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO, dass Männer, die Sex mit Männern haben, präventiv Medikamente nehmen sollten, um sich vor HIV-Ansteckungen zu schützen?
Pietro Vernazza: Die Empfehlung kann für andere Regionen der Welt sinnvoll sein. Für die Schweiz ist sie in mehrfacher Hinsicht problematisch. Das grösste Problem ist das Geld: Eine Therapie mit dem betreffenden Medikament kostet in der Schweiz pro Person und Jahr über 12'000 Franken. Es gibt in der Schweiz weit über 10'000 Männer, die regelmässig Sex mit Männern haben. Wenn man nur schon 5000 von ihnen behandeln würde, um sie vor HIV zu schützen, würde dies jährliche Kosten von 60 Millionen Franken verursachen. Für die Krankenkassen und die Allgemeinheit wäre dies eine enorme Summe.

Wären diese Kosten nicht gerechtfertigt, wenn dadurch zahlreiche Neuinfektionen verhindert werden könnten?
Die WHO geht davon aus, dass die präventive Einnahme solcher Medikamente die Zahl der Ansteckungen um 20 bis 25 Prozent verringern könnte. Wir haben es aber in der Schweiz mit anderen Massnahmen geschafft, von 2008 bis 2013 die Zahl der Neuinfektionen in dieser Gruppe um 50 Prozent zu verringern – und dies für viel weniger Geld, indem wir diese Männer mit Kampagnen gezielt angesprochen haben, sicheres Verhalten propagiert und Infektionen früher erkannt haben. Diese Massnahmen haben zudem im Gegensatz zu den HIV-Medikamenten den Vorteil, dass sie auch vor anderen Geschlechtskrankheiten schützen.

Wie gefährlich sind die Nebenwirkungen dieser Medikamente?
Es besteht ein Risiko für Schädigungen der Nieren und der Knochen. Die Frage, ob man gesunde Personen diesen Risiken aussetzen will, muss man sich sicher genau überlegen.

Gibt es Fälle, in denen Sie eine präventive Medikamenteneinnahme dennoch für sinnvoll halten?
Sicher gibt es einzelne Fälle, in denen dies sinnvoll ist. Etwa, wenn jemand genau weiss, dass er Sex ohne Kondom haben wird und sich schützen will. Solange er die Medikamente selber bezahlt, ist dagegen nichts einzuwenden. Eine flächendeckende und dauerhafte Behandlung, wie sie die WHO vorschlägt, ist jedoch für die Schweiz eine sehr kostenintensive und wenig effiziente Massnahme.

Wie erklären Sie es sich, dass die WHO diese Empfehlung trotzdem verbreitet?
Die Kosten fallen nicht überall so sehr ins Gewicht wie in der Schweiz: HIV-Medikamente sind in den Entwicklungsländern massiv günstiger als in der Schweiz und das Problem HIV möglicherweise grösser. Etwas, was hier 12'000 Franken kostet, gibt es dort vielleicht für 200 Dollar. Inwieweit auch Pharmainteressen die Entscheidung beeinflusst haben, kann ich nicht beurteilen. Sicher wird die WHO mit dieser Empfehlung auch an der Weltaidskonferenz, die demnächst in Melbourne stattfindet, eine Diskussion anregen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Victor Lazlo am 15.07.2014 12:57 Report Diesen Beitrag melden

    Diagnosen sind keine Neuansteckungen

    575 HIV Diagnosen im letzten Jahr. Spitzenreiter ist der Kanton Genf mit 15.1 Fälle auf 100'000 Einwohner. Während meiner Zeit als Spitalarzt wurden neue HIV Diagnosen überwiegend bei frisch zugezogenen Migranten gestellt. Das zeigt auch der "Spitzenreiter" Kanton Genf. Auf diesen grossen Anteil haben wir trotz immer neuen, mehr oder weniger orginellen HIV Kampagnen und Präventivmedis gar keinen Einfluss.

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  • Chris am 15.07.2014 11:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Begriffe

    Liebe Redaktion, bitte haltet endlich die Begriffe sauber auseinander. WHO spricht absichtlich von Männern die Sex mit Männern haben. Somit sind auch Bi-Männer angesprochen. Ich finde es fahrlässig, in den Artikeln, daraus immer die Schwulen zu machen!

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  • Veronika am 15.07.2014 20:07 Report Diesen Beitrag melden

    Irrsinn pur

    Wo kommen wir denn hin, wenn man für den Lebensstil anderer noch die Pillen bezahlen muss?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Enrico Schubert am 17.07.2014 22:44 Report Diesen Beitrag melden

    Pillen, die an anderer Stelle schaden

    stellt sich mir die Frage: Wer hat die tolle Pille "erfunden" und will nun damit kassieren? Steckt der "Erfinder" mit der WHO unter einer Decke? solche und ähnliche Fragen sind da für mich interessanter. Wenn es in der Schweiz machbar ist, ohne immense Kosten die Neuansteckung um 50% zu verringern, dann ist das auch woanders möglich.

  • iPhone5S Gold am 16.07.2014 22:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das ist mir egal

    Das ist meine Leben ich kann selber entscheiden ob ich schwul bin oder ned. Und ich kann selber entscheiden ob ich die HIV Pille esse oder ned. Ich hasse das wenn die Arzt, Eltern, Bundesrat u.s.w. Sagen wie ich leben muss und welche Pille ich nehmen muss. Ehrlich gesagt wenn es so weiter geht in der Schweiz dann müssen wir die Schweiz verlassen.

  • Geblockter Helfer am 15.07.2014 22:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Retroviren

    Ein Hemmer der reverse transscriptase ist das Emetinum hydrochloricum, das frueher gegen Amoebenruhr erfolgreich eingesetzt wurde. Und billigst. Habe dies der WHO mitgeteilt. Keine Antwort. Das Mittel wurde wegen Giftigkeit(?) verboten. Ein Schelm, der Schlechtes denkt. Ach ja, man muss wissen, dass Aids Viren retroviren sind, die genau o.g. "..ase" brauchen zur Vermehrung in den Zellen.

  • wissen ateu am 15.07.2014 20:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lol

    Haha wie geil. geld macherei für eine krankheit die gar nicht existiert.Im gegenteil sie werden nich kranker mit all den nebenwirkungen..so wird man fuer immer ein konzernkunde..wieso sagt niemand die wahrheit hier? alles nur propaganda pur!

  • Veronika am 15.07.2014 20:07 Report Diesen Beitrag melden

    Irrsinn pur

    Wo kommen wir denn hin, wenn man für den Lebensstil anderer noch die Pillen bezahlen muss?