Hitzewelle

23. Juli 2019 04:51; Akt: 23.07.2019 13:44 Print

«Komme durchgeschwitzt und völlig fertig an»

Die Pendler-Lobby Pro Bahn kritisiert die Klima-Regelung in Zügen harsch. Die SBB prüft nun, Wagen an Hitzetagen stärker zu kühlen.

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Von Pendlern habe man «viele» Reklamationen erhalten, es sei zu heiss in den Zügen, sagte Linus Looser, Leiter Bahnproduktion SBB, am Montag. Die SBB entschuldigte sich auch bereits für allfällige, durch Hitze verursachte Störungen oder Verspätungen. Dass die Reklamationen zu einem Umdenken bei der SBB führen, hofft auch Andreas Theiler, Mediensprecher der Berner Sektion von Pro Bahn. «Dass die SBB nur fünf Grad unter die Aussentemperatur kühlen will, ist total lächerlich.» Schliesslich bestehe ein Unterschied, ob man eine Stunde lang bei 30 Grad auf einer Bank im Freien sitze oder in abgestandener Luft in einem Zugabteil mit 50 weiteren Leuten. «Meiner Meinung nach ist das nicht tragbar.» 7200 Klimageräte seien in den SBB-Zügen momentan installiert, heisst es bei der SBB. 800 weitere sollen bis 2020 dazukommen. «Man muss sich die Frage stellen, ob das bei immer längeren und heisseren Sommern gut investiertes Geld ist», sagt Theiler. «Bei 35 Grad kommen die Klimaanlagen der SBB häufig an den Anschlag und fallen aus» Zahlreiche 20-Minuten-Leser stimmen ihm zu: «Entweder sind die Klimaanlagen ganz defekt, laufen nicht richtig oder sind falsch eingestellt. Auf jeden Fall kommt man durchgeschwitzt und völlig fertig an», schreibt etwa der User Martin. SBB-Sprecher Reto Schärli lässt die Kritik an der Instandhaltung der Klimaanlagen nicht gelten: «Die Klimaanlagen in den Zügen sind gut gewartete Industrieanlagen. Sonst wären nicht 97 Prozent der Klimaanlagen im Durchschnitt verfügbar.» Gleichzeitig räumt er ein: «Wir verstehen das Kundenbedürfnis an diesen ausserordentlichen Hitzetagen.» Deshalb prüfe die SBB intensiv, die Klimaanlagen technisch anzupassen, um eine noch stärkere Kühlung an Hitzetagen zu ermöglichen. Dabei würden auch die ökologischen und ökonomischen Aspekte mitberücksichtigt. «Eine technische Umrüstung würde aber sicherlich Vorlaufzeit brauchen und könnte, wenn überhaupt, erst nächsten Sommer gestartet werden», so Schärli.

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Man habe «nur wenige» Rückmeldungen zur Klimatisierung bekommen, hiess es noch vor rund einem Monat bei der SBB. Am Montag klang es vor den Medien anders: Von Pendlern habe man «viele» Reklamationen erhalten, es sei zu heiss in den Zügen, sagte Linus Looser, Leiter Bahnproduktion SBB. Das Feedback nehme man sich zu Herzen. Die SBB entschuldigte sich auch bereits für allfällige, durch Hitze verursachte Störungen oder Verspätungen.

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Wie stark sollen Bahn und Bus gekühlt werden?

Dass die Reklamationen zu einem Umdenken bei der SBB führen, hofft auch Andreas Theiler, Mediensprecher der Berner Sektion von Pro Bahn. «Dass die SBB nur fünf Grad unter die Aussentemperatur kühlen will, ist total lächerlich», sagt Theiler. Das sei ein Affront gegenüber jedem Pendler. Schliesslich bestehe ein Unterschied, ob man eine Stunde lang bei 30 Grad auf einer Bank im Freien sitze oder in abgestandener Luft in einem Zugabteil mit 50 weiteren Leuten. «Meiner Meinung nach ist das nicht tragbar.»

«Bei 35 Grad am Anschlag»

7200 Klimageräte seien in den SBB-Zügen momentan installiert, heisst es bei der SBB. 800 weitere sollen bis 2020 dazukommen. «Man muss sich die Frage stellen, ob das bei immer längeren und heisseren Sommern gut investiertes Geld ist», sagt Theiler. «Bei 35 Grad kommen die Klimaanlagen der SBB häufig an den Anschlag und fallen aus.» Die Instandhaltung der Geräte lasse teilweise auch zu wünschen übrig. «Wie bei der Gleisinfrastruktur läuft die SBB auch dort häufig am Limit – und hofft, dass es gut kommt.»

Zahlreiche 20-Minuten-Leser stimmen ihm zu: «Entweder sind die Klimaanlagen ganz defekt, laufen nicht richtig oder sind falsch eingestellt. Auf jeden Fall kommt man durchgeschwitzt und völlig fertig an», schreibt etwa der User Martin. Und auch Toni meint: «Baut Klimaanlagen ein, die etwas aushalten und nicht bei 30 Grad an die Leistungsgrenze kommen.»

Aufrüstung der Klimaanlagen?

SBB-Sprecher Reto Schärli lässt die Kritik an der Instandhaltung der Klimaanlagen nicht gelten: «Die Klimaanlagen in den Zügen sind gut gewartete Industrieanlagen. Sonst wären nicht 97 Prozent der Klimaanlagen im Durchschnitt verfügbar.» Gleichzeitig räumt er ein: «Wir verstehen das Kundenbedürfnis an diesen ausserordentlichen Hitzetagen.»

Deshalb prüfe die SBB intensiv, die Klimaanlagen technisch anzupassen, um eine noch stärkere Kühlung an Hitzetagen zu ermöglichen. Dabei würden auch die ökologischen und ökonomischen Aspekte mitberücksichtigt. «Eine technische Umrüstung würde aber sicherlich Vorlaufzeit brauchen und könnte, wenn überhaupt, erst nächsten Sommer gestartet werden.»

«Starker Energieverbrauch»

«An Hitzetagen ist die Klimaanlage besonders wichtig und darf nicht ausfallen», sagt auch Walter von Andrian, Chefredaktor der Schweizer-Eisenbahn-Revue: «Man darf aber nicht erwarten, dass die Klimaanlage bei extremen 35 Grad Aussentemperatur im Wagen auf 20 bis 25 Grad herunterkühlt.» Eine allzu grosse Differenz zwischen innen und aussen wäre für Fahrgäste und Personal gesundheitlich problematisch. Technisch wäre es im Fernverkehr vielleicht möglich, aber mit einem riesigen Energieverbrauch verbunden, so von Andrian.

Bei den S-Bahnen komme erschwerend hinzu, dass alle paar Minuten riesige Türen geöffnet würden. «Bei jedem Stopp strömt die heisse Luft ins Innere und die kühle Luft nach draussen.» Wirtschaftlich und umwelttechnisch gesehen würde das nur wenig Sinn machen, sagt von Andrian. Schliesslich müsse man sich damit einfach abfinden: «Wenn es draussen heiss ist, ist es drinnen weniger heiss, aber auch heiss.»

(dk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • SK Zürich am 23.07.2019 07:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Billige Ausreden der SBB

    Die zuständigen Leute bei der SBB sollten sich vielleicht mal Zeit nehmen und Städte wie Dubai Hongkong Bangkok oder Singapur besuchen. Dort funktioniert die Kühlung einwandfrei bei massiv tieferen Preisen des ÖV. Weiterer Kommentar überflüssig.

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  • Sehnsucht 6 7 am 23.07.2019 05:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stur

    Stures Verhalten seitens der SBB. Es ist bestimmt worden also wird es so gemacht. Der Service Public lässt immer mehr zu wünschen übrig während die Ticketpreise stetig steigen.

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  • Max König am 23.07.2019 06:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hmm...

    Die eingebauten Klimageräte haben viel Leistung, ca. 30kW pro Wagenende, also 2x30kW pro Wagen. Man WILL bzw. WOLLTE einfach nicht mehr kühlen. Möglich wär's problemlos! Habe bis heute nie verstanden, warum die SBB lieber von "Leistungsgrenze der Klimaanlagen" spricht, was einfach NICHT stimmt!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Mike am 23.07.2019 21:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Genau das Gegenteil!

    Ich komme frisch geduscht und dank Klima im Auto trocken ins Büro, dort angekommen werde ich innert Minuten zwischen 28 und 35 sous vide gegart, für volle 9 Stunden. Danke Chef!

  • Bona am 23.07.2019 20:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alternative

    War mit Frecciarossa in Italien unterwegs von Mailand nach Rom nur 68.-Euro in 3 Std. fahrt innen angenehme 21-23 grad draussen waren es bei 38grad. Bella Italia

  • ölbär am 23.07.2019 20:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Von wegen nicht machbar

    Die sollen sich mal ein Beispiel an dem Bahnverkehr in Tokyo nehmen. Trotz heisser und schwüler Aussentemperatur ist es dort machbar die Züge anständig herunter zu kühlen. Es gibt dort auch Waggons die weniger stark gekühlt werden und dann auch als solche angeschrieben sind. Die Züge verspäten sich dort übrigens auch so gut wie nie. Man muss aber dazu sagen dass die Türen immer so 30-50 sek offen sind und in dieser Zeit enorme Menschenmassen ein- und aussteigen... Ob das die Schweizer auch hinkriegen? habe da meine Zweifel...

  • Pirmin am 23.07.2019 20:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frechheit

    Gerade heute am späteren Nachmittag mit dem IC 5 Lausanne St. Gallen von Lausanne bis Olten gefahren. Fast alle Toiletten in der 2. Klasse geschlossen, für eine Fahrt fast durch die ganze Schweiz, und die Klimaanlage wurde nur sehr gering herunter gekühlt. Wenn man einen Kondikteur fragt, warum die Toiletten geschlossen seien und die Klimaanlage nur wenig gekühlt werde, kommen immer Standard Ausreden. Ich sagte ihm dass er ja auch nichts zu sagen hätte, aber dass von zuoberst am falschen Ort gespart werde, sei für sehr viele eine unzumutbare Frechheit. Der konnte mir tatsächlichen sagen, dass ich ein frecher Typ sei. Dann sagte ich ihm, es sei halt schwierig die Wahrheit zu ertragen. :-D Ist doch so.

  • V ZH am 23.07.2019 19:45 Report Diesen Beitrag melden

    Quatsch

    Die Herunterkühlung um 5 Grad macht absolut keinen Sinn. Am Morgen friert man, den Tag durch schwitzt man. Wie wäre es mit einer Tiefstgrenze (bei der es gar keine Abkühlung braucht) und Höchstgrenze (bei der die 5-Grad-Regel nicht mehr greift)?