Nati-Effekt

01. Juli 2014 08:14; Akt: 01.07.2014 09:45 Print

«Der Balkan wird plötzlich cool»

von J. Büchi - Alle Schweizer WM-Tore gehen bisher auf das Konto von Spielern mit Wurzeln im Balkan. Laut einem Experten könnte dies das Image ihrer Landsleute in der Schweiz massiv aufwerten.

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Granit Xhaka, Xherdan Shaqiri und Valon Behrami könnten den Balkan-Staaten in der Schweiz zu neuer Sympathie verhelfen. (Bild: Keystone/Walter Bieri)

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Er ist der Liebling der Nation: Xherdan Shaqiri hat die Schweiz mit seinem Hattrick gegen Honduras in den WM-Achtelfinal befördert. Derzeit strahlt er von jeder Plakatwand, hat in jedem Werbeblock seinen Auftritt. Ein Kosovo-Albaner als Superstar – das ist in der Schweiz alles andere als selbstverständlich. Bei der Frage nach den «sympathischsten Ausländern» belegten die Albaner/Kosovaren im Jugendbarometer 2010 des Forschungsinstituts GFS Bern den unrühmlichen letzten Platz.

Inzwischen haben sie in der Sympathieskala möglicherweise Boden gutgemacht: Denn nicht nur Shaqiri lässt derzeit die Herzen der Schweizer Fussballfans höherschlagen. Alle sieben Tore, die die Nati in der Gruppenphase der Fussball-Weltmeisterschaft geschossen hat, gehen auf das Konto von Spielern mit Wurzeln im Balkan (siehe Box).

«Albanischer Akzent plötzlich charmant»

Dies macht sich laut Ekin Yilmaz, Co-Präsidentin von Secondos Plus, bemerkbar: «Irgendetwas ist passiert. Plötzlich wissen die Leute, wie man Mehmedi schreibt.» Es störe niemanden mehr, wenn die Nati-Stars teils mit deutlichem Akzent Produkte bewerben – «im Gegenteil, viele Leute finden das nun charmant». Yilmaz wünscht sich, dass sich diese neugewonnene Akzeptanz auch auf das reale Leben überträgt.

Blerim Shabani, Journalist des albanisch-schweizerischen Newsportals Albinfo, sagt: «Es ist schön, wenn Spieler wie Shaqiri oder Xhaka der ganzen Schweiz Freude bereiten.» Er bestätigt, die Erfolge der Balkan-stämmigen Spieler machten die Albaner in der Schweiz nicht nur stolz, sondern weckten auch die Hoffnung auf mehr Akzeptanz in der Gesellschaft.

«Albaner sind die neuen Italiener»

Laut dem Basler Integrationsexperten und Stadtentwickler Thomas Kessler sind diese Hoffnungen begründet: «Die Albaner machen heute dieselbe Entwicklung durch wie die Italiener in den späten 70er-Jahren.» Damals seien die Immigranten aus dem Süden ebenfalls mit vielen negativen Klischees konfrontiert gewesen: «Sie galten als Frauenhelden, faul und kriminell.» Dass sich das geändert habe, sei unter anderem dem Weltmeistertitel der Italiener im Jahr 1982 zu verdanken.

Kessler erinnert sich: «Ich habe damals in Basel miterlebt, wie plötzlich viele Schweizer im Autocorso der Italiener mitfuhren und sich von ihrer Lebensfreude anstecken liessen.» Auf einen Schlag habe Italianità als cool gegolten, Restaurants mit italienischen Namen seien in Mode gekommen. «Auch der Balkan wird in der Schweiz bald hip sein», prognostiziert Kessler. So gälten Ferien in Albanien heute noch als Geheimtipp, würden wohl aber bald zum grossen Renner bei den Reiseveranstaltern. Kessler schätzt, dass sich das Image der Albaner in fünf bis zehn Jahren grundlegend gewandelt haben wird.

Kurzlebiger Hype?

Blerim Shabani hingegen befürchtet, dass der Hype bei der nächsten schlechten Leistung der Nati wieder abflaut. Zu fest seien gewisse Klischees in der Bevölkerung verankert. Kessler räumt ein, die erste, oberflächliche Euphorie werde wohl wieder verfliegen. Unterschwellig bleibe aber ein wichtiger Eindruck zurück: «Die Leute realisieren, dass sich nicht nur Shaqiri anstrengt in seinem Beruf, sondern auch viele seiner nicht-bekannten Landsleute.»

Schaffe die multikulturelle Truppe von Ottmar Hitzfeld am Dienstag gar die Sensation gegen Argentinien, würde dies laut Kessler zu einem regelrechten Integrationsschub führen: «Dann wären die Jungs aus dem Balkan Helden – niemand käme mehr an ihnen und ihrer Geschichte vorbei.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Renie am 01.07.2014 08:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja, der Trend...

    Und wenn ein dunkelhäutiger ein Tor schiesst wollen alle Schweizer ihre Wurzeln in Afrika haben! Gute, tiefgründige Trend Analyse!

  • M.K. am 01.07.2014 08:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    CH/KS

    Bin Albanerin und ich liebe die Schweiz! Ich liebe die Sauberkeit, liebe die wunderschönen Berge, liebe die Geregeltheit hier! Genauso liebe ich mein Herkunftsland, die Gastfreundlichkeit und den Familienzusammenhalt dort. Ich bin nicht der "Balkaner" wegen für die Nati, sondern weil es das Land ist in dem ich glücklich lebe. Ich wünschte, es gäbe mehr Verständnis für die Kulturen von beiden Seiten. Wir haben einen Planeten, statt gegeneinander sollten wir miteinander, es wäre so viel leichter und angenehmer für ALLE! Auch sollte man über sich selbst lachen können, nicht alles zu ernst nehmen!

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  • Debuchy am 01.07.2014 08:55 Report Diesen Beitrag melden

    Plötzlich ist die Schweiz cool

    Es ist andersrum: Plötzlich ist die Schweiz für die Secondos cool, dann nämlich, wenn sie mit ihr an eine WM können.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Benjamin G. am 01.07.2014 13:15 Report Diesen Beitrag melden

    Gemeinsam stark!

    Wir alle, Secondos oder Eidgenossen, leben in diesem einzigartigen Land, wo ein solches Zusammenleben möglich ist. Die Spieler kämpfen für das Land, in dem sie leben und welches sie lieben. Das ist eine Leistung aller gemeinsam, die solches nicht nur im Fussball erreicht haben. Wenn wir daran tagtäglich arbeiten, uns gegenseitig zu akzeptieren, enstehen genau solch grandiose Dinge! Wir sind das, was wir sind - gebürtige Schweizer oder Auslandsschweizer, wir leben alle zusammen, und solange das so gut klappt wie hier, ist das ein Sieg für alle!

  • KULT-Urbanause am 01.07.2014 12:53 Report Diesen Beitrag melden

    Komisch... dachte immer in der Nati

    ... dürfen nur Schweizer mitspielen ;-). Anyway... das Nachtleben von Beograd ist Phänomenal... aber was hat das mit uns zu tun?

  • Emini ABEL am 01.07.2014 11:52 Report Diesen Beitrag melden

    Albanische Identität

    Admir Mehmedi und Blerim Dzemaili sind Albaner genauso wie Xherdan,Granit und Valon. Admir und Blerimi sind keine Mazedonier sondern Albaner. Die Schweizer mögen uns deshalb nicht, weil wir auch nach 1000 Jahren unsere albanische Identität nicht aufgeben werden. Natürlich mag ich die Schweiz, die Schweiz ist mein Geburtsland und bin hier aufgewachsen. Jedoch, die albanische Fahne und die Albanergebiete auf dem Balkan sind immer im Herzen. Für diese Fahne nunmal pocht das Blut des Albaners, diese Fahne und dieses Volk hat viel durchgemacht in den letzten 1000 Jahren....

  • Leyla am 01.07.2014 11:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eifersucht

    Ich merke das viele Schweizer die ausländer den Erfolg nicht gönnen! Findet euch langsam damit ab das wir voeö mehr können als eure Büros zu putzen.

    • Marin Kolz am 05.07.2014 21:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Toll

      Ist wirklich toll, dass Ihr auch Fussball spielen könnt.

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  • Albanovich am 01.07.2014 11:06 Report Diesen Beitrag melden

    Albanischen Sie

    Ja du bist halt eben nur wirklich ein Schweizer wenn du ein Tor schiesst, deine Arbeit mit Überstunden erledigst und schön die Strassen putzt. Vielleicht bist du auch Schweizer wenn du im Pflegeheim den alten Schweizern hilfst. Und sonst? Ja nach Feierabend bist du wieder halt nur Albaner, wenn du das Tor nicht triffst bist auch nur Albaner und wenn du mal unverschuldet arbeitslos bist, bist du sowieso ein albanischer Schmarotzer der samt der ganzen Familie ausgeschafft gehört. In der Schweiz wirst du nur als "Schweizer" akzeptiert, wenn du ausgenutzt werden kannst oder Geld hast!

    • Marlis Klina am 05.07.2014 21:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Ja

      Genau wegen solchen wie Ihnen lieben wir Euch so.

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