Experten zum Hort-Verdacht

12. Februar 2019 09:56; Akt: 12.02.2019 09:56 Print

«Ein Mädchen ins Büro nehmen, das geht nicht»

Der Mitarbeiter eines Horts im Kanton Zürich soll viel Körperkontakt mit einem 12-jährigen Mädchen gehabt haben. Das geht gar nicht, finden Experten.

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Die Polizei ermittelt im Fall eines Hort-Betreuers in der Region Zürichsee, der einem 12-jährigen Mädchen wiederholt nahegekommen sein soll. Er soll das Kind aufgefordert haben, das T-Shirt auszuziehen. Ebenfalls sollte sie offenbar Turnübungen am Bauch des Betreuers machen. Zudem soll er das Mädchen wiederholt in sein Büro genommen und die Tür geschlossen haben. Diese Beobachtungen machte eine Betreuerin.

Für Pädagoge Daniel Eggenberger, der mit seiner Firma Päda.logics unter anderem Kitas und Kinderhorte berät, ist das ein klares No-go: «Wenn das so stimmt, hat der Hort-Betreuer klare Grenzen überschritten.» Einem 12-jährigen Mädchen körperlich so nahe zu kommen und gar die Initiative zu ergreifen, sei hochproblematisch.

«Bei männlichen Betreuern ist die Skepsis gross»

«Berührungen zwischen Betreuern und Kindern sollten eigentlich höchstens bei der Begrüssung und der Verabschiedung stattfinden oder wenn man dem Kind etwas Wichtiges sagen will und ihm an die Schulter fasst, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen.» Diese Berührungen sollen laut Eggenberger immer im Beisein anderer Betreuer und Kinder erfolgen. «Ein Kind ins Büro nehmen und die Türe schliessen, geht nicht.»

Gerade Männer seien hier in der Pflicht, vorsichtig zu sein. «Bei männlichen Betreuern ist die Skepsis von Eltern und Arbeitskollegen automatisch grösser, auch weil immer wieder Fälle von Übergriffen ans Licht kommen. Männer, die Kinder betreuen, sollten darum besonders vorsichtig sein und gerade körperlich auf Distanz zu den Kindern bleiben.»

«Berührung darf nicht der Befriedigung dienen»

Laut Nadine Hoch vom Verband Kinderbetreuung Schweiz (Kibesuisse) müssen Hort-Betreuer eine pädagogische Ausbildung absolvieren. Im Rahmen der Ausbildungen werde der Umgang mit Nähe und Distanz zu Kindern thematisiert. Kibesuisse hat zudem eine Leitlinie zur Prävention von physischen, psychischen und sexuellen Grenzverletzungen erstellt.

In dieser heisst es: «Der Körperkontakt ist situationsabhängig und altersgerecht. Die Berührung darf nie der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse dienen. Das Küssen von Kindern und Jugendlichen ist den Mitarbeitenden untersagt.» Die Mitarbeiter müssten die nötige Distanz wahren, auch wenn Impulse von den Kindern ausgehen würden. Gegenüber Grenzverletzungen gelte die Nulltoleranz.

«Verhaltenskodex ist oft nicht bekannt»

Der Leitfaden enthält zudem eine Verpflichtungserklärung zur Einhaltung des Kodex. Unterzeichner müssen bestätigen, dass sie noch nie sexuelle Handlungen an Kindern oder Jugendlichen vorgenommen haben und dies nie machen werden, dass sie keine pädosexuellen Neigungen haben und sie in kein laufendes Strafverfahren involviert sind und nie involviert waren.

«Das Problem ist, dass dieser Kodex Hort-Angestellten häufig nicht bekannt ist», sagt Eggenberger. In seiner Arbeit habe er festgestellt, dass das Dokument bei Kita-Mitarbeitern deutlich bekannter sei. «Es wäre wünschenswert, wenn es auch in Horten bekannter würde. So könnten den Mitarbeitern die Regeln deutlich gemacht werden und bei Verstössen könnte schneller und einfacher gehandelt werden, weil die Mitarbeiter eine Vereinbarung verletzt hätten.»

(the)